Menschsein
und Anthropologie
im Lichte der Patriarchatsforschung


Frauen - Woher nehmen, wenn nicht stehlen?
Initialisierung und Perpetuierung des Patriarchats


  1. Female choice - unser unbekanntes Menschenrecht
  2. Vortrag: Frauen - Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Initialisierung und Perpetuierung des Patriarchats
  3. Patriarchat - Definition, Geschichte und Symptome
  4. Vortrag: Explosion und Expansion. Wie Vatermacht die Welt unterjocht.
  5. Gewalt - Garant und Symptom des Patriarchats

Vortrag erstmals gehalten am 3.11.2018 an der Freien Universität Berlin im Rahmen Tagung "Frauenraub - Interdisziplinäre Tagung zum Frauenraub im Altertum" vom 2.-3-11.2018
mit Aktualisierungen

Kvindegrav fra Egtved
Das Mädchen von Egtved / Jütland und ein 6-jähriges Kind, das verbrannt wurde (um 1370 v.u.Z.), Quelle: Wikimedia Commons (Roberto Fortuna, Kira Ursem)

Wir sehen in Abb. 1 das berühmt gewordene Mädchen von Egtved, das zusammen mit einem verbrannten etwa sechsjährigen Kind bestattet wurde (Brandreste im Gefäß neben ihrem Kopf). Die 16-18 Jährige stammte, wie anhand der Strontium-Isotopen nachgewiesen wurde, nicht aus Jütland, sondern aus dem Schwarzwald. Die Untersuchung ihrer Haare erwies einen wiederholten Wechsel vom Geburtsort zum Sterbeort in den letzten zwei Lebensjahren, also seit sie 14-16 Jahre alt war. Wegen ihres Spiralschmucks wurde sie schon als Sonnenpriesterin angesprochen oder als Prinzessin, die nach Jütland verheiratet wurde. Das Mädchen hätte ein überraschend modernes Leben geführt, titelte die Zeitschrift National Geographic:

Damit verkörpert sie eine gewisse Mobilität und Weltoffenheit. 'Wir halten uns heutzutage für sehr fortschrittlich, als wäre die Globalisierung etwas vollkommen Neues', sagt Karin Frei (...). Doch je mehr wir über die Urgeschichte erfahren, desto klarer wird, dass wir bereits global waren.' (...) Das Egtved-Mädchen hat also möglicherweise von sich ändernden gesellschaftlichen Bräuchen profitiert, die die Gastfreundschaft förderten und so das Reisen über lange Distanzen ermöglichten und den Grundstein für Handelsbeziehungen legten.[1]
Ein viel zu früher Tod. Wer hat hier wirklich von wem profitiert? Ist das Mädchen freiwillig gereist, oder wurde sie vielmehr gezwungen? War sie vielleicht immer wieder geflohen? War es eine Krankheit oder Verletzung, warum die beiden starben, oder war es Mord oder gar Selbstmord? Dies wird nicht einmal angedacht.
Gewalt an Frauen und Kindern ist im Patriarchat aber an der Tagesordnung! Zur Vorstellungswelt eines bronzezeitlichen Gender Mainstreaming passt dies natürlich nicht.

(Aktualisierung: Zwischenzeitlich wurde bekannt, dass die Strontium-Isotopen unbrauchbar waren. Eine Nachuntersuchung ergab, dass das Mädchen von Egdvet doch einheimisch war. Natürlich ändert dies nichts an meiner Kritik einer solchen Sicht auf verschleppte weibliche Kinder.)

Ein anderes Beispiel.

Unter der Leitung von Stockhammer (...) waren 84 (...) Skelette aus dem südbayerischen Lechtal aus der Zeit zwischen 2500 und 1700 v. Chr. unter die Lupe genommen worden. Die Diversität der mitochondrialen Genome (...) nahm in dieser Zeit stark zu, was auf einen Zustrom von Frauen schließen ließ. Die Analyse (...) bestätigte inzwischen, dass die Frauen großteils nicht aus der Gegend stammten. Dabei gab es auch einen Fund, bei dem zwei genetisch verwandte Menschen, die nur wenige Generationen trennten, mit Beigaben aus unterschiedlichen Kulturen begraben worden waren. Mit anderen Worten: So manche kulturelle Verschiebung in den archäologischen Funden könnte sich auch durch das Einwandern einzelner Personen erklären lassen, ohne die Annahme einer Massenmigration.[2]
Soweit diese Bezugnahme auf eine Untersuchung von Skelettresten aus dem Endneolithikum und der Frühbronzezeit, mit der explizit Patrilokalität bewiesen werden konnte. Der Begriff bezeichnet den Zuzug der Frauen zu den Ehemännern.
Im Titel der Original-Studie wird die Patrilokalität schlicht als weibliche Exogamie bezeichnet, also mit ihr gleichgesetzt. Die Resultate würden bestätigen, dass die weibliche Mobilität die treibende Kraft für regionale und überregionale Kommunikation und Austausch am Beginn der europäischen Metallzeiten sei.[3]
Einzelne oder im großen Stil wandernde Frauen, die Kulturen immer wieder neu beeinflussen, das klingt fortschrittlich und rückt die Patrilokalität in ein sehr gutes Licht. Der Zustrom von Frauen wird sogar biologisch rechtfertigt, denn Exogamie dient ja der genetischen Vielfalt.
Es wird vor allem aber von einer freiwilligen Zuwanderung ausgegangen, denn es wäre ja geradezu zynisch, eine Deportation als Mobilität zu besprechen. Aber allein schon zu früh gestorbene und entwurzelte Frauen oder die abrupte, großflächige Veränderung sprechen gegen harmlose, biologische oder kulturoptimistische Erklärungen. Es wird einfach ignoriert, unter welchen Umständen die Frauen ihren Wohnort wechselten und mit ihren Kindern in der Fremde leben mussten. Und nun dient auch das Lechtal als Beispiel für friedliche Migration, taffe Frauen und gegenseitige kulturelle Bereicherung.

Das Massaker von Talheim, Quelle:zum.de

Das Massaker von Talheim (Neckar). Quelle: Zentrale für Unterrichtsmedien e.V.

Stellen wir diese Beispiele nun offensichtlichen Fällen von Gewalt gegenüber: den bandkeramischen Massakern von Asparn Schletz, Schöneck-Kilianstädten und Talheim. Das Fehlen junger Frauen im Befund führte zu der Schlussfolgerung, dass das Tatmotiv Frauenraub gewesen sei.
Die Anwesenheit von Gewalt an Männern führte also zur Annahme von Gewalt an Frauen! Wie oft mag Gewalt an Frauen übersehen worden sein, weil sie an den Skeletten so nicht ablesbar war?[4]
An den Skelettresten von Talheim wurde mit mehreren Studien versucht, Patrilokalität für die Bandkeramik zu beweisen. Ich konnte auf der Basis der Daten nachweisen, dass dieser Versuch gescheitert ist, und wir sogar von Matrilokalität ausgehen können.[5] Patrilokalität ist nicht einfach eine harmlose Residenzregel von vielen, sie ist keine friedliche, gewaltlose Form des Zusammenlebens[6].

Die Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy konnte anhand der besonderen Schwierigkeiten, die die lange Kindheit mit sich bringt, und der Strategien, die Mütter entwickelten, um diese zu bewältigen, aufzeigen, dass Matrilokalität bis in die Jungsteinzeit gelebte Wirklichkeit gewesen sein muss. Sie rekonstruierte die artgemäße Lebensweise von Homo Sapiens auf der Basis ihrer Untersuchungen an Primaten, der Darwinschen Evolutionstheorie mit dem Fokus auf die Sexuelle Selektion, also der female choice[7], und der Großmutterthese nach Hawkes[8] und Beise/Voland[9].
Erst nach ihrer Emeritierung schrieb sie in eine Fußnote ihres vorerst letzten Buches:

Ich gehörte übrigens zu denjenigen, die schon frühzeitig davon überzeugt waren, dass Menschenaffen zur Patrilokalität neigten. Ich änderte meine Meinung im Verlauf der Arbeit an 'Mutter Natur'.[10][11]
Sie hält dazu fest, dass
ungeachtet dogmatischer Verlautbarungen, wonach Menschen für gewöhnlich 'eine patrilokale Familienstruktur besitzen', weil 'Söhne in traditionellen Gesellschaften in der Nähe ihrer Familien bleiben, während Töchter fortziehen', diese grundlegende Aussage über die menschliche Natur nicht von Daten über Menschen gestützt wird, die tatsächlich als Jäger-Sammler leben.[12]

Eigentlich ist es einleuchtend: Da wo Kinder aufwachsen, muss es so sicher und verlässlich wie möglich sein. Daher hatten die Mütter der Altsteinzeit sichere und sozial stabile Bedingungen selbst geschaffen.

Bild-Kollage: Gabriele Uhlmann.
Urmutter vom Hohle Fels (Schwäbische Alb), 35 - 40.000 Jahre, Urmutter von Lespugue (Frankreich), 25.000 Jahre, Urmutter von Willendorf (Österreich), 23.000 Jahre, Urmutter von Grimaldi (Italien), 21.000 Jahre, Urmutter von Gagarino (Russland), 18.000 Jahre


Die Matrilokalität von Homo Sapiens führte zwangsläufig zu Matrilinearität. Das ist die Ahnenreihe ausschließlich in der mütterlichen Linie, denn bei Matrilokalität ist die Vaterschaft unbekannt. Nicht nur an der Kunst bis in die Jungsteinzeit können wir das ablesen, sondern inzwischen auch an naturwissenschaftlichen Untersuchungen. Gerade die altsteinzeitlichen Statuetten stehen für eine Kontinuität, die seines Gleichen sucht. Das, was Hrdy mit Matrilokalität und Matrilinearität benannte, nannte die Archäologin Marija Gimbutas 'Matrifokalität'[13]. Matrifokalität hat nichts mit Macht[14] zu tun, sondern mit Fürsorge und Kooperation, und sie ist unsere artgemäße Lebensweise, die, weil sie angeboren ist, immer noch unser Sozialverhalten mitbestimmt.

Die biologische Vaterschaft wurde zwar spätestens in den sesshaften matrifokalen Gemeinschaften erkannt, zur Durchsetzung von Patrilinearität, also der Einheit von biologischer und sozialer Vaterschaft, gab es aber lange keinerlei Veranlassung. Zum mütterlichen Prinzip gehört das bedingungslose Teilen von Nahrung und Heimstatt mit den Kindern, d.h. alles wurde von allen als Eigentum angesehen. Eine Teilung des Besitzes und ein Erbrecht waren daher überflüssig. Alle Kinder wohnten lebenslang in der Sippe. Die Frauen übten ihre Exogamie natürlich matrilokal aus, und die Männer verließen dazu vorübergehend ihre Sippe.

Weil Mütter von Natur aus niemals freiwillig patrilokal leben würden, müssen wir den Schluss ziehen, dass die Frauen von Männern in die Patrilokalität gezwungen wurden und bis heute gezwungen werden. Warum tun Männer das, laden sie sich damit doch eine Menge Arbeit, Verantwortung und obendrein missmutige Ehefrauen und sexuelle Frustration auf? Erst unter Patrilokalität kann die Idee der Patrilinearität auch umgesetzt werden. Statt mit Sippen haben wir es dann mit Familien zu tun, deren vornehmste Aufgabe es nicht ist, zum Wohle des Nachwuchses zu wirken, sondern zum Wohle des Vaters und seines Lebenswerkes.

Links:Danaë im Turm empfängt den Goldregen des Zeus, Rechts: Odin sticht Brunhilde mit der Dornrose
Im Bild Links: Danaë im Turm empfängt den Goldregen des Zeus, Rechts: Odin sticht Brunhilde mit der Dornrose. Quellen: Links Böotische Vase (ca. 450 425 v.u.Z., Louvre, Paris). Wikimedia commons, user: Marie Lan Nguyen; Rechts: Aus: Baker, Emilie Kip. Stories from Northern Myths. New York 1914. S. 202. Wikimedia commons, user: Holt.

Insbesondere die Mythen, in denen Töchter von Göttern oder ihren Vätern eingesperrt werden, wie Persephone, Danaë oder Brunhilde, bilden das ab[15]. Die Verantwortung bleibt einfach bei der Frau, sie muss dafür Sorgen, dass die Arbeits- und Manneskraft des Familienvaters stetig regeneriert wird[16], und die Kinder, insbesondere die Töchter, dem Vater Ehre machen. Wie die Patriarchatsforscherin Stephanie Gogolin treffend sagt, sollten wir nicht dem Irrtum anhaften, dass das Patriarchat einst entstanden sei, damit die Väter soziale Aufgaben übernehmen können. Patrilinearität[17] und Patrilokalität sind die Säulen des Patriarchats, der Herrschaft der Väter, die die Basis jeder Gesellschaft ist. Der Frauenraub steht dabei immer am Anfang des Versuchs, eine Herrschaft aufzubauen.

Von 'IS' und Boko Haram entführte Frauen und Mädchen

IS und Boko Haram führen uns vor Augen, was sich von Anbeginn des Patriarchates abgespielt hat. Sie führen Krieg gegen die sexuelle Autonomie der Frau, also gegen die female choice, in dem Glauben, dass die Frau dem männlichen Fortpflanzungstrieb zu dienen hätte. Es geht Patriarchen nicht nur um Sex, es geht darum, die weibliche Gebärfähigkeit auszubeuten, d.h. möglichst viele Kinder, insbesondere Söhne, zu zeugen und ihrer auch habhaft zu werden.

Die früheste Patriarchalisierung Eurasiens dürfte schon während der sog. Misox-Schwankung vor 8200 Jahren stattgefunden haben, als sich das Klima nachhaltig ungünstig veränderte. Erst Dürre und Hunger ließen die Abhängigkeit der ersten Ackerbauern von konstant günstigem Klima spürbar werden und gaben Anlass, den Anteil tierischer Nahrung deutlich zu erhöhen. Überlebende Männer betrachteten die wenigen Haustiere fortan als ihren Privatbesitz, und trieben sie in das Grasland der Steppen, wo sie sie erstmals zu züchten begannen. Das neue Besitzdenken erforderte es, viele Söhne zu haben, die die Herden verteidigen und vermehren helfen. Aber ohne Frauen gibt es keine Söhne, woher also nehmen, wenn nicht stehlen? Über die Isolierung der geraubten Frauen in der Weite der Steppe, ohne den Schutz ihrer Ursprungssippen, und ihren Einsatz als besitzlose Melkerinnen der großen Herden gelang ein relativ stabiles Patriarchat.

So?köl jayloo

Auch im Patriarchat der sesshaften Bauern sind Frauen in Wirklichkeit Nomadinnen. Der angeblich von Frauen getragene kulturelle Wandel ist in Wahrheit nur ein Nebeneffekt des sich konsolidierenden Patriarchats, was es aber nicht besser macht. Allein durch Patrilokalität verlieren Mütter, und auch ihre Kinder, für uns unsichtbar ihren bedingungslosen Versorgungsraum. Patrilokalität ist daher keine Win-Win-Situation, nichts, woraus Frauen Vorteile ziehen könnten. Frauen und Kinder verlieren ihre Sicherheit und ihre sexuelle Autonomie. Ihr Selbstbestimmungsrecht bleibt auf der Stecke. Sinn ist der Entzug des alleinigen Rechtes der Mutter und ihrer Sippe an den Kindern, der Zugriff des Vaters. Frauen können daher am Patriarchat nicht egalitär beteiligt werden. Zugestandene gleiche Rechte bleiben jederzeit zurücknehmbar.

Genetischer Flaschenhals vor 7000-10.000 Jahren
Quelle: Diagramme nach https://www.nature.com/

Dass sich das Patriarchat bald auch gegen die Männer selbst gerichtet hat, zeigt der von der ForscherInnengruppe Karmin et al. entdeckte weltweite genetische Flaschenhals vor 7000-10.000 Jahren.[18] Die amerikanischen Genetiker Zeng, Aw und Feldman führen die Dezimierung der männlichen genetischen Vielfalt auf Stammesfehden zurück, welche "neue patrilineare Gruppen" gegeneinander geführt hätten.[19] Die Stammesgruppen hätten aus miteinander verwandten Männern bestanden, während die Frauen oft aus anderen Stämmen gekommen seien - oder erbeutet worden seien.

Nahöstlicher Viehmarkt. Großvater, Vater und Sohn bieten ihre Tiere an.
Tierzucht. Nahöstlicher Viehmarkt: Großvater, Vater und Sohn bieten ihre Tiere an. Quelle: Wikimedia Commons (Man77)

Ob alte oder neue patrilineare Gruppen, sie fallen nicht einfach vom Himmel, sondern sie müssen erst hergestellt werden. Es muss dazu eine Nutzanwendung von Patrilinearität gegeben sein, bevor die sie erst ermöglichende Patrilokalität von Männern durchgesetzt werden will. Diese Nutzanwendung war die Viehzucht. Das Patriarchat ist uns nicht angeboren und wir müssen unsere Matrifokalität fortwährend unterdrücken. Sie ist der Grund, warum wir das Patriarchat in all seinen Facetten nicht völlig widerstandslos hinnehmen können.

Das Patriarchat muss sich daher permanent erneuern und muss dazu Gewalt anwenden. Die durchgesetzte Patrilinearität und die damit verbundene Monogamie ist Gewalt gegen das sexuelle Selbstbestimmungsrecht der Frau und Patrilokalität ist latent wiederholter, institutionalisierter Frauenraub.

Beides ist so freiwillig wie das Kopftuch, welches das Symbol für diese Gefangenschaft ist. Letztlich sind auch die Jungen wie die Mädchen über die Mütter Entführungsopfer.

Um Ruhe an der widerstrebenden matrifokalen Front zu haben, schufen Patriarchen eine Theologie, in der das als die natürliche Lebensweise hingestellt wird, und ein gebärender Gott am Anfang aller Dinge steht.[20] Religion, die strukturelle Gewalt des Gesetzes und die Tradition verleihen schließlich auch noch dem friedfertigsten Mann Macht über seine Frauen und Kinder, und machen also ausnahmslos jeden Ehemann und Vater zum Patriarchen. Die Religion sei erforderlich, um die angeblich unmoralische, gewalttätige, kriegerische und hypersexuelle Natur des Menschen zu zügeln. Aber allein schon wegen unserer angeborenen hohen Sozialität verabscheuen wir normalerweise Gewalt, dafür brauchen wir gar keine Theologie[21], doch der Erhalt des Patriarchates ist davon abhängig, dass Männer Gewalt anwenden.[22]
Das erklärt z.B., warum nur ein Bruchteil der Vergewaltigungen bestraft wird, und das Strafmaß gering ist. Mit der puren Angst vor möglicher Gewalt werden Frauen an ihrer freien Entfaltung und der Anklage von Gewalt gehindert. Jede Mutter ist zudem über ihre Kinder erpressbar. Die Zerstörung der sozialen Bindungen und der Umwelt, sowie ein Wirtschaftssystem mit Sachzwängen, alles Gewalttätigkeiten, machen es unverheirateten Frauen und Müttern bis heute unmöglich, ohne aktive Beteiligung am Patriarchat, zu überleben. Die Traumatisierungen können in der nächsten Generation nur kompensiert aber nicht geheilt werden, denn die Familie ist und bleibt der gefährlichste Ort[23], und die Basis des Patriarchats.
So voller Leid das auch ist, die Patrilinearität bzw. die Identität von biologischer und sozialer Vaterschaft wird auch von Frauen als angeblich gerecht und natürlich mitgetragen; auch hätte angeblich jedes Kind das natürliche Recht seinen Vater zu kennen (Gleichsetzung der Patrilinearität mit Geschlechtergerechtigkeit und Kinderrechten). Denn ausgerechnet die Aufklärung erließ an dieser Stelle ein rigoroses Denkverbot, indem sie die von Darwin entdeckte Sexuelle Selektion, die female choice, nicht für Homo Sapiens akzeptierte, obwohl diese die eigentlich treibende Kraft der Evolution ist.[24] Die Großmutterthese darf offiziell nur eine Hypothese sein und die Urmutter-Statuetten seien nur Sexpüppchen. Wir können hier ein kollektives Stockholm-Syndrom[25] diagnostizieren, schließlich sind wir ja alle Entführungsopfer. In diesem komplexen Mechanismus und in der erzwungenen Vaterbindung liegt der Selbsterhalt des Systems, seine Perpetuierung, begründet.
Indische Familie
Foto: Joshua Watson (Unsplash)

Ihrer Natur nach brauchen Mütter und Kinder aber die Absicherung durch die matrifokale Ordnung einer Sippe mit um die 80 Personen. Dieses Grundbedürfnis wurde auf den Vater als Ernährer umgelenkt und heute auch auf die Vollberufstätigkeit der jungen Mutter verengt, was eine absolute Überforderung darstellt. Aus ihrem sozialen Umfeld gerissene junge Frauen und Mütter werden daher nicht als Opfer von tätlicher oder struktureller Gewalt erkannt. Dass Wissenschaftler die Absurdität auch nur in Erwägung ziehen, dass sich weibliche Kinder freiwillig auf einen langen Weg gemacht hätten, ob massenhaft oder einzeln, um einen ihnen unbekannten Landwirt oder Krieger zu ehelichen, bezeichnet auch eine umfassende anthropologische Ahnungslosigkeit. Die Exogamie der Frau mit Patrilokalität gleichzusetzen, ist evolutionsbiologisch schlichtweg unseriös.
Es waren sicher nicht die Sesshaftigkeit und die Erfindung des Ackerbaus, die zu ständig neuen Gesellschaften mit Hierarchie und Krieg führten; sie brachten auch ohne Patriarchat die ersten blühenden Kulturen hervor.

Çatal Höyük

In Çatal Höyük z.B., einer jungsteinzeitlichen Großsiedlung und Ackerbaukultur, die insgesamt 1800 Jahre friedlich und gewaltlos bestanden hatte, musste der Grabungsleiter Ian Hodder die Abwesenheit jeglicher Anzeichen für Patriarchat feststellen. 'No family plots' war das Ergebnis der Untersuchungen der Odontologin Marion Pillard.[26] Die hier gefundenen ersten Zivilisationskrankheiten nehmen sich gegen die Folgen des Patriarchats geradezu harmlos aus und änderten offensichtlich nichts an der hohen Zufriedenheit der Menschen.
Karte Jungsteinzeit in Europa
Quelle: Wikimedia Commons (nachbearbeitet)
Auch die Bandkeramiker betrieben Ackerbau und hielten lediglich wenige Tiere. Ihre Migration aus Südosteuropa verlief vollkommen friedlich und neolithisierte die mesolithische Urbevölkerung. Was beide Gruppen einte, war ihre Matrifokalität.[27] In den Mittelgebirgen spielte sich aber infolge des Klimawandels am Ende des Atlantikums mit dem Aufkommen der Transhumanz, also der ersten Hirten, ein ähnlicher Mechanismus ab wie in der Steppe. Die Patrilinearität war sozusagen eine Idee, deren Zeit nun auch hier gekommen war.[28] Anders als in der Steppe war das Land jedoch vergleichsweise begrenzt. Ohne staatliche Organisation und eine entsprechende Theologie war das Patriarchat in der Sesshaftigkeit nicht aufrecht zuerhalten, und es scheiterte bald, weil rohe Gewalt zur Selbstauslöschung führte.
Fries mit Matri
Linie. Pfahlbaukultur/Bodensee, Länge 7m, ca. 6000 Jahre alt
Quelle: Nachzeichnung eines Fotos, veröffentlicht auf SWR2, https://www.swr.de/

Das Vakuum, das die vielen Massaker und Kleinkriege vor 7000 Jahren hinterließen, füllte sich erneut mit matrifokalem Leben. Die Michelsberger Kultur und die Pfahlbaukultur, von der sich bruchstückhaft ein 7m langer Fries einer matrilinearen Ahnenreihe erhalten hat[29], drehten quasi das Rad der Urgeschichte noch einmal zurück, wenngleich auch sie dem Druck der stets überbevölkerten Patriarchate nicht mehr gewachsen waren.

Bronzezeitlicher Männerüberschuss

Das Patriarchat mit seinem Männerüberschuss und Krieg waren und sind bis heute der Grund für männliche Massenmigrationen. Amy Goldberg und ihr Team konnten dies für die indoeuropäische Einwanderung genetisch nachweisen.[30] Sie ziehen übrigens wie Marija Gimbutas mit ihrer Kurganthese[31] den Schluss, dass diese Migration von Viehzüchternomaden eher den Charakter eines Eroberungsfeldzugs hatte.

Links: Das verlorene Schaf 'Der gute Hirte', Willi Langbein, 1930 (Kirche
Rechts: Raub der Sabinerinnen, Albrecht Dürer, 1495

Es ist bemerkenswert, wie sehr seitdem der Umgang mit Frauen und Kindern - ja der ganzen Menschheit - vom Geist der Tierzucht geprägt ist, daher noch ein paar Worte dazu. Statt einfacher Domestizierung wie in der vorpatriarchalen Jungsteinzeit, haben wir es im Patriarchat mit der gezielten Zucht von Tieren und mit unnatürlich großen Herden zu tun. Die Begriffe Tierhaltung und Tierzucht unterscheiden sich daher inhaltlich, aber auch ideologisch voneinander und sollten nicht einfach synonym gebraucht werden.
Links: Eine Ziege wird vergewaltigt.
Eine Ziege wird vergewaltigt. Eine Kuh wird vergewaltigt.
Quellen: HBLFA Raumberg, Gumpenstein; Wikimedia Commons (Aleks)

Um Tiere zu züchten, müssen wilde Tierweibchen eingefangen und festgebunden werden. Die Züchter ermöglichen es dann ausgewählten männlichen Tieren, die Weibchen zu vergewaltigen. Die female choice der Weibchen wird vollständig unterdrückt. Um einen solchen Tabubruch zu begehen, müssen Männer jede Achtung vor dem mütterlichen Prinzip verloren haben. Auch dass der Beginn des Bergbaus mit dem Beginn des Patriarchats zusammenfällt, dürfte kein Zufall sein, denn zur Verletzung und Ausbeutung von Mutter Natur musste sie ideologisch bzw. theologisch abgewertet werden, und zwar nicht nur als dumme Kuh ... Marduk tötet Tiamat, Der Erzengel Michael 'rettet' die Seele Evas, indem er den Drachen toetet
Links: Marduk (re.) tötet die Urmutter Tiamat (li.), rechts: Der Erzengel Michael "rettet" die Seele Evas, indem er den Drachen (Pfeil) tötet.
Quellen: Wikimedia Commons (Georgelazenby), (Dr. Meierhofer)

....sondern auch als böser Drache, der angeblich das Chaos und die Unordnung regiert und einen Schatz bewacht. Ihm oder besser ihr wurde dreist angedichtet, Jungfrauen zu rauben. Eine völlige Verdrehung der Tatsachen.
Die mythische Drachentötung, die für den Mord an Mutter Natur und ihre Ausbeutung steht, und der Frauenraub gehören zusammen und sind in der Mythologie kein aufreizender Plot, sondern die Basis für alles Weitere.
Ich bedanke mich damit sehr für Ihre Aufmerksamkeit.

Anmerkungen
[1] Vgl. Keim 2017
[2] Callaway 2018, S. 57
[3] Vgl. Knipper 2017
[4] Wie z.B. bei den Massakern von Wiederstedt, Achenheim und Halberstadt oder auch Menneville.
[5] Vgl. Uhlmann 2012, S. 121-196; siehe auch Düring/Wahl 2014, S. 22 f https://journals.ub.uni-heidelberg.de/
[6] Unter den Studien ist besonders die von Ursula Eisenhauer (Eisenhauer 2003a) zu nennen. Sie versuchte, mit statistischen Mitteln Patrilokalität in Talheim zu beweisen. Matrilokalität ist für sie ein ethnografischer Sonderfall: "Für die Älteste Bandkeramik ist, unter Berücksichtigung des gegenwärtigen Informationsstandes, auch aus ethnologischer Sicht eine matrilokale oder gar matrilineare Organisationsstruktur auszuschließen." (Eisenhauer 2003b, S. 328 zitiert nach Uhlmann 2012, S. 160f).
[7] Vgl. Small 1995 und Uhlmann 2015
[8] Vgl. Hawkes 2004. Hawkes geht davon aus, dass die Menopause der Menschenfrau und ihre lange Lebensspanne danach selektiert wurde, weil die Großmutter ihrer Tochter bei der Kinderpflege am besten helfen kann, wenn sie selbst nicht mit einem Kleinkind beschäftigt ist.
[9] Vgl. Beise/Voland 2002 a und b. Aus den Kirchenbüchern der Halbinsel Krummhörn (Ostfriesland) ging hervor, dass die Kindersterblichkeit in Familien am höchsten war, wenn die Mutter des Kindsvaters mit im Hause wohnte, geringer ausfiel, wenn keine Großmutter im Hause wohnte, und am geringsten war, wenn die Großmutter mütterlicherseits im Hause wohnte. Daraus schlossen sie auf die Matrilokalität der Menschheit als evolutionäre Größe.
[10] Vgl. Blaffer Hrdy 2010, S. 448, FN 20
[11] Verweis auf Blaffer Hrdy 1999
[12] Vgl. Blaffer Hrdy 2010, S. 336
[13] Vgl. Gimbutas 1996, S. X, S. 346, S.349, S. 352
[14] Also nicht zu verwechseln mit Matriarchat.
[15] Vgl. Uhlmann 2018
[16] Vgl. Hoherz 1991, S. 16
[17] Patrilinearität tritt manchmal in Kombination mit Matrilinearität auf, z.B. bei den meroitischen Königshäusern. In diesem als Bilinearität bezeichneten System dient die Matrilinearität der Absicherung der Patrilinearität. Der König musste "göttlicher Abstammung" sein. Da jedoch nur die mütterliche Abstammung als sicher galt, musste der König das Kind einer königlichen Mutter sein. Dies führte in letzter Konsequenz auch zu den Geschwisterehen: "Nur durch den Inzest mit seiner Schwester konnte der König erreichen, dass der erbberechtigte Sohn seiner königlichen Schwester zugleich sein Sohn war." (Bott 2009, S. 71)
[18] Vgl. Karmin et al. 2015
[19] Vgl. Zeng et al. 2018 und SU 2018: "Das Rätselhafte daran: Dieser drastische Rückgang traf damals nur die Männer - die Population und Genvielfalt der Frauen nahm während der gleichen Zeit sogar eher zu, wie Analysen der mitochondrialen DNA ergaben. Als Folge kamen damals in vielen Regionen Europas, Asiens und Afrikas 17 Frauen auf nur einen Mann."
[20] Vgl. Uhlmann 2015
[21] Vgl. de Waal 2015
[22] Vgl. Universität Bielefeld 2004
[23] Vgl. BKA 2015
[24] Vgl: Prum 2017, S. 17ff.
[25] These nach Stephanie Gogolin. Das Stockholm-Syndrom bezeichnet das kooperierende und solidarisierende Verhalten von Entführungsopfern gegenüber dem Täter.
[26] Vgl. Owen 2011
[27] Vgl. Uhlmann 2012, S. 53ff
[28] Vgl. Uhlmann 2012, S. 65ff
[29] Vgl. Schlichtherle 2016
[30] Vgl. Goldberg et al. 2017
[31] Vgl. Gimbutas 1996, S. 352ff

LITERATUR



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