Menschsein
und Anthropologie
im Lichte der Patriarchatsforschung

Das Patriarchat.
Definition, Geschichte und Symptome.



Merkmal und Gemeinsamkeit aller Patriarchate ist das Vaterrecht. Darüber hinaus unterscheiden sich die Gesellschaften in der Ausgestaltung des Zusammenlebens, der Kultur und des Wirtschaftens. Das Vaterrecht zieht zudem eine lange Kette von Problemen nach sich, die alle Bereiche des Lebens und der Umwelt betreffen.
Ein Mann, der einer Familie aus einer oder mehreren Ehefrauen und deren ehelichen Kindern vorsteht bzw. über sie als sein Eigentum bestimmt, wird als Patriarch bezeichnet. Daher kommt es verbreitet zu der Ansicht, dass wir in Europa nicht mehr im Patriarchat leben. In Deutschland gibt es jedoch ein dezidiertes Vaterrecht, das im Grundgesetz verankert ist. Ehe und Familie, also die Orte der Ausübung des Vaterrechts, sind sogar besonders geschützt. Zudem wurde das Recht des Kindes, seinen Vater zu kennen, schon vor Jahrtausenden ausgerufen und ist bis heute gesetzlich verankert. Beide Rechte bestärken sich gegenseitig.
Wie der Begriff "Patriarchat", der wörtlich übersetzt "Herrschaft der Väter" bedeutet, bereits anklingen lässt, haben wir es mit Herrschern und Beherrschten zu tun, mit Unterdrückern und Unterdrückten. Das Patriarchat entstand gewaltsam, speziell mit Entführungen, Vergewaltigungen und Bestrafung von Frauen und Mädchen, und wird heute sowohl gewaltsam, als auch mit rechtsstaatlichen Mitteln (den "Gewalten") aufrecht erhalten. Ziel der Täter war und ist die Sicherstellung der biologischen Vaterschaft, die nur unter der Kontrolle der weiblichen Sexualität und der Kontrolle der unter diesen Bedingungen gezeugten Kinder auch als soziale Vaterschaft ausgeübt werden kann. Daraus leiten die Patriarchate die rechtliche Vaterschaft ab.
Die Erfahrungswerte und Zahlen über die Lage der Mütter und Kinder, speziell auch der alleinerziehenden Mütter, in unserer Gesellschaft, werden vor diesem Hintergrund fassbar und als Symptom unseres Patriarchats begreifbar.

Der patriarchalisierte Mensch erforscht sich selbst

Dass nicht die Mütter herrschen, wurde seit Jahrtausenden damit erklärt, dass dies von den Göttern – und später von dem einen Gott – gewollt sei. Den angeblichen Willen der Götter, verbreitet von angeblich heiligen Männern, machten sich die Gläubigen zueigen, entsprach er doch auch der schon länger etablierten Lebenswirklichkeit. Ein denkbare Gleichheit der Geschlechter kam daher nicht infrage. Sie wurde zwar später an manchen Stellen in den Heiligen Schriften postuliert, dies jedoch nur um die Frau an ihren Platz zu verweisen, an dem sie scheinbar gleichberechtigt war, in ihren spezifischen Rechten und Pflichten als Ehefrau und Mutter, nicht aber als autonomes Wesen.

Die europäische Aufklärung im 18. Jh. führte zu einer Neubewertung der Glaubensvorstellungen, mitausgelöst durch die Verheerungen der Hexenverfolgung unter Federführung der Kirchen. Der beginnende Atheismus, der von patriarchalisch geprägten Denkern getragen wurde, suchte die entstandene Lücke zu schließen und bediente sich der gerade entstandenen Evolutionslehre Darwins. Darwin postulierte für alle Lebewesen einen "Kampf ums Dasein", eine Vorstellung, die von den sog. Sozialdarwinisten auf die Beziehung von Mann und Frau angewendet wurde, als sei es ein Naturgesetz, dass es irgendwann keine Frauen mehr gäbe, sondern nur noch Männer. Es wurde also postuliert, dass der Mensch, insbesondere der Mann, von Natur aus gewalttätig sei, und die Frau daher unterlegen sein muss. Mit dem Glauben an das "Recht des Stärkeren" wurde das Patriarchat neu legitimiert, das mit der Aufweichung der einst starken Festung des Gott-Vater-Glaubens ins Wanken geraten war. Das Patriarchat wurde und wird seitdem vielfach, wenn nicht als gottgegeben, so doch als naturgegeben vorausgesetzt. In meinem Aufsatz zur Geschichte der Erforschung der Matrifokalität auf dieser Homepage habe ich bereits dargestellt, welche Entwicklung sich daran anschloss, die einerseits mit dem Werk des Rechtshistorikers und Kulturanthropologen Johann Jakob Bachofen und andererseits mit den archäologischen Funden sogenannter Venus-Figuren aus der Altsteinzeit ausgelöst wurde.

Nach dem Ende des Feminismus alter Prägung widmen sich heute fast alle Fachbereiche unter der Bezeichnung "Gender Studies" der Frage, was dem Patriarchat fachspezifisch entgegenzusetzen sei. Mit Ausnahme der naturwissenschaftlichen Fächer wie Biologie, Anthropologie und Medizin werden evolutionäre, biologische Aspekte stets ausgeklammert und als biologistisch abgewertet, und stattdessen wird versucht, eine Strategie zu entwickeln, wie mittels politischer Meinungsbildung oder Sprache Gleichberechtigung herzustellen sei. In den Naturwissenschaften wird nicht selten versucht, das kulturelle Verhalten weiblicher und männlicher Primaten als gleich darzustellen. Die neue Ideologie, die in den Universitäten erdacht wurde, das sog. Gender Mainstreaming, wurde mit dem Amsterdamer Vertrag von 1997/1999 in der EU-Politik fest verankert. Da die Gender Studies staatlich finanziert sind, war von Beginn an Skepsis angebracht, dass hiermit das Patriarchat zu beenden wäre. Es stellte sich in der Tat heraus, dass das Gender Mainstreaming zum Wohle der Wirtschaft zur Anpassung der Frau an die männliche Lebensweise führte, und Kinder dabei nur als Störfaktor angesehen werden. Als die Frauen in die Arbeitswelt drängten, sanken die Löhne drastisch, so dass heute ein Gehalt allein nicht mehr ausreicht, eine Familie zu ernähren. Mit dem Hinweis auf die Sachzwänge der Globalisierung wird dieser Umstand verschleiert.

Dass es Monogamie und Eheschließung, also die Familie, schon in der Altsteinzeit gegeben hätte, ist von den Gender Studies nie infrage gestellt worden. Mit dieser Rückdatierung des Patriarchats in die Anfänge der Menschheit waren die Gender Studies für das System interessant geworden, wo zuvor der Feminismus das Patriarchat zurückzudrängen begann. Entsprechend viel Geld wurde in diese Pseudowissenschaft gepumpt.

Neue Denkanstöße kommen seit einigen Jahren aus der sog. Citizen Science, der unabhängigen Bürgerforschung. Mit der hier angesiedelten kritischen Patriarchatsforschung wurde begonnen, interdisziplinär, unter Einbeziehung der Anthropologie, also der menschlichen Evolution und Biologie, die Entstehung und Aufrechterhaltung des Patriarchats zu untersuchen und zu verstehen. Heute gilt daher die Unterdrückung der sog. female choice als Basis des Patriarchats und als sein einzig sicheres Erkennungszeichen. Es wurde deutlich, dass das besondere, soziale Miteinander des Menschen seine Wurzeln in der matrifokalen, also matrilokalen und matrilinearen SIPPE hat, die vom Patriarchat zerstört wurde, so dass die Mehrheit der Menschen, aber immer noch nicht alle, in patrilinearen Gruppen, den FAMILIEN, patrilokal leben. Es konnte damit nicht nur der Widerspruch aufgelöst werden, dass der Mensch einerseits gewalttätig werden kann und Kriege führt, und andererseits als höchst sozial gilt. Es wurde mit dem Wissen, dass die Mütter aus ihrem urmütterlichen Schutzraum gerissen wurden und den Vätern und deren Familie fortan ausgeliefert waren, erklärbar, warum Frauen und Kinder, letztlich also auch die Männer, im Patriarchat leiden und gleichzeitig, warum ausgerechnet die Religionen dies rechtfertigen.

Patriarchale Ideologie und ihre Folgen

Das Patriarchat wurde vor ca. 8000 Jahren mit dem Aufkommen des Viehnomadismus in den Steppengebieten errichtet. Die Frau wurde in die Ehe gezwungen und sie hatte ihrem Ehemann und seiner Herde zu folgen. Unsere indoeuropäische Sprache, die aus der Steppe stammt, ist entsprechend durchsetzt mit Metaphern aus der Tierzucht. Eine Frau, die ihre female choice frei lebt, also selbstgewählte, wechselnde Sexualpartner hat, wird als "unzüchtig" (sinngemäß: sich der Zucht entziehend) oder "zügellos" bezeichnet. Es handelte sich um eine bis dahin unbekannte Denk- und Lebensweise in der sich die Männer ihrer väterlichen Linie bewusst geworden waren (Patrilinearität) und die Frauen und Kinder daher zwingen konnten, bei ihnen zu wohnen (Patrilokalität). Bei der Beobachtung der Tiere, welche der Mann wie ein Schöpfergott nach seinem Willen zu züchten begann, passierte der größte Irrtum der Menschheit, nämlich, dass die Frau nur das Gefäß männlichen Samens sei. Zu teuer und obendrein meist unwillig war die Frau für den Mann zur Last geworden, Ursache des tiefen Hasses auf die Frauen, sowie männlicher Überheblichkeit und des Machtstrebens. Als Ziel des Patriarchats ist in den Heiligen Schriften die Abschaffung der Mutter erkennbar, deren Metapher "Fruchtbarkeitsgöttin" sukzessive durch einen allmächtigen, d.h. unsterblichen, menstruierenden, gebärenden und stillenden Gott ersetzt wurde. Dieses Ziel erschien wie oben erwähnt im Sozialdarwinismus neu verpackt wieder an der Oberfläche patriarchalen Denkens. In unserer Zeit wird es durch die Reproduktionsmedizin, die Patentierung der Muttermilch, die Fremdbetreuung der Kinder u.a. vorangetrieben, mitgetragen auch von einem falsch verstandenen Feminismus, der die Frau von dieser vermeintlich lästigen und undankbaren Aufgabe zu befreien sucht. Dass es das Patriarchat auf die besonders kostbare Fähigkeit der Frau, Mutter zu werden, abgesehen hat, wurde vom Feminismus nicht erkannt und von den Gender Studies ausgeblendet. Eine Frau, die ihr Frausein über ihre Fähigkeit, Mutter zu werden, definiert, wird als biologistisch abgewertet, sind da ja auch Männer, denen das ermöglicht werden soll. Die Strategie ist denkbar einfach. Erst der Frau unerträglich gemacht, dann von ihr abgelehnt und vom Patriarchat scheinheilig diffamiert, kann die Mutterschaft der Frau weggenommen werden, um die Supervaterschaft, den Endsieg des Patriarchats, Wirklichkeit werden zu lassen. In den Heiligen Schriften ist dieses Ziel von Gott-Vater längst umgesetzt. Aber was will der Patriarch mit dieser Fähigkeit? Wird sie ihm einst nicht ebenso lästig und unangenehm wie der patriarchalisierten Frau? Mit der Supervaterschaft sucht der Mann Unsterblichkeit, die ihm zur totalen Macht fehlt. Dabei spielt es keine Rolle, wie das Leben der so gezeugten Kinder aussehen wird oder wie sie sich fühlen. Wesentlich wird sein, dass diese Kinder funktionieren und die Macht und den Reichtum des Patriarchen weiter mehren. Liebe ist dem Patriarchen fremd. Er kompensiert sie mit Materialismus. Doch die Natur wird diesen Machenschaften einst Grenzen setzen, zerstört er doch zunehmend seine Lebensgrundlage, unsere Mutter Erde.

Schlussbemerkung

Erst mit der kritischen Patriarchatsforschung steht nun dieses neue Wissen zur Verfügung, mit dem nicht nur die Gender Studies als patriarchales Instrument entlarvt werden. Es entzieht sowohl dem antifeministischen Maskulismus als auch den Theologien den Nährboden. Die Natur stellt sich jetzt nicht mehr als feindliche, zu überwindende "Barbarei" dar, sondern als Raum wahrer Gleichberechtigung, den es neu zu entdecken gilt.

Tieferen Einblick und weiterführende Literaturhinweise liefert u.a. meine beiden Bücher
Zum Kreise der im Netz aktiven kritischen Patriarchatsforschung gehören neben meiner Wenigkeit:

Kirsten Armbruster, Gerhard Bott sowie die Bloggerinnen Stephanie Gogolin und Suedelbien

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