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Textkritik

Zum Beispiel die Frage, was im Kopf desjenigen vorgeht, der Folgendes schreibt...

Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken, Himmlische,
Dein Heiligtum!

Deine Zauber binden wieder,
Was die Mode streng geteilt,
Alle Menschen werden Brüder,
Wo Dein sanfter Flügel weilt.
Wem der große Wurf gelungen,
Eines Freundes Freund zu sein,
Wer ein holdes Weib errungen,
Mische seinen Jubel ein!
Ja - wer auch nur eine Seele Sein nennt auf dem Erdenrund!

Und wer's nie gekonnt, der stehle
Weinend sich aus diesem Bund.
Freude trinken alle Wesen
An den Brüsten der Natur,
Alle Guten, alle Bösen
Folgen ihrer Rosenspur.
Küsse gab sie uns und Reben,
Einen Freund, geprüft im Tod,
Wollust ward dem Wurm gegeben,

Und der Cherub steht vor Gott.


Ode 'An die Freude' von Friedrich von Schiller in: Symphonie Nr. 9 von Ludwig van Beethoven

 
Was Gabi durch den Kopf geht?
Rosenspur. Selten habe ich ein schöneres Wort gelesen. Ein wunderschöner Text. Es geht um eine Tochter - keine, wie ich es bin - keine gewöhnliche, sondern eine heilige, engelgleiche Tochter, die sich uns selber gibt. Die Freude. Sie bringt uns zurück, was wir schon verloren glaubten. Die Erinnerung an eine glückliche Zeit in Liebe. Wunderschön ! Besonders in Verbindung mit der Musik.

Inzwischen wurde das Autograph der 9. Sinfonie als erstes Musikstück überhaupt zum Weltkulturerbe erklärt!
Aber... das war aus dem Bauch heraus,
hier jedoch geht es um den
 
Kopf.   Und dann stolpere ich. 
Nicht überRosen,

sondern über Widersprüche,
die merkwürdiger nicht sein können!
Aber warum ?
 
musik

"Freude schöner Götterfunken"
aus Sinfonie Nr.9
von Ludwig van Beethoven

Allegro energico
Allegro assai
 

Schiller war sicher ein gläubiger Mann, im christlichen Sinne, schließlich spricht der letzte Satz für sich. Doch huldigt er einem 'Götterfunken' und betritt den heidnischen Tempel einer weiblichen Gottheit, einer Göttin! Der Cherub allein folgt noch der Mode, er tritt vor Gott, und weiß dort offenbar nicht, wie es weitergeht. Die Anderen feiern ein fröhliches Fest im Tempel, trinken und lieben. Aber Moment ! Die Frauen sind offenbar zuhause geblieben, alle Menschen im Tempel sind Brüder, also Männer! Oder sind Frauen Wesen ohne Freude? Oder sind sie am Ende gar keine Menschen? Ist dieser Tempel vielleicht sogar eine Szenekneipe für bisexuelle Männer? Wäre ja nicht schlimm, aber sie könnten sich fairerweise ruhig outen !
 
Zudem vermeidet Schiller, die Göttin beim Namen zu nennen: Die Brüste der Natur, das Elysium, das sind nur Hinweise. Das Elysium, griech. elysion, war das "Gefilde der Hinkunft", eine Insel der Seligen und Heroen, im äußersten Westen der Erde gelegen, der Ort, wo die Sonne untergeht. Später war es eine "Abteilung" der Unterwelt. Dort befand sich aber kein Tempel, und einfach so hingehen war auch nicht möglich, denn immerhin war das Elysium nur bestimmten Gestorbenen vorbehalten. Oder hielt sich Schiller schon zu Lebzeiten für einen Helden? Die GriechInnen haben das Elysium von den ÄgypterInnen abgeschaut. Bei ihnen hieß es das "Binsengefilde" und war das Reich des Osiris, dem Bruder der Isis, welche ihn, nachdem er im Nil ertrunken war, zum Leben erweckte, woraufhin sie den Horus gebar. Aber das ist eine andere Geschichte...

 
Demeter und Persephone, Fackeln tragend. Votivrelief aus Eleusis, um 460 v.u.Z., Museum Eleusis Oder meint Schiller das antike Eleusis in Griechenland, wo die Göttin Demeter und ihre Tochter Persephone bei den Eleusinischen Mysterien kultisch verehrt wurden?

Ein Geheimkult, in dem die Wiedergeburt der Persephone aus der Unterwelt im Tempel der Demeter durch Waschungen vollzogen und gefeiert wurde. - Ist die Tochter aus Elysium mit Persephone identisch? Doch Persephone bedeutet 'Zerstörerin'. Sie ist die dreifaltige Göttin, in Gestalt der 'Alten'. Sie ist also keine Jung-Frau, auch wenn das Wort Tochter das suggeriert. Das Elysium war das 'Paradies', im Gegensatz zum Tartarus, der 'Hölle'. Persephone, die Göttin der Unterwelt, herrschte über beide. Sie ist gut und böse zugleich. Sie nimmt jede und jeden an. Ganz wie es auch der Text sagt: Alle Guten, alle Bösen folgen ihrer Rosenspur.

Der Text wird diesem Doppelaspekt aber nicht gerecht, will er offensichtlich auch nicht. Es geht nur um die Freude. Aber wird Schiller da nicht inkonsequent, wo er doch fast anklagend feststellt, dass die Mode streng geteilt hat? Jedenfalls bleibt er in der Tradition antiker, patriarchaler Mythologie, die die Grosse Göttin der Urgeschichte (identisch mit der Natur) erst zwei- dann dreigeteilt hat, sogar multipliziert hat, um Göttinnen schließlich zu Ehefrauen oberster Götter zu machen. Und jetzt ist der christliche Gott Mode. Schiller geht sogar noch weiter -  teilt auch die Menschen: in Männer und Frauen, in Freudige und Freudlose. Da kann auch der Zauber der Natur nichts mehr binden.

Was geht jetzt in Deinem Kopf so vor? Hier hast Du die Gelegenheit, mir zu schreiben. Mehr über Doppelgöttinnen erfährst Du im archäologischen Teil dieser Homepage.

   © 2000-2001 catal.de Fazit: Der Versuch, das Elysium zu thematisieren, ist ziemlich in die Binsen gegangen. Schiller hat da einiges durcheinandergebracht und das Thema leider verfehlt, Beethoven allerdings nicht!