Menschsein
und Anthropologie
im Lichte der Patriarchatsforschung

Explosion und Expansion.
Wie Vatermacht die Welt unterjocht.




Vortrag gehalten am 17.5.2019 an der Philipps-Universität Marburg im Rahmen der Studientage "Nachhaltigkeit und Gesellschaftsformen aus kritisch geographischer Sicht" im Fachbereich 19 Geographie.


Überbevölkerung
Bild: Plastik "Überbevölkerung", Neanderthal-Museum Mettmann. Bildquelle: wikimedia commons (user: Fährtenleser)

Im Jahre 1972 veröffentlichte der Club of Rome die Aufsehen erregende Studie "Die Grenzen des Wachstums"[1] mit der er vor dem ungebremsten Wachstum der Weltbevölkerung warnte. Damals lebten 3,84 Milliarden Menschen und China war mit 862 Mio. Einwohnern das bevölkerungsreichste Land. Ab 1979 versuchte China mit der 1-Kind-Politik Hungersnöten entgegenzuwirken. In der Folge wurden zahllose Mädchen abgetrieben. Dennoch leben in China inzwischen 1,3 Milliarden Menschen. Aber für junge Männer ist es schwer geworden, eine Frau zu finden.

Knappheit führt im Allgemeinen zu einem Wertzuwachs des knappen Gutes. Die chinesische Frau wird heute aber nicht höher geachtet, sondern wie eine teure Mingvase gehandelt. Menschenhandel, Entführungen und Prostitution sind immer lukrativere Einnahmequellen geworden.

Indien, wo 1972 noch 579 Mio. Menschen lebten, macht China mit 1,2 Milliarden nun die Führung streitig. Der Journalist Arne Perras recherchierte:
"Delhi setzte auf Massen-Sterilisationen. Sie sind bis heute die häufigste Form der Verhütung im bald bevölkerungsreichsten Land der Welt. In ‚Sterilisations-Camps’, die in kühleren Monaten vielerorts eingerichtet werden, arbeiten Ärzte wie am Fließband. 80 Operationen in weniger als fünf Stunden sind keine Seltenheit. Mangelnde Hygiene, fehlende Geräte, Schlamperei und in einzelnen Fällen sogar Trunkenheit der Männer mit dem Skalpell führten zu zahlreichen Todesfällen. 2014 starben in einem Dorf innerhalb weniger Stunden 15 Frauen. Oft wissen die Frauen gar nicht genau, was sie erwartet, sie werden von ihren Männern gedrängt oder gezwungen."[2]
Aufgrund der weltweiten Bevölkerungsexplosion, wobei natürlich auch Afrika und Länder wie Indonesien besonders zu nennen sind, ist die Weltbevölkerung bis 2018 auf 7,65 Milliarden angestiegen. Die Prognose des Club of Rome war damit sehr genau. Der Geograph Michael Sypien schreibt darüber:
"Auf die Bevölkerungsanzahl wirken zwei Faktoren ein. Die Fruchtbarkeit vergrößert die Bevölkerung exponentiell, da sich bei gleichbleibender Geburtenrate die Basis der Bevölkerungsanzahl immer mehr verbreitert. Diesem positiven Regelkreis wirkt der negative Regelkreis der Todesfälle entgegen. Die Sterblichkeit wirkt auf die Bevölkerungsanzahl regulierend. Seit der industriellen Revolution ist der negative Regelkreis aber zunehmend geschwächt; durch eine bessere medizinische Fürsorge nimmt die Sterblichkeit ab, und durch ein erhöhtes Nahrungsmittelangebot hat sich das Durchschnittsalter von 30 Jahre (1650) auf 53 Jahre (1972) weltweit erhöht. Da sich auch die Geburtenrate erhöht hat, nennen die Autoren (des Club of Rome) das Bevölkerungswachstum gar 'superexponentiell'."[3]

2016 forderten der norwegische Zukunftsforscher Jørgen Randers und der britische Ökonom Graeme Maxton - beide Mitglieder des Club of Rome - in ihrer Veröffentlichung mit dem Namen "Ein Prozent ist genug"[4] ein politisches Umsteuern. Durch die Presse ging vor allem ihr Vorschlag, Frauen mit nur einem Kind im Alter von 50 Jahren mit einer Prämie von 80.000 Dollar zu belohnen, was von der Öffentlichkeit empört als Bestechung zurückgewiesen wurde. Darüber, wie Frauen das schaffen sollen, wie sie das Geld für sich behalten können, und wie ein neuer Gynozid verhindert werden könnte, schwiegen sich die beiden Männer jedoch aus, in dem Wissen, dass Gynozid schon jetzt ein weltweites Problem ist.

Die Überbevölkerung ist entgegen landläufiger Vorstellung gar kein modernes Problem. Sie ist schon seit Anbeginn des Patriarchats festzustellen. Ein Ausdruck dessen dürfte der babylonische Atra-Hasis-Mythos sein, ein Vorläufer der Arche Noah-Geschichte, im Folgenden erhellt durch die Archäologin Eva Götting:

"Die Menschen hatten sich, nachdem sie geschaffen wurden, auf der Welt vermehrt und erzeugten einen derartigen Lärm, dass sich der Gott Enlil in seinem Schlaf gestört fühlte. Er schickte die Sintflut, die das Problem ein für alle Mal aus der Welt schaffen sollte. Nur einige Menschen überlebten durch das Eingreifen des Weisheitsgottes Ea und auf Drängen der Göttin Aruru. Um einer künftigen Lärmbelästigung vorzubeugen, wurden Wesen auf die Erde gesandt, die eine Überbevölkerung unterbinden sollten."[5]

Statt es ursächlich zu lösen, versuchte die Menschheit das Problem seit seinem ersten Auftreten zu kompensieren. Dazu gehören z.B. der Pflug, der Dünger und die staatlich organisierte Bewässerung. Diese Technologien beruhten auf Ausbeutung und Gewalt gegen die belebte und unbelebte Natur, wie die großflächigen Rodungen, die Tier- und Pflanzenzucht, der Bergbau, die kriegerische Expansion und heute auch die sog. Schädlingsbekämpfung. Jedoch führen diese zu nur noch mehr Überbevölkerung, so dass das Ziel - kaum nähern wir uns ihm an - sukkzessive wieder in uneinholbare Ferne rückt. Die Erde kann keine unendlich große Zahl an Menschen aufnehmen, auch wenn wir noch so viel Nahrung um den Globus verschiffen oder fliegen. Die Umverteilung und Kühlung von Nahrungsmitteln verbraucht obendrein Unmengen an Energie, was unseren Planeten weiter schädigt. Hilfsorganisationen glauben dennoch fest daran, dass es für alle reiche, wenn es nur richtig verteilt würde.

Das Erkennen und Abstellen der Ursache rüttelt am größten Tabu, nämlich an der Vaterschaft. Männern ist es offenbar nicht zuzumuten, ihre Fruchtbarkeit zu begrenzen, geschweige denn ganz auf Kinder zu verzichten.
Dagegen wird Frauen alles nur denkbare angetan, um die Kinderzahl wahlweise zu erhöhen oder zu begrenzen oder eine Schwangerschaft ganz zu verhindern. Dabei wird über zahllose weibliche Leichen gegangen. Dies ist der Stand der Dinge.

Jede Einmischung in die Sexualität einer Frau verstößt nicht nur gegen ihr verbrieftes Persönlichkeitsrecht, sondern vor allem gegen ihr Naturrecht, der female choice, demjenigen evolutionären Regulativ, das Überbevölkerung ohne jedes Leid verhindert. Die female choice ist die naturgegebene sexuelle Entscheidungsfreiheit aller weiblichen Lebewesen über ihren Körper und der eigentliche Hintergrund der sog. Sexuellen Selektion, die Charles Darwin entdeckte und neben die Natürliche Selektion stellte. Nur sehr wenige Wissenschaftler anerkannten seitdem seine These, denn eine wählerische, freie Frau gilt als unzüchtig, ungehorsam oder gefährlich und ist daher undenkbar.

Erst in den 1990iger Jahren wagte es die amerikanische Anthropologin Meredith Small, die Wirkungen der female choice an Primaten zu beschreiben und erregte damit die Aufmerksamkeit eines größeren Publikums.[6] Nachdem es um ihre Untersuchungen wieder sehr ruhig geworden war, startete im Jahr 2017 der amerikanische Ornithologe Richard O. Prum einen neuerlichen Anlauf, als er die female choice der Vogel-Weibchen als treibende Kraft für Veränderungen an Aussehen und Verhalten der Arten beschrieb.[7]
Mit seiner Übertragung auf den Menschen verwickelte er sich jedoch leider in Widersprüche, weil er es als Familienvater und Gläubiger als selbstverständlich ansah, dass Menschen wie die Vögel in Paarbeziehungen leben. Damit unterschätze er bei weitem die menschliche female choice, die er auf die einmalige Wahl des Ehemanns beschränkte. Für seine Nominierung für den Pulitzer-Preis war das aber offensichtlich hilfreich.

Die Sexuelle Selektion wird oft als Sonderfall der Natürlichen Selektion bezeichnet, welche aber lediglich die Anpassung an Umwelteinflüsse meint. Die female choice entfaltet jedoch eine eigenständige Kraft, wie es Darwin, Small und auch Prum entdeckten. Sie steht noch über der Natürlichen Selektion, denn sie kann unmittelbar jede Generation spürbar verändern, während die Natürliche Selektion nur zu allmählichem Wandel führt und manchmal sogar zum Aussterben einzelner Arten oder gar ganzer Ökosysteme.

Das Vorrecht der freien Wahl durch die Weibchen ist ein Urinstinkt. Er ist so tief in der Phylogenese, also der Entwicklung aller Lebewesen, verankert, dass er nicht weggezüchtet werden kann. Die female choice läuft bewusst und unbewusst aber auch ebenso unbemerkt im Körper ab. Es kann ihr daher niemand gänzlich entkommen. Sie ist das Gegenteil von sexueller Unterdrückung, und sie macht, wenn sie frei gelebt werden darf, die Frau zur Regisseurin der Sexualität.
Die female choice erfüllt in der Evolution elementare, Leben schützende Funktionen. Die Menschenfrau hat relativ selten Nachkommen, und daher hat jedes ihrer Kinder idealerweise einen anderen genetischen Vater. Dies dient naürlich der genetischen Vielfalt, die die Gesundheit der Population schützt.
Eine Frau, die ihre female choice lebt, gebiert nicht mehr Kinder sondern weniger als eine patriarchalisierte Frau, denn sie hat insgesamt weniger Sex. Das mag Sie überraschen, denn eine Welt freier Frauen stellen sich viele als Sexparadies vor. Warum ist dem nicht so?

Unter natürlichen Bedingungen gibt es nur lustvollen Sex ohne jeden Hintergedanken daran, Mutter zu werden oder dem Partner zu gefallen. Jeder Hintergedanke würde die female choice bereits einengen. Dass dabei ein Kind entstehen sein kann, bereitet keine Angst und wird einfach in Kauf genommen. Wenn die Verliebtheit nachlässt, geht die Frau ihrer Wege, und das ist meist schon nach wenigen Monaten so. Die wild lebende Frau kann sich das leisten, denn sollte sie schwanger geworden sein, ist sie existentiell über ihre mütterliche Sippe abgesichert.

Damit schläft im Bett der jungen Mutter kein Vater, sondern dort liegt ihr Kind. Dies gewährleistet, dass das Baby und Kleinkind jederzeit Zugang zur Milchquelle hat, selbst wenn die Mutter schläft. Durch das Stillen rund um die Uhr werden die Still-Hormone so hoch gehalten, dass die Mutter nicht sofort wieder schwanger wird.[8] Einerseits bleibt die Menstruation länger aus, andererseits hat die Mutter länger kein Bedürfnis nach einem neuen Liebhaber, denn Einsamkeit kennt sie nicht, und sie ist durch das Oxytocin in ihr Baby verliebt.

Im Patriarchat mit seinem Zwang zur Monogamie ist eine Frau den sexuellen Begierden des Mannes im Ehebett schutzlos ausgeliefert. Er glaubt, ein Recht auf Sex zu haben, und sie glaubt, ihm dies geben zu müssen, denn sie und ihre Kinder sind von seinem Wohlwollen existentiell abhängig.

Kulturen Bäuerliche Kultur - Himmelbett 3
Bild: Ehebett und Wiege

Patriarchale Wissenschaft machte daraus übrigens das Dogma der "sozialen Funktion von Sex" als einer naturgegebenen Tatsache und ersann die Begriffe Paarbildungssex und Paarbindungssex. Beides ist der wild lebenden Frau unbekannt.

Es ist klar, dass eine Frau, die in fester Partnerschaft lebt und keinen Zugang zu Verhütungsmitteln hat, kurz aufeinanderfolgend schwanger werden muss. Alte Kirchenbücher belegen, dass dies auch bei uns noch bis ins letzte Jahrhundert der Fall war. Oft verhinderte nur der Tod der Mutter unter der Geburt weitere Geburten. Doch weder das noch die Konkurrenz durch ein älteres Stillkind kann im Sinne eines Babys sein. Beide bedrohen sich sogar gegenseitig in ihrer Existenz. Tatsächlich starben von den nicht selten über 10 Kindern manchmal mehr als die Hälfte. Übrig blieben dennoch weit mehr Kinder als Haus und Hof, letztlich das ganze Land, tragen konnte.

Nicht nur viele Schwangerschaften und fehlende Hilfen sind eine enorme Belastung für Frauen, sondern auch der Tod ihrer Kinder und natürlich die Tatsache, sexuelle Dienste gegen ihre innere Neigung leisten zu müssen. Ohne einen Mann, der permanente sexuelle Ansprüche stellt, führt die beinahe ganzjährige Fruchtbarkeit der Frau nicht zu zuvielen Kindern, sondern ermöglicht es bei den natürlicherweise seltenen Kontakten mit fremden Männern überhaupt schwanger zu werden. Zudem gibt es in der Natur aufgrund der female choice keinen Zwang zur Mutterschaft.

Viele Frauen würden unter natürlichen Bedingungen kinderlos bleiben und niemand würde sich daran stören. Der female choice kommt also die Schlüsselstellung bei der Verhinderung von Überbevölkerung und deren Folgen zu.

Wir haben damit auch die Gründe kennengelernt, warum unsere Biologie eigentlich FÜR uns Frauen und nicht gegen uns arbeitet, wie es die meisten Feministinnen leider glauben. Erst das Patriarchat macht unsere Biologie zu einer Bürde.

Die amerikanische Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy konnte anhand der besonderen Probleme, die die zunehmend lange Kindheit mit sich brachte, aufzeigen, dass die Einheirat und der Zuzug einer Frau und künftigen Mutter in die Familie eines Ehemanns für den Fortbestand der Menschheit in der Altsteinzeit fatal gewesen wäre. Daher ist uns nicht Patrilokalität, sondern Matrilokalität angeboren. Sie rekonstruierte die artgemäße Lebensweise von Homo Sapiens auf der Basis der female choice, und der Großmutterthese nach Hawkes und Beise/Voland.[9]

Das Großmutter-Mutter-Kind-Kontinuum war demnach eine Erfolgsgeschichte der Evolution. Die Großmutter mütterlicherseits trug entscheidend dazu bei, dass der Nachwuchs ihrer Tochter überlebte. Dies ist übrigens auch der Grund, warum wir Frauen eine Menopause erleben können.

Erst nach ihrer Emeritierung schrieb Blaffer Hrdy in eine Fußnote ihres vorerst letzten Buches:
"Ich gehörte übrigens zu denjenigen, die schon frühzeitig davon überzeugt waren, dass Menschenaffen zur Patrilokalität neigten. Ich änderte meine Meinung im Verlauf der Arbeit an 'Mutter Natur'."
(HRDY 2010, Fußnote 20, S. 448)
Sie stellt vor allem fest, dass ...
"... ungeachtet dogmatischer Verlautbarungen, wonach Menschen für gewöhnlich ‚eine patrilokale Familienstruktur besitzen', weil 'Söhne in traditionellen Gesellschaften in der Nähe ihrer Familien bleiben, während Töchter fortziehen', diese grundlegende Aussage über die menschliche Natur nicht von Daten über Menschen gestützt wird, die tatsächlich als Jäger-Sammler leben." (HRDY 2010, S. 336)

Entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der hohen menschlichen Sozialität hatte ihr zufolge das Leben in matrilokalen und matrilinearen Gemeinschaften. Der immer wieder betonten männlichen Jagd kommt dabei nicht die Bedeutung zu, die ihr meistens zugeschrieben wird. Blaffer Hrdy schreibt darüber:

"Auch wenn der Jäger noch so geschickt ist, ist das Aufspüren und Töten von Beutetieren ein riskantes Unterfangen mit unbestimmtem Ausgang. Ein Mann kann jeden Tag auf die Jagd gehen und trotzdem wochenlang mit leeren Händen heimkehren. Ein Jäger (…) kann sich den Misserfolg leisten, weil er davon ausgehen kann, einen Anteil an den von den Frauen gesammelten Früchten, Nüssen und Knollen zu erhalten, und auch weil andere Männer an diesem Tag mehr Glück haben mögen". (HRDY 2010, S. 27)

Hadzabe Hunters
Bild: Jäger der Hazda, Nord-Tansania. Bildquelle: Wikimedia Commons


In ihrem Buch "Mutter Natur" weist sie daraufhin, dass es den Jägern weit mehr um - wörtlich - Angeberei geht, als darum, Fleisch für die Kinder ins Lager zu tragen.
Ich gehe daher davon aus, dass die Jagd überwiegend eine sexuelle Aufgabe erfüllte. Sich einander fremde Männer entwickelten über Jagd Männerfreundschaften und gegenseitiges Vertrauen. Sie bekamen damit Zutritt in andere Sippen zu ihnen nicht verwandten Frauen. Auf diese Weise wurde die matrilokale Ausübung der Exogamie gefördert.

Der rein männliche Blick auf die Menschheitsgeschichte mit dem Dogma des Familienvaters als Ernährer ist völlig verfehlt und geht an der Basis der Evolution vorbei, nämlich der verlässlichen Versorgung des Nachwuchses und seiner Mütter. Auch das Faktum, dass Männer bis ins hohe Alter, wo sie schon gar nicht mehr auf die Jagd gehen, zeugungsfähig sind, ist ein ganz klares Indiz dafür, dass der genetische Vater nicht der Ernährer war.

Die Sozialanthropologin Julia Colette Berbesque und ihre Kollegen von der University of Roehampton in London haben in einer Studie

"den Ernährungszustand von 36 heutigen Jäger-und-Sammler-Völkern mit dem ursprünglicher, nicht industrialisierter Bauernkulturen verglichen – und dies getrennt nach warmen und kalten Lebensräumen. (…) Das überraschende Ergebnis: Jäger und Sammler leiden nicht häufiger, sondern sogar deutlich seltener unter Nahrungsmangel – zumindest dann, wenn sie in gemäßigtem oder warmem Klima leben. Hungersnöte sind bei ihnen sowohl seltener als auch kürzer."[10]

Tatsächlich sind wir auf regelmäßige Nahrung und auf Wasser angewiesen. Kinder reagieren mit lautem Weinen, wenn sie Hunger oder Durst haben, Mütter werden also danach trachten, dies zu verhindern. Unsere Vorfahren hielten sich, wie jede andere Tierart auch, nach Möglichkeit nur dort auf, wo die Natur sie gut versorgte. Auch die Menschen der europäischen Altsteinzeit lebten nicht auf dem ewigen Eis wie die rezenten Inuit, sondern vor allem in den Gebieten, wohin sich alle heute in Europa einheimischen Pflanzen zurückgezogen hatten und die Eiszeit überlebten.

Das sind die Gegenden, wo wir heute altsteinzeitliche Bilderhöhlen und Frauenstatuetten finden. Die Bevölkerungsdichte war dabei vor 40.000 Jahren mit europaweit nur ca. 1500 Individuen, was etwa 10-15 matrifokalen Sippen entspricht, sehr gering, wie es jüngst vom Projekt "Our Way to Europe" unter der Leitung der Geoarchäologin Isabell Schmidt errechnet wurde.[11]

Eigentlich ist es einleuchtend: Da wo Kinder aufwachsen, muss es so sicher und verlässlich wie möglich sein. Deshalb hatten die Mütter der Altsteinzeit sichere und sozial stabile Bedingungen selbst geschaffen. Sie lebten nicht wie die meisten Menschen heute an eigentlich unwirtlichen, lebensfeindlichen Orten und sie lebten nicht in Familien, sondern in Sippen. Statt Patrilokalität war die lebenslange Matrilokalität die effizientere Strategie, mit der die Mütter alle Schwierigkeiten der langen Kindheit bewältigten.

Die Archäologin Marija Gimbutas nannte diese Lebensweise Matrifokalität. Matrifokalität hat nichts mit Macht zu tun, sondern mit Fürsorge und Kooperation in der mütterlichen Linie, der Matrilinearität, und sie ist unsere artgemäße Lebensweise, die, weil sie uns angeboren ist, immer noch unser patriarchal überformtes Sozialverhalten mitbestimmt. Sie war, wie Marija Gimbutas es entdeckte, auch nachdem die Landwirtschaft erfunden war bis weit in die Jungsteinzeit gelebte Wirklichkeit.

Die biologische Vaterschaft konnte erst in der Sesshaftigkeit erkannt werden, zur Durchsetzung von Patrilinearität, also der Einheit von biologischer und sozialer Vaterschaft, gab es aber zunächst keinerlei Veranlassung. Zum mütterlichen Prinzip gehört das bedingungslose Teilen von Nahrung und Heimstatt mit den Kindern, d.h. alles wurde von allen als Eigentum angesehen. Eine Teilung des Besitzes und ein Erbrecht waren daher überflüssig. Alle Kinder wohnten sowieso lebenslang in der Sippe. Als Brüder und Onkel hatten die Männer die Rolle des sozialen Vaters inne, übten damit aber keine Herrschaft aus, denn sie konnten ihre Angehörigen nicht mit dem Entzug des Erbes erpressen oder andere Machtmittel einsetzen, vor allem aber fehlte ihnen das Verlangen danach.

Diese Lebensweise ist mittlerweile auch mit naturwissenschaftlichen Methoden nachweisbar, das sind die Genetik und die Epigenetik bzw. Osteologie und Odontologie, also Knochen- und Zahnkunde sowie die Isotopen-Analyse.

In der größten jungsteinzeitlichen Siedlung und Ackerbaukultur Çatal Höyük beispielsweise lebten bis zu 8.000 Menschen über 2200 Jahre lang friedlich und herrschaftsfrei zusammen. Der Grabungsleiter Ian Hodder nennt es sogar "aggressively egalitarian". Die Odontologin Marin Pilloud fand keinerlei epigenetische Hinweise auf Kernfamilien, "No family plots"[12], wie sie es ausdrückte. Damit fehlen jegliche Anzeichen für ein Patriarchat.
(Nachtrag: Daran ändert auch nichts die jüngste Studie (Juni 2019)[13] der bioarchäologischen Arbeitsgruppe unter Clark Spencer Larsen, in der Pilloud mitwirkte, und die darauf abzielt, ein Patriarchat in Çatal Höyük nachzuweisen. Ich konnte nachweisen, dass die Studie manipulativ ist und auf tönernden Füßen steht. Sie ist ein besonders schönes Beispiel patriarchaler Methodik.)

Eine jüngst von den Paläogenetikern Haak/Krause/Jeong veröffentliche Untersuchung deckte auf, dass die ersten Ackerbauern Anatoliens, zu denen auch Çatal Höyük gehört, indigene Anatolier waren, die seit der Altsteinzeit dort ansässig gewesen sind.[14] Das bedeutet, dass sie die gelebte Matrifokalität in die Sesshaftigkeit mit herüber genommen hatten.
Von Çatal Höyük können wir lernen, dass Sesshaftigkeit nicht automatisch ins Patriarchat führt, und Hochkultur nicht von Hierarchie und Unterdrückung abhängig ist. Die hier freilich gefundenen ersten Zivilisationskrankheiten nehmen sich gegen die Folgen des Patriarchats aber geradezu harmlos aus und änderten offensichtlich nichts an der hohen Zufriedenheit der Menschen. Aber der Ackerbau wiegte die Menschen lange in trügerischer Sicherheit.

"In guten Jahren können Bauern zwar weitaus mehr Kalorien pro Fläche Land erwirtschaften als die Wildbeuter, dafür aber können diese wegziehen, wenn Dürren oder Überschwemmungen die Nahrung knapp werden lassen."[15]

Gegenüber den Bauernkulturen waren die Menschen der Altsteinzeit also klar im Vorteil.

Ihre Abhängigkeit von konstant günstigem Klima spürten die Ackerbäuerinnen erst ca. 3000 Jahre nach Beginn der Jungsteinzeit im Nahen Osten. Im sog. Klimaoptimum nach der Eiszeit, dem Atlantikum, war es zunächst zu einer deutlichen Erwärmung gekommen und dann plötzlich zu immer wieder zu 100-160 Jahre andauernden Abkühlungen um bis zu 2° Celsius, die zu Dürren und Missernten führten. Die Misox-Schwankung vor 8200 Jahren ist die erste und prominenteste Klimakrise dieser Art.

Misox-Schwankung (Pfeil)
Diagramm: Misox-Schwankung. Quelle: Wikimedia commons


Zu dieser Zeit existierten im Nahen Osten viele neolithische Siedlungen, und auch Çatal Höyük wurde nach 1200 Jahren Siedlungszeit davon getroffen. Nachweislich begann eine Hungerphase, in der die Menschen begannen, vermehrt tierische Nahrung zu sich zu nehmen, wie es jüngst Spuren in der Keramik offenbarten. [16] Dennoch musste der Hügel aufgegeben werden. Gleich nebenan wurde allerdings ein zweiter Hügel gegründet, offenbar ohne eine ausgeprägte Siedlungslücke. Ob es tatsächlich dieselben Bewohner waren, die neu anfingen, ist aber noch unbekannt.


Çatal
      Höyük Lageplan
Bild: Lageplan Çatal Höyük. Bildquelle: researchgate.net

Çatal Höyük stellt sich uns daher als Doppelhügel mit dem älteren Ost-Hügel und dem jüngeren und auch kleineren West-Hügel dar.
Wegen des Fundes von 15 Brocken Kupferschlacke wurde der West-Hügel lange der frühesten Metallzeit, der Kupfersteinzeit, zugerechnet. Damit verbunden war die Annahme, dass spätestens jetzt eine hierarchische Gesellschaft gegeben sein musste. Aber die Kupferschlacke war kein Nebenprodukt eines frühen Verhüttungsverfahrens, sondern entstand durch einen chemischen Zufall aus Kupfererzen in einem Grab, wie es eine erst vor kurzem angestrengte Nachuntersuchung ergab.[17]

Kupferschlacke aus Çatal
      Höyük
Bild: Kupferschlacke aus einem Grab in Çatal Höyük. Bildquelle: https://www.scinexx.de/

Damit kann nun Metallurgie und ein daran gebundenes Patriarchat vor Ort als Grund für den Untergang Çatal Höyüks ausgeschlossen werden. Çatal Höyük wurde nie patriarchalisiert.
Da auch der West-Hügel wieder völlig friedlich verlassen wurde, können wir annehmen, dass eine erneute Dürre und eventuell auch eine dadurch bedingte Seuche zur endgültigen Aufgabe des Ortes geführt hat.

Unmittelbar infolge der Misox-Schwankung wurden in der Südrussischen Steppe die ersten nachweisbaren Patriarchate errichtet. Dort verortete die Archäologin Marija Gimbutas die Herkunft der indoeuropäischen Sprache (siehe Karte 1, rote Pfeile). Der britische Archäologe Colin Renfrew nahm dagegen an, dass sie aus Anatolien stammte (siehe Karte 1, gelbe Pfeile).

1Indoeuropäisierung Renfrew vs. Gimbutas 
2Indoeuropäisierung nach MPG
Karte 1 oben: Indoeuropäisierung nach Renfrew (gelb), nach Gimbutas (rot),
Karte 2 unten: Indoeuropäisierung nach MPG (orange/rot)


Wie eine neue genetische Untersuchung der Max Planck-Gesellschaft zeigt, lag Gimbutas richtig, aber Renfrew konnte nicht völlig widerlegt werden (siehe Karte 2, orange/rote Pfeile).[18] Es ist daher anzunehmen, dass die Indoeuropäer Klimaflüchtlinge aus Anatolien waren, aber nicht direkt von Anatolien über Südosteuropa einwanderten, sondern erst über den Kaukasus in die Steppe zogen, wo sie sich patriarchalisierten, und später von dort aus nach Mitteleuropa einbrachen, und zwar spätestens im 5. Jahrtausend v.u.Z.. Die Indoeuropäer waren Viehzüchter und keine Ackerbauern. Sie lebten nomadisch oder halbsesshaft mit großen Rinder- und Schafherden und später auch mit Pferdeherden. Aufgrund der Befunde dürfen wir uns überlebende, anatolische Männer vorstellen, die die Haustiere aus den ursprünglichen Gemeinschaftsbesitztümern der egalitären Siedlungen fortan als ihren Privatbesitz betrachteten, und in das Grasland der Steppen trieben.

Der Gute Hirte
Bild: Das verlorene Schaf (Der gute Hirte), Willi Langbein, 1930 (Kirche Allermöhe)

Um eine wachsende Herde zusammenzuhalten, braucht es immer mehr verlässliche Helfer, die keine Tiere stehlen. Und solche galt es nun vor Ort zu rekrutieren. Die männlichen Indigenen der Steppe und Waldsteppe waren altsteinzeitlich lebende Fischer, Jäger und Sammler, die dafür nicht infrage kamen. Aber die indigenen Frauen waren sehr gelegen, und zwar besonders als Mütter künftiger Helfer, also von Söhnen. In gewohnter Auslebung ihrer female choice wären ihre Kinder aber für die Eindringlinge verloren gewesen. Die einzige Möglichkeit war, die Frauen zu rauben und gefangen zu nehmen.

Raub der Sabinerinnen
Bild: Raub der Sabinerinnen, Albrecht Dürer, 1495 (Ausschnitt)

Tatsächlich gelang über die Isolierung der indigenen Frauen in der Weite der Steppe, ohne den Schutz ihrer Ursprungssippen, binnen weniger Generationen ein relativ stabiles Patriarchat.

So?köl jayloo
Bild: Jurten in der Steppe, Schafe und Ziegen. Bildquelle: Wikimedia Commons (firespeaker)

Statt frei zu sammeln, zu fischen und zu jagen, waren die Frauen fortan unfreie, besitzlose Melkerinnen und die Gebärerinnen der Söhne, die ihren Vätern uneigennützig halfen und auch die Herden erbten. Die Zahl der Tiere erhöhte sich dabei kontinuierlich, sie waren aber genetisch beinahe noch wild und schwer handzuhaben. Das brachte die Männer auf die Idee, die Tiere zu optimieren. Vorbild dazu war die eigene Reproduktion, wie sie jetzt praktiziert wurde: Die Weibchen wurden eingepfercht und festgebunden und ausgewählte männliche Tiere durften sie vergewaltigen.

Zucht: Vergewaltigung einer Ziege
Bild: Zucht - Vergewaltigung einer Ziege.
Bildquelle: https://www.raumberg-gumpenstein.at/


Artificial insemination of a dairy cow
Bild: Künstliche Besamung - Vergewaltigung einer Kuh.
Bildquelle: Wikimedia Commons

Wie die Tiere gebaren auch die geraubten Frauen ihren Entführern, die schon in der nächsten Generation als Ehemänner daher kamen, zahllose Kinder. Söhne waren aus wirtschaftlichen Gründen von Beginn an bevorzugt. Patrilinear und hierarchisch organisiert mit einem starkem Mann, dem Häuptling an der Spitze, können wir nun von den ersten Stämmen sprechen.

Gefestigt wurden die Stämme nicht nur mit Gewalt sondern auch mit der Erfindung der ersten institutionalisierten Religion, die ein Sonnenkult war.

Kyrgyz flag yurt Tengri symbol
Bild: Rauchloch der Jurte. Symbol für den Steppengott Tengri.
Bildquelle Wikimedia Commons


Da die ersten Patriarchen noch aus matrifokalen Sippen stammten, kannten sie ihre Väter nicht, und konnten sich daher selbst auf eine männliche Gottheit zurückführen, wie es übrigens noch Jesus nach alter Steppengewohnheit tat und sich als das Licht bezeichnete. Mit der Expansion der gewaltbereiten Nomadenstämme fand der Sonnenkult als sog. Tengrismus asienweite und auch europaweite Verbreitung, wurde hier aber nicht mehr so genannt. Dies ist die Entstehungszeit der ersten Kriege, mit denen die Claims, die die Stämme für ihre Herden benötigten, abgesteckt wurden. Niemand konnte buchstäblich zurückstecken, denn das hätte bedeutet, dass wiederum die Erben zu wenig Land für die weiter wachsenden Herden bekommen hätten. Die ersten Viehzüchter hatten auch zuerst die fatale Idee von Rasse, die sie bei der Zucht von Tieren und auch Menschen mit der Unterdrückung der female choice entwickelten. Daher unterscheiden sich Tierhaltung und Tierzucht ideologisch voneinander und sollten nicht einfach synonym gebraucht werden. Die indoeuropäische Sprachfamilie ist bemerkenswert stark von Metaphern aus der Tierzucht durchzogen. Eine freie Frau, die selbstgewählte, wechselnde Sexualpartner hat, die also ihre female choice frei lebt und sich vom Joch des Patriarchats befreit, wird als zügellos gebrandmarkt oder bestenfalls als rassig bezeichnet. In der Kirche wird für Zucht und Ordnung und gegen Unzucht gepredigt. Die Gläubigen werden als Schäflein bezeichnet und vom Oberhirten mit seinem Hirtenstab in der Prozession angeführt, ganz wie bei einem Almauftrieb.

Szenenwechsel. Fast zeitgleich mit der entgültigen Aufgabe Çatal Höyüks erreichte die jungsteinzeitliche Starčevo-Kultur Europa und führte den Ackerbau und die Tierhaltung ein. Auch sie kam ursprünglich aus Anatolien, zog aber Richtung Südosteuropa und erreichte als sog. Bandkeramische Kultur schließlich Mitteleuropa.

Karte: Verbreitung der Bandkeramischen Kultur in Europa
Karte: Verbreitung der Bandkeramischen Kultur (LBK) in Europa.

Ihre Migration konnte der Prähistoriker und Paläoklimatologe Detlef Gronenborn mit Klimadaten, die aus Meeres-Sedimenten gewonnen wurden, korrelieren, und entdeckte den Zusammenhang mit den sog. "IRD-Perioden".[19]

IRD 5a+b
Diagramm: IRD 5a+b. Nach Quelle: Gronenborn, Detlef: Klimainduzierte Umweltkrisen und ihre soziopolitischen Auswirkungen auf prähistorische Gesellschaften. In: F. Daim / D. Gronenborn / R. Schreg (hrsg.), Strategien zum Überleben. Umweltkrisen und ihre Bewältigung. RGZM Tagungen 11., 2011, Abb. 4, S. 116


IRD steht dabei für ice-rafted debris und bezeichnet Sediment jeder Größe, das durch fließendes Eis in andere Gebiete transportiert wurde. IRD steht mit geringerer Sonnenaktivität in Zusammenhang, die zu einer erhöhten Eisdrift führt. Der Effekt kann genutzt werden, um das Klima vergangener Epochen zu rekonstruieren.

Die bandkeramische Migration dürfen wir uns als Wanderung von Tanten, Onkeln und Schwestern vorstellen, wie es der Anthropologe Kurt Alt mit seinem Team von der Mainzer Arbeitsgruppe Paläogenetik herausfand. Sie verlief vollkommen friedlich und die mesolithische Urbevölkerung blieb lange unbehelligt. Nachgewiesen ist auch, dass beide Gruppen für über tausend Jahre nebeneinander her lebten, bevor die Indigenen den Ackerbau übernahmen und sich auch mit Bandkeramikern vermischten.[20] Was beide Gruppen gemeinsam hatten, war ihre Matrifokalität, die dem Krieg keinen Boden bereitete und schließlich neugierig aufeinander machte.

Die Bandkeramiker siedelten immer in den fruchtbarsten Gegenden, auf Löß und entlang der Flüsse. Sie hielten pro Langhaus nicht mehr als zwei bis drei Kühe sowie Schweine und Ziegen. Erste große Erdwerke, die sog. Kreisgrabenanlagen, zeugen von einer hohen Gemeinschaftsleistung. Deren Funktion ist allerdings noch weitgehend ungeklärt, sie könnten Sonnenobservatorien und/oder rituelle Versammlungsplätze gewesen sein, manche halten sie auch für Verteidigungsanlagen oder Fluchtburgen.

Infolge der anhaltenden Klimaschwankungen in der zweiten Hälfte von IRD5b kam es erneut zu Hunger und nun auch zu einer Verstärkung der Tierhaltung.

5.1-Schwankung (Pfeil)
Diagramm: IRD 5.1-Schwankung (vgl. mit oben Diagramm IRD 5a+b oben rechts). Quelle: Wikimedia commons

Nachweislich begannen vereinzelt Männer mit mobiler Viehwirtschaft und trieben Tiere erstmals saisonal in die Mittelgebirge.[21] Es vollzog sich dann ein ähnlicher Mechanismus wie in der Steppe. Die Patrilinearität war sozusagen eine Idee, deren Zeit nun auch hier gekommen war.

Das Massaker von Talheim
Bild: Das Massaker von Talheim/Neckar. Bandkeramische Kultur, Endzeit, ca. 5100 v.u.Z..
Bildquelle: Homepage der Zentrale für Unterrichtsmedien, Badische Heimat/Landeskunde online 2008


Vor 7000 Jahren begannen Männerhorden Siedlungen zu überfallen, dort alle männlichen Bewohner zu töten und die Frauen zu rauben. Davon legen die vielen Massaker wie in Talheim am Neckar, in Schöneck-Kilianstädten bei Frankfurt oder in Asparn Schletz in Österreich ein Zeugnis ab. Ohne staatsähnliche Organisation, wie es die Stämme in der Steppe praktizierten, und ohne eine entsprechende Theologie war das Patriarchat in der Sesshaftigkeit jedoch nicht aufrecht zuerhalten, und es scheiterte bald, weil immense Gewalt zur Selbstauslöschung führte, ironischerweise unmittelbar bevor sich das Klima wieder besserte. Heute finden wir in unserem Genom weniger Spuren der Bandkeramiker als der indigenen Mesolithiker.
Dass sich das Patriarchat bald auch gegen die Männer selbst gerichtet hat, zeigen nicht nur die bandkeramischen Massaker.

Genetischer Flaschenhals vor 7000 Jahren
Quelle: Diagramme nach https://www.nature.com/. Abgerufen am 1.10.2018

Die amerikanischen Genetiker Zeng, Aw und Feldman entdeckten einen regelrechten genetischen Flaschenhals der Y-Chromosomen in ganz Eurasien und Afrika vor rund 7000 Jahren(siehe Pfeil im Diagramm).[22] Die Forscher führen die Dezimierung der männlichen genetischen Vielfalt auf Stammesfehden zurück, welche neue patrilineare Gruppen gegeneinander geführt hätten. Die Stammesgruppen hätten aus miteinander verwandten Männern bestanden, während die Frauen oft aus anderen Stämmen gekommen oder erbeutet worden seien. Das ist jedoch eine Interpretation, die irrigerweise von einem ewigen und anfangs friedvollen Patriarchat ausgeht, was einer Reinwaschung gleichkommt. Die geraubten Frauen stammten nicht aus Stämmen, sondern aus den ursprünglichen matrilinearen Sippen.

Nahöstlicher Viehmarkt
Bild: Nahöstlicher Viehmarkt. Bildquelle: Wikimedia Commons (Man77)

Es muss vor allem auch eine Nutzanwendung von Patrilinearität gegeben sein, bevor die sie erst ermöglichende Patrilokalität von Männern durchgesetzt werden will. Das Vakuum, das die vielen Massaker und die Kriege vor 7000 Jahren hinterließen, füllte sich vor 6400 Jahren erneut mit matrifokalem Leben und zwar erstaunlicherweise mitten in einer weiteren Periode geringer Sonnenaktivität, der IRD4, ein weiterer Beweis, dass ungünstiges Klima nicht zwangsläufig ins Patriarchat führen muss.[23]


IRD 4
Diagramm: IRD 4. Nach Quelle: Gronenborn, Detlef: Klimainduzierte Umweltkrisen und ihre soziopolitischen Auswirkungen auf prähistorische Gesellschaften. In: F. Daim / D. Gronenborn / R. Schreg (hrsg.), Strategien zum Überleben. Umweltkrisen und ihre Bewältigung. RGZM Tagungen 11., 2011. Abb. 5, S. 119

Aus dem Pariser Becken wanderten Menschen der Chasséen- und Cerny-Kultur in die nun menschenleeren Gebiete Süddeutschlands ein und gründeten neue miteinander verwandte Kulturen. Der Landesausbau erfolgte sowohl im Tiefland als auch in Höhenlagen. Die als Michelsberger Kultur benannte jungsteinzeitliche Bevölkerung, hier im Diagramm als MK und mit der orangefarbenen Linie gekennzeichnet, führte die Idee der bandkeramischen Kreisgrabenanlagen fort.

Ihre Funktion wird allerdings noch kontroverser diskutiert, denn sie wiesen nun zahlreiche Öffnungen auf. Viele Forscher halten sie noch für Verteidigungsanlagen von Häuptlingssitzen. Der ausgewiesene Experte für diese Kultur, der Prähistoriker Christian Jeunesse von der Universität Strasburg, glaubt daran jedoch nicht mehr. Die Öffnungen erschweren Verteidigung und die Erdwerke lagen auch teils nur wenige Kilometer auseinander, zu nahe um als Stammessitz zu dienen. An den Bestattungen und materiellen Funden kann eine hierarchische Gesellschaft auch nicht nachgewiesen werden, weshalb Jeunesse die Michelsberger Kultur als akephal bezeichnet. Zudem stellt er fest, dass die Zeit des 5. Jahrtausends von einer großen Kontinuität geprägt war.[24] Offenbar gelang es, mit der Tierhaltung den Schwankungen der IRD 4-Periode gut zu begegnen. Die manchmal sogar Quadratkilometer großen Bauwerke dürften Jeunesse zufolge als Pferche gedient haben, übrigens eine sehr bequeme Art eine größere Anzahl von Tieren zu halten, ganz ohne die Not, viele Söhne haben zu müssen. Auch wenn die Zahl der Tiere nun höher war, ist m.E. davon auszugehen, dass sie Gesamthandseigentum waren, wie aller Besitz in matrifokalen Kulturen.

Wandfries der Pfahlbaukultur
Bild: Rekonstruktion des Frieses von Ludwigshafen/Seehalde mit den Originalteilen.
Bildquelle: https://i0.wp.com/www.swr.de


Im klimatisch begünstigten Bodenseeraum blühte die Pfahlbaukultur mit der Schussenrieder- und Pfyner-Kultur, die überwiegend Fischfang betrieben. In Ludwigshafen am Bodensee hat sich ein 7m langer Fries einer matrilinearen Ahnenreihe (s.o.) erhalten, die das Team von Helmut Schlichtherle aus den im See gefundenen Bruchstücken rekonstruieren konnte.[25]
Während die Michelberger und nördlicher übrigens auch die sog. Trichterbecher-Kultur blühte, braute sich in der Zeit vor 3600 in der Steppe Südrusslands eine neue Katastrophe zusammen.

K4 Schwankung, ca. 3550 v.h.
Diagramm: K4-Schwankung, ca. 3550 v.h.. Nach Quelle: Gronenborn, Detlef: Klimainduzierte Umweltkrisen und ihre soziopolitischen Auswirkungen auf prähistorische Gesellschaften. In: F. Daim / D. Gronenborn / R. Schreg (hrsg.), Strategien zum Überleben. Umweltkrisen und ihre Bewältigung. RGZM Tagungen 11., 2011 Abb. 5, S. 119

Niemals zuvor lebten dort so viele Menschen und Tiere, die sich schließlich als frühbronzezeitliche Jamnaya-Kultur und Maikop-Kultur ausbreiteten, in der russischen Zuordnung nach den typischen Grabhügeln Kurgan I bzw. durch Marija Gimbutas 1. Kurgan-Welle genannt. Das Ende der 900 Jahre währenden friedvollen Zeit in Mitteleuropa brachte um 3550 das Klimaereignis K4 der IRD 4 mit einer außergewöhnlich schwachen Sonnenaktivität, die exteme Dürre und Kälte zur Folge hatte.

Maikop- formt Trichterbecher- in Kugelamphoren-Kultur um.
Karte: Maikop-Kultur formt Trichterbecher- in Kugelamphoren-Kultur um (Kurgan II). Karte nach: Wikimedia Commons (user: Sir Henry)

Nach einer Studie der Arbeitsgruppe um den Molekular-Anthropologen Wolfgang Haak von der Max-Planck-Gesellschaft sei anzunehmen, dass die Steppenbewohner mit Menschen, die aus dem Westen kamen, in Kontakt gerieten und zwar schon lange vor Entstehung der Jamnaja-Kultur. Dies seien mutmaßlich Angehörige der sog. Kugelamphoren-Kultur gewesen.[26] Gimbutas vertrat die These, dass sich umgekehrt die Kugelamphoren-Kultur durch eine 2. Kurgan-Welle herausgebildet hätte, und zwar durch die Invasion der Maikop-Kultur in die matrifokale Trichterbecher-Kultur.[27] Meines Erachtens deuten die genetischen Befunde in der Steppe daraufhin, dass Maikop-Männer immer wieder Trichterbecher-Frauen auch in die Steppe entführten, womit beide Theorien zusammengeführt wären und was erklären kann, warum die Kugelamphoren-Kultur noch keine Kurgane aufwies und weniger Frauengräber zählt. Die gerade veröffentlichten Untersuchungen zu den Verwandtschaftsverhältnissen der Opfer des Massakers im südpolnischen Koszyce, welches Jamnaja-Männer vor 4800 Jahren anrichteten, erhärten die Vermutung, dass die Kugelamphoren-Kultur noch matrifokales Leben kannte.

Invasion der Jamnaja: Schnurkeramische Kultur
Karte: Expansion der Jamnaja-Leute (Kurgan III). Nach: Wikimedia Commons (user: Sir Henry)

Mit einer weiteren Ausbreitung der Jamnaja-Leute, der 3. Kurgan-Welle, ging um 2800 die Kugelamphoren-Kultur unter und die Schnurkeramische Kultur entstand. Deren DNA stimmt zu 75 % mit der der Jamnaja-Leute überein, was deren massive Einwanderung und Auslöschung der ursprünglich ansässigen Bevölkerung beweist. Nach einer neuen Berechnung des Genetikers Mattias Jakobsson der Universität von Uppsala kamen auf eine Frau 10 Männer aus der Steppe.[28]

Linz Schlossmuseum - Steinäxte
Bild: Streitäxte der Schnurkeramik.
Bildquelle: Wikimedia Commons


Typisch für die Schnurkeramik waren ihre überlegenen Waffen, wegen derer sie auch Streitaxt-Kultur genannt wurde. Ihre Bestattungsweise in Grabhügeln war identisch mit derjenigen in der Steppe.

Reiternomaden aus Zentralasien hinterließen kaum weibliche Spuren im Europäer-Erbgut. Männerüberschuss.
Karte: "Reiternomaden aus Zentralasien hinterließen kaum weibliche Spuren im Europäer-Erbgut. Männerüberschuss". Quelle: https://www.scinexx.de/

In der Bronzezeit zogen überwiegend Männer aus der Steppe nach Zentraleuropa nach. Dies konnten die amerikanische Paläogenetikerin Amy Goldberg und ihr Team von der Duke University in Durham beweisen. Auch sie ziehen den Schluss, dass diese Migration von Reiternomaden eher den Charakter eines Eroberungsfeldzugs hatte. [29]
Heute finden wir überall in der Landschaft Eurasiens und Japans die Grabhügel der Steppenfürsten und ihrer Nachfahren, die die altansässige Bevölkerung unterjochten, ausbeuteten und ermordeten.


Bild: Thrakisches Hügelgrab nahe Pomorje, Bulgarien, ca. 1200 v.u.Z. Bildquelle: Wikimedia Commons (user: Polini~commonswiki)

Sarmatischer Kurgan
Bild: Ältester erhaltener Kurgan der Sarmaten, 400 v.u.Z. Bildquelle: Wikimedia Commons (Fillipovka, S. Urals Archeological dig lead by Russian Academy of Sciences Institute of Anthropology Prof. L.Yablonsky, Summer of 2006).

Grabhugel Glauberg
Bild: Keltisches Hügelgrab auf dem Glauberg 500 v.u.Z.

Inariyama Kofun (Gyoda), zenkei
Bild: Japan: Inariyama Kofun in Gyoda, Präfektur Zenkei, 3. - 7. Jhd. n.u.Z.


Die Arbeitsgruppe um Wolfgang Haak wies auch nach, dass schon lange vor der Entstehung der Jamnaja-Kultur ein Austausch der Steppenleute mit Mesopotamien bestand.[30] In welche Richtung die genetische Verbindung weist, ist allerdings noch ungeklärt. Es wurde auch schon lange von vielen Forschern die Meinung vertreten, dass die Maikop-Kultur das Rad und den Wagen von dort übernahm. In der Steppe wurde wahrscheinlich der Streitwagen erfunden, sozusagen der erste Panzer, der wiederum in Mesopotamien übernommen wurde.

Feldzüge der Maikop-Kultur nach Mesopotamien (Hypothese) und Richtung Mitteleuropa (nachgewiesen)
Karte: Feldzüge der Maikop-Kultur nach Mesopotamien (Hypothese) und Richtung Mitteleuropa (nachgewiesen)

Assyrischer Streitwagen
Bild: Assyrische Krieger mit Pfeil und Bogen auf Streitwagen. Zeichnung eines Flachreliefs aus Nimrud 1852. British Museum. Bildquelle: Wikimedia Commons (user: Magnus Manske)


Es lässt sich nun aus genetischer Sicht noch nicht viel darüber sagen, ob die Patriarchalisierung Mesopotamiens von der Steppe ausging oder indigen einsetzte. Eine ideologisch/theologische Umformung, die zu den ersten Großen Göttinnen und ihren Vegetationsgöttern in Sumer und schließlich zu den babylonischen Hochgöttern führte, geht jedoch aus den frühesten Schriften hervor. Der eingangs erwähnte Atra-Hasis-Mythos stammt aus der Zeit als das fruchtbare Zweistromland die Menschenmassen kaum noch ernähren konnte. Babylon hatte um 1700 v.u.Z. ca. 200.000 Einwohner.

Gilgamesh und Enkidu töten Humbaba
Bildquelle: University of Iowa

Als erste Megacity der Welt gilt aber das sumerische Uruk, das schon 2000 Jahre früher am Euphrat entstand und ca. 40.000 Einwohner hatte. Das erst in babylonischer Zeit verfasste Gründungsepos von Uruk beschreibt die Heldentaten des König Gilgamesh, der zu einem Drittel menschlich und zu zwei Dritteln göttlich war: Er ermordete den Wächter des Waldes der Großen Göttin Inanna, fällte ihre Zedern und verweigerte ihr das Ritual der Heiligen Hochzeit.

Heilige Hochzeit auf einem Rollsiegel

Bild: Heilige Hochzeit. Rollsiegel aus Latakia (Syrien), mittelassyrisch. Bildquelle: https://www.zora.uzh.ch/id/eprint/138333/1/Winter_1983_Frau_und_Goettin.pdf

Ihr Rachefeldzug gegen ihn endet mit dem Tod seines Freundes Enkidu, was ihm seine eigene Sterblichkeit bewusst macht. Auf der Suche nach Unsterblichkeit trifft er den weisen Utana-pishdi, der ihm eine Flutgeschichte erzählt und ihm rät, erst einmal den Schlaf zu besiegen. Nachdem ihm dies nicht gelingt, sucht Gilgamesch nach dem Kraut der ewigen Jugend, das ihm - als er es gefunden hat - eine Schlange wieder entreißt. Er muss einsehen, dass er seinen Ruhm anders begründen muss, kehrt nach Uruk zurück, und lässt die Stadtmauer, die er erbaut hat, bestaunen.

Es wurde vermutet, dass das Ritual der Heiligen Hochzeit Ausdruck eines Matriarchates, einer Frauenherrschaft sei. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Heilige Hochzeit ist schon vor dem Hintergrund der unterdrückten female choice der beteiligten Priesterin ein Vergewaltigungsritual, mit dem sich die Herrscher legitimierten und ihre Göttlichkeit und Unsterblichkeit postulierten. Die Unsterblichkeit konnte nur von der Göttin verliehen werden. Genau das wollte der Held Gilgamesh im Mythos nicht wahrhaben. Er hielt die Zurschaustellung seiner Potenz nicht mehr für nötig und wurde dafür gedemütigt. So wurde aus babylonischer Rückschau erklärt, dass Inanna Stadtgöttin des patriarchalischen Uruk war. Unter fortschreitender Patriarchalisierung und auf dem langen Weg zu einer rein männlichen Religion wurde das Ritual schließlich doch entbehrlich und gegen 2300 v.u.Z. schaffte es der akkadische Großkönig Naram-Sin als erster ab.

Durch Eroberungen wurde die Zahl der männlichen und weiblichen Gottheiten im Pantheon immer größer. Nach und nach wurden alle Muttergöttinnen mythographisch zu Töchtern oder Geliebten von Vatergöttern degradiert.

Chaos Monster and Sun God
Bild: Marduk tötet die dämonisierte Urmutter Tiamat. Bildquelle: Wikimedia Commons

Schon damals wurde über weibliche Leichen gegangen. Nachdem die Muttergöttinnen dämonisiert und ermordert waren, wie hier z.B. die Urmutter Tiamat von dem babylonischen Hochgott Marduk, stand am Ende der Entwicklung ein einziger männlicher Gott. Die Überbevölkerung im Pantheon wurde damit zwar besiegt, nicht aber die auf Erden. Denn der einsame Vater-Gott befahl: Seid fruchtbar und mehret euch!

Neben sich duldet er aber niemanden mehr außer seinem Sohn, dem guten Hirten.

Damit komme ich langsam zum Schluss. Eine konstante Bevölkerungszahl ist ein Menschheitsrecht, das wir als solches noch gar nicht erkannt haben, denn nur sie verhindert die Ausbeutung der Erde und damit die Bedrohung der eigenen Existenz. Mit der Aushebelung der female choice von Menschen, Tieren und Pflanzen schufen Männer eine neue Welt voller Leid. Zwar gelang ihnen damit, zunächst eigentlich unbewohnbare Teile der Erde zu bevölkern, aber zu einem hohen Preis, den die Menschenkinder und die Ökosysteme bis heute bezahlen müssen. Die Überbevölkerung und ihre Kompensationen verursachen das Artensterben und den Klimawandel.
Die gute Nachricht lautet: Sie lässt sich mit der Sicherstellung der female choice und einer matrifokalen Sozialordnung in den Griff bekommen.
Die schlechte Nachricht lautet: Es ist extrem schwer, den Männern und auch Frauen klarzumachen, dass es die gelebte Vaterschaft selbst ist, die das Unheil anrichtet. Bei uns wird der sog. neue Vater sogar mit Preisen überhäuft. Aber um nur einen einzigen lieben Vater kennenzulernen, brauchen wir ein ganzes gewalttätiges System um ihn herum, und niemand kann vorhersagen, zu was er sich einst entpuppt, wenn sich die Mutter von ihm trennen will. Um nur ein einziges solches Exemplar zu schützen, nehmen wir die vielen Väter in Kauf, die das Patriarchat immer wieder mit allen Mitteln erneuern.
Wir müssen begreifen, dass die Idee der Patrilinearität nur unter der erzwungenen Patrilokalität umgesetzt werden kann. Um ihre genetischen Kinder erziehen zu können, müssen Väter Gewalt ausüben - ob tätlich oder gesetzlich. Männer leisten sich mit der Vaterschaft einen Luxus, der gar nicht zu verantworten ist. Schließlich erweist sich die Familie bis heute als der gefährlichste Ort für Mütter und Kinder. Auch Männer leiden von Kindheit an. Die Familie dient nicht in erster Linie dem Wohle des Nachwuchses, sondern dem des Vaters und seines Lebenswerkes, wie schon seit dem Beginn in der Steppe.
Weil uns, Männern wie Frauen, die Matrifokalität angeboren ist, weil Mütter von Natur aus niemals freiwillig patrilokal leben würden, weil Frauen von Männern in die Patrilokalität entführt wurden und bis heute werden, und wir durch gesellschaftlichen Druck immer aufs Neue aus unseren matrilinearen Sippen gerissen werden, müssen wir den Schluss ziehen, dass wir im Grunde alle Entführungsopfer sind, auch wenn wir unsere Väter lieben und glauben, freiwillig in die Ehe zu gehen. Die Paarbindung ist so freiwillig wie das Kopftuch, das ein Symbol für die Patrilokalität ist und ein Bekenntnis zur Patrilinearität, ganz so wie der erklärte Wille der meisten Ehefrauen, ihren Nachnamen aufzugeben und den des Ehemannes anzunehmen.

Wie die Patriarchatsforscherin Stephanie Gogolin [31] [32] es nennt, sind wir dem kollektiven Stockholm-Syndrom verfallen, daher kooperieren wir mit unseren Entführern.[33] Wir haben dabei auch ein seltsames Gerechtkeitsverständnis entwickelt, das auf der Ideologie der Zucht und des Rassegedankens beruht, und so einem Vater seine genetischen Kinder sichert und ihm die Möglichkeit gibt, noch auf die Väter seiner Enkelkinder Einfluss zu nehmen. Es wird dabei auch deutlich, dass der allgemeine Rassismus letztlich auf dem Sexismus gegen Frauen beruht, und nicht umgekehrt. Sexismus ist die Urform und Ursache der Diskriminierung.
Es ist klar, dass ein System, das buchstäblich so tief eingebrannt ist, nicht von heute auf Morgen verschwindet. Wir erleben sogar gerade, wie unsere Politikerinnen auf Druck von gewaltbereiten Vaterrechtlern alleinerziehenden Müttern das im Grundgesetz verankerte Recht auf Freiheit der Wohnung wegnehmen, weil sich herausstellte, dass das Patriarchat in Gefahr geriet. Unsere Gleichstellungspolitik kann, das wird hier deutlich, nicht nachhaltig sein, solange das Dogma der Vaterschaft existiert.
Auch im Angesicht der Globalisierung ist es nur mit Aufklärung und unendlich viel Zeit möglich, das Patriarchat, das die Meisten in der Tat nur als "das System" oder "Kapitalismus" benennen können, irgendwann wieder loszuwerden. Der Club of Rome, der die Überbevölkerung als einzige Instanz immer wieder anprangert, macht nur hilflose ja bizarre Vorschläge. Auch aus der UNO kommt dazu kein sinnvoller Impuls. Doch die Menschheit steht vor dem Kollaps und es bleibt uns, wenn überhaupt, nur wenig Zeit.

FUSSNOTEN:

[1] Meadows, Donella; Meadows, Dennis; Randers, J.; Behrens III, W.: Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit. Aus dem Amerikanischen von Hans-Dieter Heck. Stuttgart 1972

[2] Perras, Arne: Wie rabiat Indien gegen Überbevölkerung vorgeht. Aus: Süddeutsche Zeitung online vom 7. Juni 2017 https://www.sueddeutsche.de/wissen/demografie-wie-rabiat-indien-gegen-ueberbevoelkerung-vorgeht-1.3537692 abgerufen am 2.4.2019

[3] Sypien, Michael: Der Club of Rome und die Grenzen des Wachstums. Seminararbeit. Otto-Friedrich-Universität Bamberg WS 2008/09. Lehrstuhl für Geographie. S. 5 https://www.grin.com/document/127836

[4] Randers, Jørgen; Maxton, Graeme: Ein Prozent ist genug: Mit wenig Wachstum soziale Ungleichheit, Arbeitslosigkeit und Klimawandel bekämpfen. München 2016 https://de.wikipedia.org/wiki/Ein_Prozent_ist_genug

[5] Götting, Eva: Exportschlager Dämon? Zur Verbreitung altorientalischer Lamaštu-Amulette. S. 439. In: Göbel, J.; Zech, T. (Hrsg.): Exportschlager: Kultureller Austausch, wirtschaftliche Beziehungen und transnationale Entwicklungen in der antiken Welt. Humboldts studentische Konferenz der Altertumswissenschaften. Berlin 2009. S. 437-456 https://www.academia.edu/1822803/Exportschlager_D%C3%A4mon_Zur_Verbreitung_Altorientalischer_Lama%C5%A1tu-Amulette

[6] Small , Meredith M.: Female Choices. Sexual Behavior of Female Primates. 1995

[7] Prum, Richard O.: The Evolution of Beauty. How Darwin’s Forgotten Theory of Mate Choice Shapes the Animal World – and Us. New York 2017

[8] Blaffer Hrdy, Sarah: Mütter und Andere. Wie die Evolution uns zu sozialen Wesen gemacht hat. Berlin 2010

[9] Beise, Jan; Voland, Eckart: Warum gibt es Großmütter? In: Spektrum der Wissenschaft 1|2003. S. 48-53. https://www.spektrum.de/magazin/warum-gibt-es-grossmuetter/829410

[10] Podbregar, Nadja nach Berbesque, J. Colette; Marlowe, Frank W.; Shaw, Peter; Thompson, Peter: Hunter-gatherers have less famine than agriculturalists. https://royalsocietypublishing.org/doi/full/10.1098/rsbl.2013.0853 01.01.2014. In: Urmenschen: Hungern als Ausnahme. https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/urmenschen-hungern-als-ausnahme/ vom 8. Januar 2014, abgerufen am 27. Januar 2019

[11] Vgl. Meseg-Rutzen, Gabriele: In Europa lebten im frühen Jungpaläolithikum im Schnitt nur 1.500 Menschenhttps://idw-online.de/de/news711519

[12] Jarus, Owen: No Family Plots, Just Communal Burials In Ancient Settlement. https://www.livescience.com/14824-communal-human-burials-ancient-settlement.html abgerufen am 10.11.2019

[13] Clark Spencer Larsen, Christopher J. Knüsel, Scott D. Haddow, Marin A. Pilloud, Marco Milella, Joshua W. Sadvari, Jessica Pearson, Christopher B. Ruff, Evan M. Garofalo, Emmy Bocaege, Barbara J. Betz, Irene Dori, and Bonnie Glencross: Bioarchaeology of Neolithic Çatalhöyük reveals fundamental transitions in health, mobility, and lifestyle in early farmers. In: PNAS June 25, 2019 116 (26) 12615-12623; first published June 17, 2019 https://doi.org/10.1073/pnas.1904345116 vom 29.06.2019, abgerufen am 30.06.2019

[14] https://www.shh.mpg.de/1237022/anatolia-neolithic-transition abgerufen am 5.5.2019, siehe auch: Feldman, M. et al.: Late Pleistocene human genome suggests a local origin for the first farmers of central Anatolia. Nature Communications 10, Article number: 1218 (2019) 19.3.2019 https://www.nature.com/articles/s41467-019-09209-7 abgerufen am 5.5.2019

[15] Podbregar, Nadja nach Berbesque, J. Colette; Marlowe, Frank W.; Shaw, Peter; Thompson, Peter: Hunter-gatherers have less famine than agriculturalists. https://royalsocietypublishing.org/doi/full/10.1098/rsbl.2013.0853 01.01.2014. In: Urmenschen: Hungern als Ausnahme. https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/urmenschen-hungern-als-ausnahme/ vom 8. Januar 2014, abgerufen am 27. Januar 2019

[16] https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/tuerkei-ausgrabungen-belegen-wie-ein-klimawandel-das-leben-veraenderte-a-1222964.html, siehe auch: Roffet-Salque, M. et al.: Evidence for the impact of the 8.2-kyBP climate event on Near Eastern early farmers. In: PNAS August 28, 2018 115 (35) 8705-8709; 13.8.2018 https://doi.org/10.1073/pnas.1803607115 abgerufen am 5.5.2019

[17] University of Cambridge: Türkei: "Wiege der Metallurgie" war keine Kupferschlacke aus der Steinzeit-Siedlung Çatalhöyük entstand wohl zufällig. 16.08.2017 – DAL
https://www.scinexx.de/news/biowissen/tuerkei-wiege-der-metallurgie-war-keine/

Originalveröffentlichung: Journal of Archaeological Science, 2017. doi: 10.1016/j.jas.2017.07.001

[18] https://www.spektrum.de/news/indoeuropaeisch-kommt-aus-der-steppe/1335235
siehe auch: Wolfgang Haak et al.: Massive migration from the steppe is a source for Indo-European languages in Europe In: Nature 522, S. 207–211 (11.6.2015) https://www.nature.com/articles/nature14317 abgerufen am 5.5.2019

[19] Gronenborn, Detlef: Klimainduzierte Umweltkrisen und ihre soziopolitischen Auswirkungen auf prähistorische Gesellschaften In: F. Daim / D. Gronenborn / R. Schreg (hrsg.), Strategien zum Überleben. Umweltkrisen und ihre Bewältigung. RGZM Tagungen 11., 2011, Abb. 4, S. 116

[20] Vgl. https://www.scinexx.de/news/biowissen/mitteleuropaeer-haben-gemischte-ahnen/

[21] P. Valde-Nowak/T. L. Kienlin: Neolithische Transhumanz in den Mittelgebirgen. Ein Survey im westlichen Schwarzwald. Prähistorische Zeitschrift 77, 2002, 29-75.

[22] Zeng, Tian Chen; Aw, Alan J.; Feldman, Marcus W.: Cultural hitchhiking and competition between patrilineal kin groups explain the post-Neolithic Y-chromosome bottleneck. Nature Communications Volume 9. Article number: 2077 (2018)

[23] Gronenborn, Detlef: Klimainduzierte Umweltkrisen und ihre soziopolitischen Auswirkungen auf prähistorische Gesellschaften In: F. Daim / D. Gronenborn / R. Schreg (hrsg.), Strategien zum Überleben. Umweltkrisen und ihre Bewältigung. RGZM Tagungen 11., 2011, Abb. 5, S. 119

[24] Jeunesse, Christian: The fifth millennium BC in central Europe. Minor changes, structural continuity: a period of cultural stability. In: Gleser, Ralf; Hofmann, Daniela: Contacts, Boundaries & Innovation in the Fifth Millenium. Exploring Developed Neolithic societies in central Europe. Leiden 2019
Jeunesse, Chr.; Seidel, U.: Die Erdwerke der Michelsberger Kultur. In : Die „Michelsberger Kultur“ und Mitteleuropa vor 6000 Jahren, catalogue d’exposition, Badisches Landesmuseum, Karlsruhe 2010, 58-69 https://www.academia.edu/7382134/45_Die_Erdwerke_der_Michelsberger_Kultur

[25] Vgl. Schlichtherle, Helmut: Kultbilder in den Pfahlbauten des Bodensees. In: Jungsteinzeit im Umbruch. Die „Michelsberger Kultur“ und Mitteleuropa vor 6000 Jahren. Darmstadt 2010, S. 266-277

[26] Vgl. MPI für Menschheitsgeschichte: Kaukasus: Kultureller Austausch über biologische Grenzen hinweg. https://www.shh.mpg.de/1197459/pr-caucasus-haak abgerufen am 5.5.2019

[27] Gimbutas, Marija: Die Zivilisation der Göttin, Frankfurt a.M. 1996 (am. Originalausg. 1991, S.

[28] Vgl. http://www.sciencemag.org/news/2017/02/thousands-horsemen-may-have-swept-bronze-age-europe-transforming-local-population

[29] Vgl. Goldberg, Amy; Günther, Torsten; Rosenberg, Noah A.; Jakobsson, Mattias: Ancient X chromosomes reveal contrasting sex bias in Neolithic and Bronze Age Eurasian migrations PNAS 7.3.2017, 114 (10), S. 2657-2662; Online 21.2.2017 https://doi.org/10.1073/pnas.1616392114 . Abgerufen am 1.10.2018

[30] Vgl. https://www.shh.mpg.de/1197459/pr-caucasus-haak abgerufen am 5.5.2019

[31] Vgl. Gogolin, Stephanie: Das patriarchale Stockholm-Syndrom Teil I. Das kollektive Stockholm-Syndrom in der Patriarchose Online-Ressource: abgerufen am 6.9.2019

[32] Vgl. Gogolin, Stephanie: Das patriarchale Stockholm-Syndrom Teil II. Die Ehe – ein verinnerlichtes Stockholm-Syndrom Online-Ressource: abgerufen am 13.10.2019

[33] Sugiyama, Michelle S.: Fitness Costs of Warfare for Women. In: Human Nature 25(4), November 2014, DOI: 10.1007/s12110-014-9216-1 Artikel in der WELT-online: https://www.welt.de/geschichte/article134678970/So-wehren-sich-gefangene-Frauen-gegen-die-Peiniger.html

:: Nach oben ::

Impressum | Datenschutz