Menschsein
und Anthropologie
im Lichte der Patriarchatsforschung


Gewalt -
Garant und Symptom des Patriarchats


  1. Female choice - unser unbekanntes Menschenrecht
  2. Vortrag: Frauen - Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Initialisierung und Perpetuierung des Patriarchats
  3. Patriarchat - Definition, Geschichte und Symptome
  4. Vortrag: Explosion und Expansion. Wie Vatermacht die Welt unterjocht.
  5. Gewalt - Garant und Symptom des Patriarchats

Erstfassung 8. Januar 2021

Das Patriarchat ist nicht das Ergebnis eines harmlosen kulturellen oder gar evolutionären Prozesses, sondern es entstand mit männlicher Gewalt. Es hat sich mit Gewalt verbreitet und es wird sowohl gewaltsam als auch mit rechtsstaatlichen Mitteln, den Gewalten, aufrecht erhalten. Gewalt traumatisiert. Das Patriarchat wird daher von einer kranken bzw. erkrankten Bevölkerung getragen, auch wenn die Tradition das Krankhafte unserer Lebensweise verschleiert. Die fortgesetzte Gewalt bedroht nach 8200 Jahren Patriarchat die Existenz allen Lebens auf der Erde. Es erscheint mir notwendig, zunächst eine Liste der Gewalt zu schreiben, ehe ich genauer darauf eingehe.

Die Gewalten aus patriarchatskritischer Sicht

Über diese Liste

Keine Liste der Gewalt kann einen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, da immer wieder neue Gewaltformen entstehen und Gewalt oft nicht als solche erkannt oder erinnert wird. Obige Liste beschränkt sich dabei weder auf Europa noch auf einen zeitlichen Rahmen.
Es gibt Überschneidungen innerhalb und außerhalb einer Kategorie von Gewalt, besonders bei der väterlichen Gewalt, die mit allen Formen der Gewalt Ausdruck findet, und z.B. bei der krankhaften Gewalt, denn das Patriarchat und seine Gewalten machen krank. Gleiches gilt für die wirtschaftliche Gewalt, der ich keinen gesonderten Punkt zugesprochen habe, weil sie als elementarer Bestandteil der väterlichen Gewalt das Leben der Menschen vollkommen penetriert und zudem vaterstaatlicher Leitung unterliegt und sich ihr zugleich entzieht.

Ein Sonderfall ist die Abtreibung, die einerseits ein Naturrecht der Frau (female choice), andererseits Folge der Nötigung durch die Gesellschaft ist. Gleichzeitig aber von Staat und Kirche abgelehnt und sanktioniert wird, da mit ihr das Vaterrecht unterlaufen wird. Die Empfängnisverhütung ist Fluch und Segen zugleich. Sie hat bereits die Bevölkerungsexplosion in den Industriestaaten gestoppt, geht aber meistens einseitig zu Lasten der Gesundheit der Frau. Milliarden Frauen können oder dürfen sich nur noch ein Kind erlauben. Dies ist Gewalt gegen die menschliche Natur, wie auch die selektive Abtreibung als vorgeburtlicher Gynozid, und zusätzlich, weil es zu unserem angeborenen Sozialverhalten dazu gehört, dass Schwestern miteinander kooperieren und Brüder Schwestern haben, auch, wenn nötigenfalls Cousinen und Cousins der mütterlichen Linie einen gewissen Ausgleich schaffen können.
Das ungeborene Leben als philosophisch-ethische Größe erschwert eine objektive Betrachtung. Die Symbiose von Mutter und Kind bis weit nach der Geburt lässt eine klare Trennung beider Leben nicht herstellen. Manche Gewalt ist notwendig geworden, um andere Gewalt zu verhindern oder Folgen von Gewalt zu lindern.

Bestimmte Zwänge waren einmal gut gemeint, sind aber dem Wesen nach Gewalt, wie der Schulzwang. Er war eine Verbesserung zu anderen Missständen, geriet aber unter schulmeisterlicher Ägide sofort zur Quälerei, und schuf damit neue Probleme.

Auch manche menschliche Gefühle wie Aggression, Neid und Eifersucht können Gewalt antun oder dem Selbstschutz oder der Notwehr dienen. Daher habe ich sie nicht in die Liste aufgenommen. Sie werden jedoch vom Patriarchat erst getriggert und dann instrumentalisiert, auch wenn sie geächtet werden. Die Lüge ist zwar eine Fähigkeit, die auch in der Natur vorkommt, jedoch vor allem unter den Bedingungen der Bedrohung und Knappheit in einem degenerierten Sozialverband.

Ich habe das Opfer-Bashing der krankhaften Gewalt zugeordnet, weil es zur narzisstischen Manipulation gehört. Die Vorwürfe der Weinerlichkeit, des Selbstmitleides, der Schuldzuweisung an andere (Gegenvorwurf des Bashing!), der Verantwortungslosigkeit, der Unreflektiertheit, der Selbstgerechtigkeit, des Neides oder der Bequemlichkeit in der Opferrolle sind Abwertungen wie Narzissten sie üblicherweise vornehmen, um vom eigenen gewalttätigen Verhalten abzulenken. Bizarr und besonders unsolidarisch wird es, wenn Feministinnen oder alle auf dem Weiblichkeitsheilungstrip, Möchtegernschamaninnen etc. andere Frauen auffordern, aus der Opferrolle herauszukommen. Es ist dazu festzustellen, dass Opfersein keine Rolle ist, sondern ein Status. Frauen waren die ersten Opfer des Patriarchats und sind es bis heute. Mit dem Opfer-Bashing sollen Opfer zum Schweigen gebracht werden, denn die Sichtbarkeit und Hörbarkeit von Leid könnte zu Maßnahmen gegen das Patriarchat führen. Ein Opfer-Basher verfährt nach dem Motto: "Angriff ist die beste Verteidigung". Dazu gehört natürlich auch die Verunglimpfung des Feminismus als Verschwörungstheorie und feministischer Forderungen als Volksverhetzung. Diese Täter-Opfer-Umkehr ist nur eine von vielen, und das Patriarchat ist ein 8200 Jahre andauernder, wenn auch inzwischen vielmals unbewusster Komplott gegen Frauen, und Hass und Hetze gegen die Schwächeren sind im Patriarchat an der Tagesordnung.

Die Gewalt gegen sich selbst geschieht, auch wenn es nicht so aussehen mag, immer unfreiwillig unter dem Druck der anderen Gewalten, von denen ebenfalls alle unter dem Druck der einen Urgewalt entstehen, der väterlichen Gewalt, des Patriarchats.

Es vergeht kein Tag ohne Gewalt, und alle patriarchalen Menschen erleben jeden Tag Gewalt, die aber meist als solche kaum wahrgenommen wird, weil sie Alltag und Tradition ist. Das Leid gehört angeblich zum täglichen Leben dazu, weil der Mensch nun einmal leidensfähig ist. Aber nur die patriarchale Kultur baut auf Gewalt gegen das natürliche Leben und der Ausbeutung der Natur. Beides ist nicht Teil unseres angeborenen Wesens, daher werden wir krank wie die Tiere in Zoo, Wohnung und moderner Landwirtschaft. Gewalt kommt innerhalb einer gesunden Population sozialer Lebewesen nicht vor. Die sog. Hackordnung ist ein Mythos. Gerne wird auch das Beispiel der Löwen angeführt, wenn ein Löwenmännchen die Kinder einer fremden Löwin tötet, um sich mit ihr zu paaren und sie dies auch mitmacht. In einer von Menschen unbeeinflussten Natur kommt dieser Fall so gut wie nie vor. Selbst Naturkatastrophen wie Dürren lassen sich heute auf den Menschen zurückführen. Löwinnen leben mit ihren Schwestern in einem Rudel und ziehen ihre Kinder gemeinsam auf. Eine sozusagen alleinerziehende Löwenmutter hat immer Schlimmes erlebt: Menschen haben ihre Angehörigen erschossen. Wir dürfen bei solchen Bildern nicht vergessen, dass auch die Psyche der Tiere vom Patriarchat schwer geschädigt wird.
Gemeint ist auch nicht die "Gewalt", die ein Raubtier gegen seine Beute oder ein Pflanzenfresser gegen Pflanzen ausübt. Dies ist ein evolutionär notwendiger Vorgang, der die Populationsgrößen reguliert, und daher hier nicht als Gewalt gewertet wird. Ein gesundes Tier entnimmt nur soviel aus dem Ökosystem, dass die eigene Existenz nicht gefährdet wird. Nicht so der patriarchale Mensch.

Die männliche Gewalt erschafft die Familie - das Private ist das Politische

Isolierung ist die Höchststrafe für ein soziales Lebewesen, weil sie in den Tod führt. Die Isolation aus dem matrilinearen Sozialverband von Homo Sapiens, also der mütterlichen Sippe, wird im Patriarchat in der Institution der Familie, dem väterlichem Machtraum, antrainiert. D.h. Menschen haben aufgrund der Erziehung längst von klein auf eine Ahnung von Abtrennung und Abhängigkeit von einer Machtperson. Die Kompensation der begleitenden unbewussten Todesangst einer ganzen Bevölkerung nennt die Patriarchatsforschung das Kollektive Stockholm-Syndrom (nach Stephanie Gogolin). Die fortwährende Traumatisierung durch die Isolierung, also Entführung, aus dem mütterlichen Habitat führt zur universellen Erkrankung der Menschheit, die sich schlimmstenfalls in Krieg, getragen von Machtstreben, Gier und Verfolgungswahn, äußert. Die Behauptung, dass Gewalt und Krieg schon immer da gewesen seien, ist falsch und zeugt von weitgehender Unkenntnis über die Ur- und Frühgeschichte sowie die Anthropologie.
Dagmar Margotsdotter
hat die patriarchale Krankheit treffend "Patriarchose" genannt. Stephanie Gogolin stellt zudem die These auf, dass der Oxytocinmangel der Menschen, insbesondere aber der Männer, ausgelöst durch die Selbstisolation von kleinen Kindern, zu Aggressivität führt und das Patriarchat seit jeher zusätzlich befeuert hat.

Es gelingt dem Patriarchat immer wieder - besonders durch Not, Mangel und Knappheit unter den Müttern - Nötigung -, matrifokale Eigenschaften zu instrumentalisieren. Die moderne Forderung nach dem Neuen Mann, resp. Neuen Vater instrumentalisiert unter anderem die Erkenntnis, dass tatsächlich durch Oxytocin eine höhere Bindung erreicht wird. Die Kehrseite der Medaille ist, dass dadurch das Patriarchat weiter festgezurrt wird, in eine nächste Stufe übergeht. Warum ist das so? Die Neue Vaterschaft verstärkt die Bindung der Kinder an den Vater, der damit einen Machtfaktor zugewinnt, den er in der Geschichte des Patriarchats seither nie hatte. Die (eheliche, sexuelle) Bindung zur Mutter wird nicht nicht dadurch erhöht, dass der Vater sich um ihre Kinder kümmert. Schon die Ernährerrolle, die dem Vater der Steinzeit angedichtet wird, ist rein patriarchal bedingt und trägt nicht zu mehr innerer Bindung bei, sondern lediglich zu wirtschaftlicher Abhängigkeit. Auch die sog. "soziale Funktion von Sex" ist ein rein patriarchaler Komplex. Tatsächlich - aus dem matrifokalen Blickwinkel - macht er sich als Neuer Vater quasi zum Bruder - der unter Matrifokalität die männliche Bezugsperson der Kinder seiner Schwestern und auch ihr Miternährer wäre -, und wird gewissermaßen von der Mutter adoptiert, büßt damit aber an sexueller Attraktivität ein. Die eigenartige Kindlichkeit mit all ihren Konsequenzen für die Arbeitslast der Frau, die Männer in der Ehe an den Tag legen, hat hier ihre Wurzeln. Die female choice aller Frauen spielt dann eine entscheidende Rolle. Der Vater findet bei der Mutter keine sexuelle Befriedigung mehr, weil sie sich ihm nicht mehr erotisch nähern kann. Dies ist wohl die häufigste Quelle häuslicher Gewalt durch Männer. Die Mutter wird sich auch in andere Männer verlieben. Will sie sich daher oder wegen Überdruss oder Gewalt trennen, kommt es zum Kampf um die Kinder. Denn der verkindlichte Mann verliert nicht nur seine Ersatzmutter, sondern auch seine Spielkameraden, letztlich die Menschen, die ihm ein Heim bieten und ihn im Alter versorgen können, so hofft er jedenfalls. Vor Gericht spielt er nun häufig eine ideologische Karte aus, er wirft ihr "Gatekeeping" vor, wenn sie sich unbewusst dagegen verwahrt hatte, dass er in der Familie eine noch mächtigere Position einnimmt. Dieses Kriegsvokabular (Torhüten) zeigt bereits den aggressiven Eroberungscharakter des zum Vaterrechtler entpuppten Neuen Vaters, soll aber in Täter-Opfer-Umkehr die Mutter diskreditieren. Das von Vaterrechtlern erfundene Syndrom der "Entfremdung des Kindes vom Vater" (auch "PAS") ist keine Krankheit des Kindes, sondern beschreibt das Gefühl des entmachteten Vaters, dessen Vorväter seit 8200 Jahren daran gearbeitet hatten, ihr Entführungsverbrechen in eine "Vergewohltätigung" umzudeuten, und der nun sieht, wie die Mutter richtig stellt, was schon seit 8200 Jahren richtig zu stellen gewesen wäre. Eine Entfremdung kann es gar nicht geben, denn der Vater ist seit seiner Inthronisation ein Fremder geblieben. In der Scheidung tritt diese Wahrheit wieder ans Licht.
Die Familie ist in der modernen Risikogesellschaft (nach Ulrich Beck) in Auflösung begriffen. Die Wirtschaft hat die Gefahr der Globalisierung mit ihrer Mobilität und Vollbeschäftigung, ihre zerstörerische Wirkung für die Familie übersehen. Die versuchte Renaissance der Familie durch Politik und Interessengruppen spielt auf fatale Weise mit dem matrifokalen Bedürfnis nach Bindung in einem Sozialverband, die auch Männer so dringend brauchen, leistet ihnen damit aber einen Bärendienst und nimmt Mütter in Geiselhaft. Familie ist mit der Matrifokalität nicht kompatibel. Matrifokalität lässt sich weder wegzüchten, noch umerziehen, noch verbieten, allenfalls eine Zeit lang leugnen.

Mit der Entdeckung des Kollektiven Stockholm-Syndroms wird verständlich, warum immer wieder auch Frauen, wenn auch deutlich seltener, gewalttätig werden. Gemeint ist damit die gesamte oben aufgeführte Liste, bishin zur glühenden Verteidigung der Ehe und Familie. Die Kooperation mit dem Patriarchat ist Gewalt des Opfers, Notwehr, die in Fällen oben aufgeführter Gewalt angezeigt wäre, aber so vollkommen absurd wird. Im Großen und Ganzen ist weibliche Gewalt jedoch eher gegen sich selbst gerichtet, aus Ohnmacht und weil Frauen im Patriarchat einen Selbsthass anerzogen bekommen.

Jede Gewalt hat strukturelle Ursachen, die auf die gewaltsame Zerstörung des natürlichen, matrifokalen Sozialverbandes von Homo sapiens, der MATRIFOKALITÄT, zurückgehen, und die die Risiken des Konstruktes "Vater" aufrecht erhalten, die in der Liste oben verzeichnet sind. Es ist eine bedrückende Tatsache, dass es dem patriarchalen Menschen unmöglich gemacht worden ist, zu leben ohne Gewalt auszuüben oder diese über sich ergehen zu lassen. Im Patriarchat sind fast alle mehr oder weniger Opfer und Täter zugleich. Auch Kinder können äußerst gewalttätig werden, nur die kleinsten Kinder können nichts dafür.

Weiterführender Lesestoff (Auswahl)

Zum Kollektiven Stockholm-Syndrom:
- Peer-reviewte Studie aus HUMAN NATURE,
- Original-Studie von Michelle Scalise Sugiyama zum Download,
- Begriff bei Wikipedia,
- Stockholm-Syndrom Teil 1 (Stephanie Gogolin),
- Stockholm-Syndrom Teil 2 (Stephanie Gogolin),
- Stockholm-Syndrom Teil 3 (Stephanie Gogolin),
- Oxytocinmangel - ein Beschleuniger des Patriarchats (Stephanie Gogolin)

Rassismus:
- Gibt es menschliche Rassen? Von Zeugung, Erziehung, Zucht und Züchtigung

Soziologie:
- Arendt, Hannah: Die Freiheit, frei zu sein. München 2018
- Beck, Ulrich: Risikogesellschaft - Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt a. M. 1986
- Teresa Bücker: Ist es radikal, ein Kind ohne Partner zu bekommen?, SZ-Magazin online vom 13. Oktober 2020
- Tazi-Preve, Mariam Irene: Das Versagen der Kleinfamilie - Kapitalismus, Liebe und der Staat, Opladen, Berlin, Toronto 2018
- Störenfriedas: Feminismus radikal gedacht. Norderstedt 2018

Häusliche Gewalt:
- Blog MIA (Mütterinitiative für Alleinerziehende)
- Statistik des BKA zur häuslichen Gewalt

Jura:
- Wolters, Andreas: Mutter durch Geburt - Vater durch Gesetz, Ordnungsmuster der Vergesellschaftung, Roßdorf bei Darmstadt 2018
- White Lily Revolution - Kampagne gegen Gewalt an Frauen per Institutionen https://whitelilyrev.de/

Sprache:
- Rhetorik des Patriarchats
- Pusch, Luise: Die dominante Kuh - neue Glossen. Göttingen 2013; (sowie alles von Luise Pusch)
- Trömel-Plötz, Senta: Gewalt durch Sprache - Die Vergewaltigung von Frauen in Gesprächen, Frankfurt a. M. 1997

Archäologie:
- Uhlmann, Gabriele: Archäologie und Macht - Zur Instrumentalisierung der Ur- und Frühgeschichte, Norderstedt 2012

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