Catal Höyük

Interpretation am Scheideweg
openbook von Gabriele Uhlmann

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KAPITEL 1...DIE ÄLTESTE STADT

KAPITEL 2...DER GRÖSSTE TELL DER JUNGSTEINZEIT

KAPITEL 3...DIE ÄLTESTE STADTKULTUR

Anmerkung: Kapitel 3 befindet sich auf der nächsten Seite.

KAPITEL 4...MATRIARCHAT - MATRIFOKALITÄT - WELCHER WUNSCH IST WIRKLICHKEIT?
Die Ursprünge der Patriarchatsforschung und ihre Emanzipation von der Matriarchatsforschung


Anmerkung: Kapitel 4 befindet sich auf der übernächsten Seite.

 

 

EINFÜHRUNG Teil I

I. Methodik

Schon seit der Entdeckung in den 1960er Jahren war der neolithische Siedlungshügel Çatal Höyük [i] die Hochburg der AnhängerInnen der Matriarchatsforschung. Dazu kam es, weil der erste Ausgräber James Mellaart die von ihm ausgegrabenen Teile als Kultstätten für eine Muttergöttin deutete. Als erste Hochkultur, die dazu friedlich entwickelt wurde, galt Çatal Höyük als Beweis dafür, dass eine von Frauen dominierte Lebensweise im Gegensatz zum Patriarchat die bessere sei. Aufgeschreckte ArchäologInnen, die offensichtlich den Untergang des christlichen Abendlandes fürchteten und immer noch fürchten, machten sich Anfang der neunziger Jahre auf, dies zu widerlegen, und durften die ehemals von der türkischen Regierung gestoppten Ausgrabungen wieder aufnehmen. So unterschiedlich Christentum und Islam auch sein mögen, in einem ist man sich bis heute einig: eine Muttergöttin, die dem Gottvater vorausgegangen wäre, darf es nicht geben. Der daraus resultierende Ideologiestreit wird in der populärwissenschaftlichen Literatur ausgetragen, denn die aufstrebende Göttin-Bewegung findet ja außeruniversitär statt; im Elfenbeinturm selbst herrscht urväterliche Einigkeit.

Schenken wir der offiziellen Wissenschaft Glauben, so ist gerade Çatal Höyük geeignet, die Muttergöttin samt der Matriarchatsforschung zu entsorgen. Doch dies bleibt nicht unwidersprochen, und MatriarchatsforscherInnen nutzen ihren zeitlichen Vorsprung. Missbräuchlich profilieren sich VertreterInnen beider Lager, die einen mit Aussicht auf eine Dauerstelle an einer Universität, die anderen, um ihre Thesen publikumswirksam vermarkten zu können und persönliche Eitelkeiten auszuleben. Ausgerechnet die offizielle "Wissenschaft" schreckt vor unlauteren Mitteln nicht zurück und investiert viel Geld in die Beeinflussung der öffentlichen Meinung, so z.B. die große Karlsruher Landesausstellung "Die ältesten Monumente der Menschheit" 2007. Auch das Internet wird als Austragungsort einer Schlammschlacht genutzt, allem voran bei Wikipedia oder in einschlägigen Blogs. MatriarchatsforscherInnen versuchen das zu ignorieren und eine "Wissenschaft" vorbei am Mainstream zu etablieren mit allem, was dazu gehört, privaten Akademien, Kongressen und auch VordenkerInnen.

Mit diesem Referat versuche ich nicht nur die zahlreich veröffentlichten Interpretationen der Funde von Çatal Höyük gegenüberzustellen, um Irriges und Wahres für die/den Leser/in erkennbar zu machen. Zu meiner Methode gehört also auch, die Methoden zu durchleuchten, mit denen uns "Wissen" verkauft wird, und welche Absicht dahinter steckt. Dass bestimmte Ziele beider Lager verfolgt werden, ist offensichtlich. Dies ist umso beklagenswerter als besonders die offizielle Wissenschaft einen Bildungsauftrag hat und nicht ideologisch sein sollte.

Die Ausgrabungen in Çatal Höyük sind einerseits bestens dokumentiert und im Internet für alle studierbar. Aufgrund der Fülle des mittlerweile zutage beförderten Materials ist es andererseits eher schwerer geworden, die offizielle Interpretation nachzuvollziehen bzw. zu überprüfen. Dies aber ist unbedingt notwendig, da Vieles nicht plausibel, ja sogar widersprüchlich ist. Für einen kulturwissenschaftlich interessierten Menschen stellen sich zudem Fragen, die gar nicht Gegenstand der offiziellen Forschung sind. So bleibt z.B. die entscheidende Frage nach dem Verwandtschaftssystem, das höchstwahrscheinlich matrilinear war, bislang von den angestrengten genetischen Untersuchungen nicht nur unbestätigt, sondern auch gar nicht untersucht. Das Interesse gilt vor allem den Zivilisationskrankheiten, wobei deutlich zwischen männlichen und weiblichen Skeletten unterschieden wird. Diese Untersuchungen fanden dann ihren Niederschlag auf den Texttafeln der Großen Landesausstellung (Karlsruhe 2007) wie folgt (Originalzitat):

"Die sesshafte, landwirtschaftliche Produktionsweise förderte ein Bevölkerungswachstum. Die Menschen lebten unter schlechten hygienischen Bedingungen eng zusammen. Infektionskrankheiten verbreiteten sich dadurch schnell. Im Gegensatz zur Nahrungsvielfalt der Jäger und Sammler hatten die Bewohner von Çatal Höyük einen eingeschränkten Speisezettel. Das Hauptnahrungsmittel Getreide wirkte sich negativ auf das Wachstum und die Entwicklung aus. Folge war eine hohe Säuglingssterblichkeit und eine gestiegene Anzahl von Todesfällen bei Heranwachsenden. Die durchschnittliche Lebenserwartung sank.
Die übermäßige Aufnahme von Kohlehydraten führte zu einer verstärkten Bildung von Karies und Zahnstein.
An Hüft- und Beingelenken sowie den beim Tragen von Lasten beanspruchten Hals- und Rückenwirbeln lassen sich Veränderungen bis hin zur Knochendeformation feststellen. Abnutzungserscheinungen an Schulter-, Arm- oder Handgelenken dokumentieren die körperlichen Belastungen wie sie durch permanente Ausübung, z.B. handwerklicher Tätigkeiten, verursacht werden.
Das Leben der Menschen in der Jungsteinzeit war beschwerlich.
"

Tatsächlich wurden diese Spuren von Zivilisationskrankheiten gefunden, wie ja auch zu erwarten war. Dennoch ist unbestritten, dass die angeblich schwerkranken, überarbeiteten EinwohnerInnen genug Zeit fanden, eine Hochkultur zu entwickeln, die ihresgleichen sucht. Dass die EinwohnerInnen darüber hinaus mit ihrem Leben nicht unzufrieden waren, können wir daraus schließen, dass der Siedlungshügel ca. 1000 Jahre Bestand hatte und keine Spuren von Gewalt auszumachen sind.

Noch deutlicher wird die wenig souveräne Abwehrhaltung der AusstellungsmacherInnen an den Seitenhieben nicht nur gegen diejenigen, die glauben, in Çatal Höyük ein Matriarchat zu sehen, sondern auch gegen diejenigen, die die matrifokalen Gemeinschaften Çatal Höyüks ganz unideologisch in vorpatriarchale Zeit einordnen. Dreh- und Angelpunkt sind dabei die vielen Darstellungen der Muttergöttin. Eine Texttafel, der ich in diesem Referat noch weiteren Platz einräumen werde, und die ich an dieser Stelle nur mit einem Satz zitiere, ist dafür beispielhaft:

"Häufig wurde suggeriert, es handele sich ausschließlich um Darstellungen von Frauen bzw. 'Göttinnen'. Das ist nicht der Fall."

Gegen alle religionswissenschaftliche, psychologische und soziologische, anerkannte universitäre Forschung, die die historischen Göttinnen auf die Vorstellung einer Muttergöttin in der Altsteinzeit, die die Natur selbst war, zurückführen kann, wird den Besuchern der Ausstellung dieser Unsinn zugemutet. Ohne den Beweis für einen vermeintlichen neolithischen Vatergott zu liefern, oder dafür, dass wir es in Çatal Höyük mit einem animistischen Kult zu tun hätten, werden die Bildnisse, die ein weibliches Wesen mit stark betonter Nabelzone als Tierdarstellungen hingestellt und damit auch verharmlost. Die von Mellaart in einem Teilbereich des Siedlungshügels gefundenen Kultstätten werden konsequent als Wohnhäuser gedeutet.

Zum Feindbild der jetzigen AusgräberInnen gehört besonders auch die 1994 verstorbene Archäologin Marija Gimbutas, deren Thesen zur Kultur des "Alten Europa" international Beachtung und Befürworter sowohl in Universitäten als auch in der Öffentlichkeit fanden. Çatal Höyük resp. Anatolien war für sie der Ausgangspunkt der Neolithisierung Europas, die sie auch am Beispiel der überall zu findenden Göttinnen-Statuetten nachweisen konnte. Mit naturwissenschaftlichen Mitteln konnte auch ihre sog. Kurgan-These zum Untergang des "Alten Europas" bestätigt werden, wenn ihre Erklärung auch gleichberechtigt neben anderen steht. Nicht nur von angelsächsischen Archäologen und sogen. "Anthropologen" wird sie seit 1990 mit unqualifizierten, und heute überholten und widerlegten Argumenten angegriffenen. Besonders verwerflich ist die Verbreitung angeblicher Gimbutas-Zitate in Presse-Artikeln und populärwissenschaftlicher Literatur, die nicht nur der zurecht kritisierten Matriarchatsforschung, sondern vor allem der Muttergöttin den Garaus machen sollen. Im Jahre 1989 beruft sich der Autor des Artikels "The Goddess Theory" im Los Angeles Times Magazine, Jaques Leslie, auf ein Zitat Ruth Tringhams, Professorin für Anthropologie in Berkeley/Kalifornien und Mitglied des Grabungsteams Hodder, sie sei weder davon überzeugt, dass die weiblichen Figurinen Göttinnen darstellen, noch davon, dass die neolithischen Kulturen von Frauen beherrscht worden seien ("dominated by women"). Marija Gimbutas schreibt (1996, S. 324) jedoch recht unmissverständlich: "Die Schwierigkeiten, die sich in der anthropologischen Forschung des 20. Jahrhunderts mit dem Begriff "Matriarchat" verbinden, haben ihren Grund in der Tatsache, daß er als Spiegelbild des Patriarchats oder der Androkratie interpretiert wird - das heißt als eine hierarchische Struktur, in der Frauen anstelle von Männern gewaltsam die Macht ausüben. Das ist weit entfwernt von der Realität im Alten Europa. Tatsächlich begegnet uns nirgendwo im Alten Europa oder sonst in der Alten Welt ein auf Unterdrückung des anderen Geschlechts basierendes System autokratischer Frauenherrschaft." Ian Hodders Urteil "Dass Gimbutas die weiblichen Figurinen als 'Göttin' interpretiert, ist unhaltbar." findet in dem Artikel Ruth Tringhams Zustimmung [ii].

Das Urvater-Dogma, Geschichtsfeindlichkeit und mangelndes fachübergreifendes Wissen verhindert, dass nüchterne Logik, die auf längst bekannten Sachverhalten aufbauen kann, zu ganz anderen Schlüssen führt. Diesem hochgesteckten Ziel versucht sich dieses Referat anzunähern. Interdisziplinär, nicht strukturalistisch versuche ich mich dem Ort zu nähern, den wir nicht eindimensional betrachten können, ohne gravierende Fehler zu machen.
Wir haben es mit einem Geflecht aus archäologischen, biologischen, geographischen, religionswissenschaftlichen, soziologischen und wirtschaftlichen Aspekten zu tun, die hier alphabetisch geordnet seien, weil kein Teil-Aspekt wichtiger ist als der andere. Ihre Ausprägung ist nicht mit heutigen Verhältnissen vergleichbar, was einen ideologiefreien Blick auf die Steinzeit, um genauer zu sein, das Neolithikum erschwert.

Die von mir hier vielfach verwendete, militärisch anmutende Sprache entspricht nicht meiner Gewohnheit, aber meinem Eindruck und soll verdeutlichen, mit welcher Härte die unterschiedlichen Meinungen vertreten werden. Dies ist in der Wissenschaft einzigartig, was die fundamentale Bedeutung der Erforschung und Erklärung der Urgeschichte verdeutlicht. Es lässt sich zusammenfassend sagen, dass sich das Patriarchat selbst erforscht mit entsprechendem Ergebnis.

Redliche Patriarchatsforschung, die befreit vom Urvater-Dogma nach Aufklärung strebt, lässt uns unvermeidlich erkennen, was dem Patriarchat vorausging. Matriarchatsforschung muss, wenn sie auch erledigt scheint, dem Patriarchat hoch willkommen sein, weil die Herren ja wissen, dass nichts dabei herauskommt und die Damen auf einem Nebenkriegsschauplatz einen Schattenkampf führen. Was das Patriarchat wirklich fürchtet, ist allein die Patriarchatsforschung.

[i]Andere Schreibweisen des Namens sind: Çatalhöyük, Çatal Hüyük, Çatalhüyük.

[ii] Die Kritikerin Ruth Tringham hat in dem Dokumentarfilm "Signs Out of Time - Marija Gimbutas" von 2003 einen kurzen Auftritt.



II. Quellen

Die ersten Berichte über die Ausgrabung von Çatal Höyük stammen aus der Feder von James Mellaart. Seine von 1967 bis 1989 erschienen vier Bücher sind bis heute für die Interpretation Çatal Höyüks von großer Bedeutung.

Der seit 1993 verantwortliche Grabungsleiter Ian Hodder, zunächst Wissenschaftler an der archäologischen Abteilung der University of Cambridge und heute Professor für Sozialanthropologie an der Stanford University ist Autor einiger Artikel, die seit der Wiederaufnahme der Grabung erschienen sind. Wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Zeitschriftenartikel und Bücher sowie elektronische Medien, von denen die 3D-Visualisierungen der Rekonstruktion Çatal Höyüks an der Universität Karlsruhe von Heinrich Klotz sowie der Ausstellungskatalog von 2007 die Wichtigsten sind, wurden von Mitgliedern des Grabungsteam unter und mit Hodder veröffentlicht. Im Internet sind und werden die Grabungsberichte und Grabungstagebücher ab 1995 veröffentlicht.

In den USA schrieb Gerda Lerner mit "Die Entstehung des Patriarchats" eine wichtige Abhandlung, die mit dem Vorurteil aufräumte, es hätte jemals ein Matriarchat gegeben. Sie erklärte stattdessen sehr fundiert, warum es eine vorpatriarchale Zeit gab, und warum sich das Patriarchat durchsetzen konnte. Dieses bemerkenswerte Buch wurde in Deutschland allerdings wenig beachtet, und so manche Bibliothek verkauft es bereits wieder. In den neunziger Jahren waren auch Marija Gimbutas' Werke erstmals in deutscher Sprache erhältlich. Die Matriarchatsforschung reagierte darauf mit einer Reihe von Neuerscheinungen und Neuauflagen, teilweise als Übersetzung aus dem Englischen, und brachte es dabei zu neuer Blüte. Bücher über Mythen- und Märchenforschung, die der Psychologie Jung'scher Prägung nahe stehen, verliehen der Göttin-Bewegung neuen Auftrieb. Vorher eher Interesse weckende Bücher wie "Weib und Macht" von Fester/König/Jonas/Jonas wurden nun abgelöst von sehr konkreten Analysen, z.B. von Heide Göttner-Abendroth und Carola Meier-Seethaler. Çatal Höyük fehlte in keinem dieser Bücher. Es fanden in Rathäusern und Frauenbuchläden Vorträge statt wie z.B. "Frauenpaare in kulturgeschichtlichen Zeugnissen" von Gabriele Meixner und "Çatal Höyük und Hacilar" von Maria Zemp, die ihre vor Ort gemachten Dias zeigte. All diese sehr erfolgreichen, in ihrem Zirkel tonangebenden Autorinnen, die zudem sehr viel Öffentlichkeitsarbeit betrieben und noch betreiben, reizten Autorinnen der offiziellen Archäologie, z.B. Brigitte Röder, Co-Autorin von "Die Göttinnen-Dämmerung", zu einem literarischen, für sie nicht weniger erfolgreichen Gegenfeldzug.

Als Quelle zu nennen sind auch zahlreiche Frauen-Ausstellungen, die in den neunziger Jahren regelrecht boomten: Die Frauenmuseen in Wiesbaden und Bonn machten nicht nur das Werk Marija Gimbutas" bekannt, sondern versuchten mit Themen wie "Die Macht des Weiblichen in Stammeskulturen" den Blick für versteckte Überreste matrifokaler Kultur zu schärfen. Das Neanderthal-Museum zeigte dann 1998 die Ausstellung "Frauen Zeiten Spuren", in deren Ausstellungskatalog Brigitte Röder die Frage stellte, ob die Jungsteinzeit "Frauenzeit" gewesen sei und damit eine Wende einleitete. Der Versuch Vorteile bezüglich der Jungsteinzeit abzubauen, gelang leider nicht ohne neue Irrtümer zu verbreiten. Die Kunsthalle Köln zeigte die Ausstellung "SIE und ER. Frauenmacht und Männerherrschaft im Kulturvergleich". Im Göttinger Museum für Völkerkunde war die Privatsammlung eines Göttinger Gynäkologen zu besichtigen, der auf Reisen hunderte Göttinnen-Statuetten und Repliken urgeschichtlicher Funde gesammelt hat. Das dazu erhältliche Video enthält seine persönliche Deutung der Figuren, und erschüttert zugleich mit seiner kulturwissenschaftlichen Unkenntnis. 2001-05 wanderte die Ausstellung "Urmütter der Steinzeit" durch Deutschland und wurde zuletzt außerplanmäßig im Neanderthal-Museum gezeigt. Die Ausstellung einer Sammlung von Göttinnen-Figurinen bewies, dass zumindest das Wissen um die Große Göttin der Urgeschichte nicht unpopulär geworden ist, zu erdrückend ist ja auch die Beweislage.

Seit einiger Zeit wird in verschiedenen Richtungen die Urgeschichte, zu der Çatal Höyük ja gehört, erforscht. Der Genetiker L. Cavalli-Sforza hat in "Gene, Völker und Sprachen. Die biologischen Grundlagen unserer Zivilisation" die Wanderungsbewegungen der Menschheit in Richtung Europa untersucht und kann Marija Gimbutas' These mit naturwissenschaftlichen Mitteln stützen. Der Linguistiker Harald Haarmann untersucht die "Weltgeschichte der Sprache" und kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Gerhard Bott liefert mit "Die Erfindung der Götter" die längst überfällige Klärung der in der kulturgeschichtlichen Forschung verwendeten Begriffe und weist nach, dass ihre missverständliche und missbräuchliche Verwendung durch alle am Disput Beteiligten der etablierten Wissenschaft als Basis dient, das Dogma des Urvaters aufrechtzuerhalten und gleichzeitig alle Gegner außer Gefecht zu setzen. Er führt den Nachweis matrifokaler Lebensweise in der Ur- und Frühgeschichte mit soziologischen und juristischen Mitteln. Gleichzeitig ist das Buch auch die neueste Arbeit zu Çatal Höyük und ordnet den Siedlungshügel an seinen Platz in der Neolithisierung der Menschheit, die sich in Stufen vollzog, ein. Damit ist es für die Analyse der Methoden der AusstellungsmacherInnen von Karlsruhe, die für kurze Zeit das letzte Wort hatten, unverzichtbar.

III. Aufbau

Einerseits ist Çatal Höyük in der Fachwelt berühmt und umstritten, andererseits kennt in der breiten Masse kaum jemand diesen Ort, im Gegensatz zu Orten wie Troja oder Bauwerken wie den Pyramiden.
Gleichzeitig werden Forschungsergebnisse, wie die von Marija Gimbutas in der führenden Fachwelt gemobbt, gewinnen aber in der interessierten Öffentlichkeit an Popularität, sozusagen an der offiziellen Lehrmeinung vorbei.
An Çatal Höyük scheiden sich also die Geister, wenngleich alle, die sich mit diesem Ort näher beschäftigen, seinem Zauber erliegen.
Im Vorwort zu Mellaarts Grabungsbericht von 1967 lesen wir: "Wenn Forschungsberichte dieser Art uns wieder stärker das Staunen lehren ... ist schon viel gewonnen." (K.J. Narr). Mellaart selbst schreibt von einer "aufsehenerregenden Bereicherung", "einer bemerkenswerten Zivilisation", einem "einzigartigen Phänomen" usw. Seine Fortsetzung fand diese "Sensationsberichterstattung" schon im Titel des "Glanzprospektes" zu Çatal Höyük in deutscher Sprache von Heinrich Klotz: "Die Entdeckung von Çatal Höyük - Der archäologische Jahrhundertfund".
Marija Gimbutas, die zur Zeit der Entdeckung Çatal Höyüks bereits ihre Forschungen zum "Alten Europa" begonnen hatte, und etliche Grabungen leitete oder begleitete, konnte zwar ebenso beachtliche Funde vorweisen, deren Auswertungen mindestens genauso spektakulär sind, dennoch erreichte sie jedenfalls zu Lebzeiten, vielleicht wegen ihrer Bescheidenheit - sie arbeitete nicht mit diesem Sensationsstil - nicht den Grad an Akzeptanz oder Bekanntheit wie Mellaart. Sicherlich spielte dabei auch die subjektive Bewertung ihrer Funde durch die Forschungswelt eine große Rolle. Diese Subjektivität - natürlich immer unter dem Deckmantel wissenschaftlicher Objektivität - drückt sich aus in einer geradezu verbissenen Bekämpfung ihrer Forschungsergebnisse und These. Offenbar spielt eine existenzielle Angst, dass alle liebgewonnenen Vorstellungswelten zusammenbrechen könnten, eine Rolle.
Eigentlich müsste Çatal Höyük Bestandteil jedes Geschichtsunterrichtes sein, jedes Kind müsste diesen Ort kennen. Warum ist dem nicht so? Was ist das für ein Zauber, was ist die Sensation, die offenbar gerade wegen ihrer Brisanz nicht bekannt werden durfte?

Diesen Fragen bin ich nachgegangen und stieß dabei zunächst auf immer mehr Superlative, die bemüht wurden, um die Bedeutung Çatal Höyüks hervorzuheben. "Der größte Tell der Steinzeit" fand ich bei Marija Gimbutas, "Die älteste Stadtkultur" bei Heinrich Klotz, "Die älteste Stadt" hörte ich im Fachbereich Architektur meiner Universität und James Mellaart scheint diese Meinung zu teilen. Ich beschloss diesen Titulierungen auf den Grund zu gehen und auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen.
Dieser Ansatz bildet das Gerüst des Referates. Er ermöglicht Schritt für Schritt einerseits Çatal Höyük vorzustellen, andererseits die Beurteilungen einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Dabei stellte ich fest, dass ich nicht nur Denkgewohnheiten infrage stellen musste, sondern ein auch "Denkmal" stürzte. James Mellaart möge mir diese Herangehensweise verzeihen. Ihm ist nicht nur der Fund Çatal Höyüks zu verdanken, mit seinen Analysen legte er zugleich den Grundstein zu einer neuen Sicht auf das Neolithikum. Dabei riskierte er den Fortgang der Grabung:
Die türkische Regierung verbot nach Veröffentlichung der ersten Ergebnisse ein weiteres Graben. Die brisante Entdeckung einer Großen Göttin und matrifokaler Lebensweise auf islamischem Boden war offenbar zu gefährlich für das bestehende patriarchale System.

Im Folgenden werde ich die einzelnen Kapitel kurz erläutern.

Zu 1. "Die älteste Stadt"

Um diese Bezeichnung zu klären, habe ich eine Spurensuche jungsteinzeitlicher Besiedlung des Großraumes unternommen, die eine Einbindung Çatal Höyüks in den stadtbaugeschichtlichen Kontext ermöglicht. Ich untersuche Siedlungsplätze, die noch älter sind und solche, die unmittelbar darauf folgen. Bei der Bearbeitung ergab sich für mich ein erstes Problem: Nicht Çatal Höyük, sondern überwiegend Jericho wird in der Literatur als älteste Stadt bezeichnet. Ich musste mich also zunächst mit der Frage befassen, ob Çatal Höyük denn tatsächlich eine Stadt war!

Offenbar ist der Begriff Stadt grundsätzlich für Siedlungen, die vor einem schwer festzulegenden Zeitpunkt gebaut wurden, missverständlich, weil er mit bestimmten Vorstellungen besetzt ist, ebenso wie der Begriff DORF, von dem sich die STADT im Allgemeinen abgrenzt. Aus diesem Grunde müssen der STADT-Begriff, wie er bisher verwendet wurde, und seine Assoziationen an dieser Stelle genauer untersucht werden .

In der Vorstellung ist städtische Bauweise bzw. städtisches Leben eng mit Klischees verbunden. Der Gedanke an hohe Häuser, Kirchen, Straßen und Plätze, Verkehr und hektisches Treiben in Geschäftszentren lässt sich im Blick zurück noch gut mit alten Handelsstraßen und mittelalterlichen Bazaren oder Burgen, Palästen und befestigen Städten vereinbaren. Das Wort "Steinzeit" jedoch läßt die meisten immer noch eher an Höhlen bewohnende "Urmenschen", jagende, Keulen schwingende Männerhorden und - wenn überhaupt - dann sammelnde Frauen denken. Umso überraschter zeigen sich viele, wenn bedeutende Fundstätten in die Steinzeit datiert werden, auch wenn es sich wie im Fall von Çatal Höyük um die Jungsteinzeit handelt. Diese Fundstätten dann sogar als Stadt zu bezeichnen, wie die AusgräberInnen Mellaart, Kenyon u.a. es taten, bricht mit allem, was vorstellbar erscheint. Selbst ForscherInnen haben im Umgang mit dieser Bezeichnung Schwierigkeiten, erkennbar daran, dass immer wieder versucht wird, den Begriff STADT stark einzuengen, besonders dann, wenn eine für damalige Verhältnisse große Einwohnerzahl, hohes kulturelles Niveau aber fehlende Befestigungsanlagen, wie auch in Çatal Höyük, zusammentreffen. Befestigungsanlagen als Ausdruck kriegerischer Aktivität scheinen einer Ansiedlung oft erst das Prädikat STADT zu verleihen.

Also schon das Wort STADT selbst ist ein Superlativ, was ich hier allgemein und am Beispiel Çatal Höyüks näher untersuchen werde. Dabei mache ich deutlich, dass die Frage, was eine Stadt sei, vor allem auch eine ideologische ist. Dazu stelle ich zunächst die bisher geltende Lehrmeinung vor, indem ich ausgewählte Zitate der bekanntesten Stadtbaugeschichtler zusammenfasse und dann kritisch kommentiere. Am Anfang des Kapitels in 1.2.1.1., "Die patriarchale Sicht", wird ein Auszug aus der bekanntesten Enzyklopädie zum Begriff STADT zu lesen sein, womit ich aufzeigen möchte, was aus der Universität an die Öffentlichkeit gelangt. Hat das Lexikon auch versucht, eine Zusammenfassung der Forschungsergebnisse zu liefern, hat es wie alle Standardwerke zum Thema die nun schon nicht mehr ganz neue weibliche Sicht nicht einbezogen, und damit die Chance zu einer größeren Objektivität verpasst. Dieses Referat stellt den Versuch dar, diesen Mangel zu beheben. Zur Vorbereitung der kommenden Kapitel setze ich daher "Die neue Sicht der Stadt" der "patriarchalen Schule" gegenüber: Mit Herausgabe des brisanten Grabungsberichts Mellaarts begann schließlich für auch die Stadtbaugeschichte ein neues Kapitel. James Mellaart hat, offenbar infolge der stadtbaugeschichlichen Diskussion, dazu seinen eigenen Beitrag geleistet (1.2.3.).

In der Literatur am augenscheinlichsten ist die mangelnde Präsenz der urgeschichtlichen Fundorte, die damit nicht die ihnen zustehende Würdigung erfahren. Es drängt sich der Verdacht auf, sie seien nicht "wichtig". Wichtig ist offenbar nur, was im alten Sinne "zivilisiert" ist. Jedoch trifft dieser Begriff eine Auslese, die die Stadtbaugeschichte an ihren untersten Ästen beschneidet. In Abschnitt 1.2.5. gehe ich deshalb auf den Begriff Zivilisation näher ein. Zum Verständnis der Zitate in 1.2.1.1. und der Kritik an ihnen sei hier jedoch ein Satz von Marija Gimbutas vorweggeschickt:
"Archäologen und Historiker sind davon ausgegangen, dass Zivilisation eine hierarchische politische und religiöse Organisation, Kriegsführung, eine Schicht nach Klassen und hochentwickelte Arbeitsteilung impliziert. Das sind tatsächlich Merkmale androkratischer (von Männern dominierten) Gesellschaften wie der indoeuropäischen; sie gelten jedoch nicht für gynozentrische Gemeinschaften (mit der Mutter/Frau im Mittelpunkt), (...)." (aus: Die Zivilisation der Göttin, 1996)

Eine Stadt ist das, was wir dazu erklären. Aufgrund seiner Größe, gemessen an der geringen Bevölkerungsdichte Anatoliens der Jungsteinzeit, neige ich dazu Çatal Höyük als Stadt zu bezeichnen.


Zu 2. "Der größte Tell der Jungsteinzeit"

Mit Kapitel 2 steigt das Referat in das Wissen um Çatal Höyük ein. In Abschnitt 2.2. wird der Grabungsort genauer beschrieben, was zunächst trocken erscheinen mag, aber für das Verständnis der Problematik bei der Erforschung von Çatal Höyük von Bedeutung ist. Die naturräumlichen Bedingungen eines Ortes sind z.B. für GeographInnen die grundlegenden Fakten, die im Allgemeinen das Verständnis um wirtschaftliche, politische und soziologische Zusammenhänge erleichtern bzw. erst ermöglichen. Vor allem soziologischen Aspekte sind meines Erachtens die Ursache für die Entstehung des Phänomens Tell im Allgemeinen, auf die ich hier besonders eingehen werde.

Der Tell von Çatal Höyük, der in diesem Referat besprochen wird, wird auch als Çatal Höyük Ost bezeichnet. Dieser fast rein neolithische Tell hat zwei Buckel, einen nordöstlichen und einen südwestlichen, die hier (allerdings nicht bei Mellaart 1967) vereinfachend als Nord- und Süd-Hügel bezeichnet werden. Wenn Mellaart allerdings vom "Doppelhügel von Çatal Höyük" spricht, meint er damit zusätzlich einen weiteren kleineren Tell dicht daneben, der als Çatal Höyük West bezeichnet wird und chalkolithisch ist. Das späte Neolithikum wird auch Chalkolithikum genannt, weil hier bereits erste Kupferartefakte den Übergang zur Metallurgie belegen.

Mellaart hat diesen zweiten Hügel 1967 zwar in einem Satz erwähnt, dennoch hat die Nomenklatur zu einiger Verwirrung geführt, dass Çatal Höyük Ost gewissermaßen selbst ein Doppelhügel ist. Die Lösung für das Problem fand ich erst im Internet, im Archive Report 1996, mit einer Abbildung beider Tells im regionalen Zusammenhang.

Ich denke, dass diese noch recht unbekannte Tatsache von der Existenz eines zweiten Tells auch einige LeserInnen überrascht. Sie ist insofern wichtig, als die seit 1997 aufgenommene Ausgrabung von Çatal Höyük West, von dem bisher nur einige Keramikfunde bekannt sind (Mellaart 1975), neue Erkenntnisse über den Verbleib der Bevölkerung nach Aufgabe von Çatal Höyük Ost geben könnte. Vor allem aber ist die soziologische Entwicklung an diesem neuen Ort von großem Interesse.

In Abschnitt 2.4.2. befasse ich mich eingehend mit der Frage nach der Tell-formenden Lebensweise und dem Untergang, die in der Literatur aufgrund fehlender Beweise nur gestreift wurde. Natürlich können solche Überlegungen aufgrund der mir zur Verfügung stehenden Mittel nur modellhaften Charakter haben, aber regen vielleicht die/den LeserIn zu eigenen Überlegungen an.


Zu 3. "Die älteste Stadtkultur"

Allen Zweifeln zum Trotz, ob Çatal Höyük eine Stadt war oder nicht, wissen offenbar alle AutorInnen, die über Çatal Höyük geschrieben haben, die Kultur Çatal Höyüks irgendwie zu würdigen. So faßt Heinrich Klotz die Forschungsergebnisse mit einem weiteren Superlativ zusammen. Er nennt Çatal Höyük "die erste ausgeprägte städtische Kultur" und stellt sie mit diesem Titel "der ersten Stadt Jericho" zur Seite. "Städtische Kultur" oder "Stadtkultur" sind Begriffe, die immer öfter statt des Begriffes Hochkultur verwendet werden.
Klotz bezeichnet Çatal Höyük nicht als "Hochkultur". Er spricht von "späteren Hochkulturen", mit denen er die Kulturen des Zweistromlandes meint, ja sogar von "Dominanzkulturen". Die Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth schreibt: "Dieser (Begriff) ist in der Forschung derart eurozentristisch mißbraucht worden, um andere oder frühere Kulturen als "primitiv" abzuwerten und sie als Folge davon der Kolonisierung preiszugeben, dass er nicht mehr verwendet werden sollte. Der sachlich neutrale Begriff "Stadtkultur" als Ergänzung zu "Stammeskultur" ist demgegenüber vorzuziehen, denn er beinhaltet keine hierarchische Abwertung von "hoch" und "niedrig". Stammes- wie Stadtkulturen können weiterentwickelt sein; Stadtkulturen weisen Stammeskulturen gegenüber jedoch eine größere gesellschaftliche Vielfalt und Differenziertheit der Funktionen auf." (aus: Chronik der Frauen, Dortmund 1992)
Darüber, was Heide Göttner-Abendroth unter "Stamm" versteht, lässt sie uns im Dunkeln. Die Frage, inwieweit "Stammeskultur" etwas mit dem Begriff Dorf zu tun hat, würde den Rahmen dieses Referates aber sprengen. Vergleiche Çatal Höyüks mit anderen Siedlungsplätzen, die in der Vergangenheit nicht als STADT bezeichnet wurden, liegen nahe, dennoch führt dies im Sinne einer alternativen Herangehensweise an den Begriff Stadt nicht weiter, sondern würde erneut eine Konkurrenzsituation erzeugen. Der Begriff Hochkultur bietet jedoch m.E. die Chance Meilensteine in der kulturellen Entwicklung der Menschheit, zu denen auch Çatal Höyük gehört zu markieren. Mit ihm ist zudem auch der der Begriff vom "Untergang einer Hochkultur" eng verbunden, der ja auch für Çatal Höyük unausweichlich war. Ich bezweifle auch, dass es immer noch einen stark "eurozentrischen" Missbrauch des Begriffes gibt, der ja auch z.B. für die Maja und Atzteken oder die Osterinsel verwendet wird. Die Abwertung von Kulturen als "primitiv" ist zwar in der älteren Litaratur häufig zu finden, dies aber nicht vorrangig um einen Gegenpol zum Begriff Hochkultur zu definieren. Der allgemein weit verbreitete Rassismus ist vielmehr dafür verantwortlich, der vor allem im Nationalsozialismus Schriften hervorbrachte, die anhand von Vergleichen die vermeintliche Überlegenheit einer vermeintlichen "deutschen Rasse" beweisen sollte. Dies ist längst erkannt und zu recht ist der Begriff "Primitive" aus der neueren Fachliteratur verbannt.

In Kapitel 3 werde ich die Kultur Çatal Höyüks in ihren Aspekten Architektur und bildende Kunst detailliert vorstellen. Die ihnen zugrunde liegenden soziologischen und religiösen Aspekte werden hier anhand der Literatur beider Lager diskutiert. Natürlich darf auch Marija Gimbutas' Sicht auf Çatal Höyük nicht fehlen.

Çatal Höyük wurde bzw. wird bisher in zwei Haupt-Grabungsperioden ausgegraben. Die erste Grabungsperiode bestand aus vier Kampagnen, die von James Mellaart 1961-1964 geleiteten wurden. Die zweite Grabungsperiode, jetzt geleitet von Ian Hodder, begann 1993 mit ersten Oberflächen-Untersuchungen (Abb. s. Newsletter 1/1995). Ab 1995 wurde die Ausgrabung fortgesetzt. Während Mellaart lediglich auf dem Süd-Hügel (Abb. s. Newsletter 3/1996(2)) gegraben hat, werden jetzt gleichzeitig mehrere markante Plätze auf beiden Hügeln ausgegraben. Dazu kommen die Untersuchungsgräben des KOPAL-Teams im nördlichen Bereich des Ost-Hügels.
1996 wurden die Ergebnisse der Oberflächenuntersuchungen sowie der erneuten Untersuchungen in der Mellaart Area im Internet veröffentlicht. 1997 kamen die ersten Ergebnisse der anderen Areas hinzu. Auch der West-Hügel wird seit 1998 untersucht, ist aber nicht Gegenstand dieses Referates. (Weitere Informationen s. z.B. Newsletter 2/1996(1), Newsletter 7/2000, Archive Report 1998)

James Mellaart hat mit seinen Rekonstruktionsversuchen eine Vorstellung davon geschaffen, wie das Stadtbild von Çatal Höyük ausgesehen haben könnte. Seine Zeichnungen, die auch in neueren Veröffentlichungen zu finden sind, sind in vielen Fachbereichen Grundlage für Forschung und Lehre. Diese Vorstellung von Çatal Höyük ist aber nur eine von vielen möglichen. So geben natürlich diejenigen Rekonstruktionsdetails Anlaß zu Zweifeln, die im Original nicht auffindbar waren: Mellaart erfand eine unregelmäßige Flachdachlandschaft und hohe Seitenlichter an den Außenwänden zur Belichtung der Innenräume.
Angeregt durch Heinrich Klotz, den ehemaligen Direktor des deutschen Architekturmuseums Frankfurt, wurden darauf aufbauend neue Rekonstruktionsversuche von der Universität Karlsruhe in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe unternommen, nun zu sehen auf CD-ROM. Im Internet sind seit 1999 Rekonstruktions-Isometrien und -Innenraumperspektiven mit Szenen aus dem Alltag zu sehen.

Die Problematik der Rekonstruktionen betrifft nicht nur die Gebäudeformen, sondern auch die Bildwerke aller Art. In Abschnitt 3.2. stelle ich deshalb die matrifokalen Merkmale in den Bildwerken vor, die so wichtig sind für die Beurteilung der gesamten Kultur von Çatal Höyük.
Beim Betrachten der Bildwerke von Çatal Höyük fallen vor allem die Bukranien, die einzeln oder in Reihung zu finden sind, Reliefs der Großen Göttin, als Einzeldarstellung oder verdoppelt und Geier- und Kuh/Stier-Darstellungen in Verbindung mit Menschen oder Menschengruppen auf. Mellaart deutete sie als Ausdruck einer Fruchtbarkeitsreligion mit einer Muttergöttin, deren Kult möglicherweise von Priesterinnen ausgeübt wurde.
Diese Vereinfachung der komplexen Religiosität der BewohnerInnen Çatal Höyüks bedarf wegen ihrer Hartnäckigkeit in der Literatur einer allerausführlichen Gegendarstellung. Deshalb habe ich die Bildwerke in ihre wichtigsten Kategorien nach Gimbutas unterteilt und einer kritischen Betrachtung zugeführt.

Es ist noch wichtig, zu bemerken, dass ich in diesem Referat nicht weiter auf die sonst meist als erstes untersuchte Keramik eingehe, obwohl das Neolithikum analog den folgenden Metallzeiten ein "Keramikum" ist.
In Çatal Höyük sind zwar bis hinunter in Schicht XIII Tonwaren gefunden worden, aber erst ab Schicht V ist regelmäßig Keramik anzutreffen. Die Töpferei hatte nach Mellaart keine große Bedeutung, da in allen Schichten auch viele Gefäße aus Holz und Körbe gefunden wurden. So findet sich auch im "Pottery Report" der im Internet veröffentlichten Grabungsdaten lediglich eine Auflistung der Objekte, Beschreibungen der verwendeten Materialen und Aussagen über die Schichten in der sie gefunden wurden, jedoch keine Abbildungen. Die überwiegend undekorierten Gefäße lassen Schlüsse über den "technischen Fortschritt" in den Schichten zu, sind aber wenig ergiebig für das Thema dieses Referates, in dem die überragende Bedeutung der Bildwerke an den Wänden und der Plastiken deutlich wird.

Zu 4. Matrifokalität - Matriarchat - Welcher Wunsch ist Wirklichkeit?

Die Einführung zu diesem Kapitel befindet sich am Anfang des Kapitels 4.

 

1...DIE ÄLTESTE STADT

1.1. Jungsteinzeit- vom Nahen Osten ins Alte Europa. Eine Spurensuche.

Die Jungsteinzeit (Neolithikum) ist eine Epoche der Steinzeit und ist durch den Gebrauch von geschliffenen Steinwerkzeugen vor allem aber durch den Beginn der Nahrung-produzierenden Wirtschaft, Kultivierung von Pflanzen und Domestizierung der Tiere, sowie des Handels gekennzeichnet. Die Entwicklung hin zur Sesshaftigkeit (Domestizierung) der Menschen wird in der Literatur häufig mit dem von Vere Gordon Childe 1936 geprägten aber umstrittenen Begriff "Neolithische Revolution" bezeichnet. Es handelt sich jedoch eher um einen langen und komplexen Prozess, der nicht nur sehr friedlich verlief, sondern auch noch im Einklang mit der Natur stand.

Im Nahen Osten gilt das Natufien (ca. 10.000-8000 v.u.Z.) als mittelsteinzeitliche Vorläuferperiode der Jungsteinzeit. Die Jungsteinzeit endet mit der letzten Phase der Steinkupferzeit oder Kupferzeit, im vorderasiatischen Raum Chalkolithikum genannt.

Der genaue zeitliche Beginn der Jungsteinzeit ist auf dem eurasischen Kontinent regional verschieden. Eine Ausbreitung der jungsteinzeitlichen Kultur vom vorderasiatischen Raum nach Europa über SO-Europa mit Anatolien als Ausgangspunkt ist jedoch heute aufgrund der Vielzahl von Funden rekonstruierbar geworden. (siehe dazu: Marija Gimbutas 1996 und Martin Kuckenberg 1993) Damit kommt Çatal Höyük, welches in Anatolien liegt, große Bedeutung zu, um die Entwicklung hin zu einer Bauerngesellschaft in Vorderasien und Europa zu verstehen, und um auch im Vergleich einen Einblick in die Geisteswelt der ersten Ackerbau betreibenden Gemeinschaften zu bekommen.

Georg I.Georgiev, bulgarischer Archäologe, sieht dies anders: Er schreibt: "Da wir diese Kultur (die thrakische, A.d.V.) nur in einem entwickelten Zustand kennen und ihr Anfangsstadium noch unbekannt ist, behaupten manche Autoren, daß sie durch Einwanderung aus Anatolien in die thrakische Tiefebene eingedrungen sei. Bei dem heutigen Forschungsstand gibt es aber keine eindeutigen archäologischen Fakten, die diese Auffassung beweisen. Gerade umgekehrt - immer reicher wird die Zahl der archäologischen Funde und Ergebnisse der interdisziplinären Forschungen (Paläobotanik, Osteologie u.a.), die für eine einheimische Herkunft der neolithischen Kultur in der thrakischen Tiefebene sprechen." (in: Katalog zur Ausstellung "Jungsteinzeit in Bulgarien" S. 19) Dieser Autor ist ein typischer Vertreter der patriarchalen Forschung: Natürlich spielt er mit "manche Autoren" auf Marija Gimbutas an und gibt sich damit als Ideologe zu erkennen. Ergebnisse einfach nicht zu akzeptieren, ohne selber Fakten, wenigstens beispielhaft, zu präsentieren, überzeugt nur Leute mit Vorurteilen.

Mesolithikum, Epipaläolithikum

Häufig findet sich in der Literatur der Begriff Mesolithikum (Mittelsteinzeit) bzw. mesolithisch. Der Begriff suggeriert, dass es es zwischen Neolithikum und Paläolithikum (Altsteinzeit) einen weiteren Zeit-Abschnitt gegeben hätte, der sich scharf abgrenzen lässt. Verwendet wurde der Begriff für Wildbeuterkulturen, die ZEITGLEICH zu Erntekulturen, also nach dem Beginn des Neolithikums nachweisbar waren. Mellaart hat den Begriff korrekt verwendet ("contemporary"), Karl Narr nutzte in seinem ersten Aufsatz zu Çatal Höyük die verwirrende Bedeutung für seine Beweisführung. Er versuchte nachzuweisen, das die Matrilinearität Çatal Höyüks eine Ausnahmeerscheinung sei und Wildbeuterkulturen in der Regel patrilinear gelebt hätten (Bott 2009, S.121).

Der Begriff Epipaläolithikum (NACH-Altsteinzeit) ist zutreffender aber dennoch missverständlich, denn er bezeichnet NICHT eine Zeit VOR dem Neolithikum. Es handelt sich um einen soziologischen Begriff, der sich auf die aneignende Wirtschaftsweise bezieht , und nicht um einen historischen ZEIT-Begriff.

Die Sippe und ihre Bedeutung bei der Bildung von Siedlungen

Aus dem Epipaläolithikum sind keine festen Siedlungen bekannt. Die Menschen lebten als Wildbeuter in der dem Menschen artgerechten Lebensweise der matrifokalen Sippe. Eine Sippe besteht aus ca. 80 Personen, die alle über die Mutter blutsverwandt sind, das sind Großmütter, Onkel, Schwestern und Brüder sowie die Kinder der Mütter. Die leiblichen Väter der Kinder leben nicht mit in der Sippe, sondern in ihrer eigenen Sippe. Die biologisch notwendige Exogamie ist damit sichergestellt. Exogame sexuelle Kontakte wurden im Epipaläolithikum durch die umher wandernde Lebensweise sichergestellt.
Mit der Sesshaftigkeit, die der Landwirtschaft geschuldet ist, wurde das Finden wechselnder Sexualpartnerinnen und -partner schwierig. Die notwendige Exogamie wurde durch Siedlungen erleichtert, in denen nun mehrere Sippe zusammen lebten. Das Zusammenleben mehrerer Sippen an einem Ort ist daher für die Jungsteinzeit typisch. Auch Çatal Höyük setzte sich aus unterschiedlichen Sippen zusammen, die Mellaart als "Ethnien" bezeichnete. Der Ort gelangte nur dadurch zu seiner Größe. Die Friedlichkeit dieser Nachbarschaft ist bemerkenswert, unterscheidet sie sich doch stark von der meist feindseligen Nachbarschaft patriarchaler Familien, Städte und Länder.

 

1.1.1. Der Fund von Çatal Höyük

Çatal Höyük wurde nicht zufällig gefunden, sondern auf der Suche nach den ältesten Spuren der Jungsteinzeit in Kleinasien regelrecht eingekreist, wie es die folgende "kleine Grabungsgeschichte" deutlich macht.

Kleinasien war für die Urgeschichtsschreibung länger als die umliegenden Regionen ein weißer Fleck. Bis Mitte der dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts ließ sich die Urgeschichte hier nicht vor die Wende vom 4. zum 3. Jahrtausend zurückverfolgen. Jedoch machten zu diesem Zeitpunkt bereits Vergleiche zwischen SO-Europa und dem Nahen Osten die Existenz älterer Kulturen in Kleinasien wahrscheinlich. (Marija Gimbutas, 1996)

Immer neue Grabungen hatten stets das Ziel, eine weitestgehend lückenlose Darstellung der Entwicklung im gesamten Raum zu ermöglichen und führten somit zur Entdeckung Çatal Höyüks. Die hier vorgestellten Fundorte der umliegenden Regionen stellen Eckpunkte in der zeitlichen Entwicklung bzw. Ausbreitung dar, und zeigen darüber hinaus, dass Çatal Höyük trotz ihrer kulturellen Eigenständigkeit keineswegs isoliert bzw. als Einzelfall dasteht.

 

1.1.2. Südost-Europa

Im Jahre 1901 wurde der Siedlungshügel von Sesklo (Thessalisches Becken und Makedonische Ebene, Ägäis) ausgegraben, der zunächst auf 3000 v.u.Z. geschätzt wurde. Durch die ab 1949 eingeführte C14- Methode konnte Sesklo auf mindestens 6500 v.u.Z datiert werden. Damit war die neolithische Wirtschaft an den griechischen Küsten und den küstennahen Ebenen eher als zunächst vermutet voll entwickelt. Die nahrungsproduzierende Wirtschaft musssich schon vor Mitte des 7.Jahrtausends in SO-Europa durchgesetzt haben. Die Siedlungen der Sesklo-Kultur weisen eine enge Verbindung zu den heute in Anatolien bekannten auf. Es finden sich die gleichen Gerätschaften, Schmuck, Skulpturen und Tempelanlagen, in denen die gleichen Gottheiten in derselben Symbolsprache verehrt wurden.

Die Cucuteni-Tripolje-Kultur (Dnjestr-Dnjepr-Gebiet, ab 4800 v.u.Z.) ist seit 1884 bekannt, erst 1909 begannen die Grabungen. Es fanden sich Siedlungen von beachtlicher Größe, deren Grundriß planmäßig in konzentrischen Kreisen oder als NO/SW-orientierte Häuser-Gruppen auf künstlich angelegten Terrassen von Gräben umgeben angelegt waren.

1874 wurden in Turdas (Transsilvanien) bei Grabungsarbeiten die ersten archäologischen Fundstücke mit echten Schriftzeichen entdeckt (dazu s.a. später Fußnote 7) Die damit entdeckte Vinca-Kultur (ab ca. 5500 v.u.Z.) wurde erst ab 1908 näher untersucht. Es fanden sich "Dörfer" 1, die planvoll und, wo Hänge sind, terrassiert angelegt waren. Die ca. 8x4 m großen Häuser waren innen und außen mit Symbolen in rot, blau und weiß bemalt. In vier Siedlungen wurden Bukranien entdeckt, Rinderschädel, die hier mit Lehm überzogen waren und ein rotes Dreieck auf der Stirn trugen. Sie waren an Lehmsäulen und Wänden befestigt.

1952 wurde der Tell von Karanovo (Bulgarien, westliches Schwarzmeergebiet, Blütezeit um 6300 v.u.Z.) ausgegraben. Die Siedlungen der Karanovo-Kultur bestanden aus Einraumhäusern, die parallel zueinander in geordneten Reihen standen.

In Cucuteni und Karanovo wurden zweigeschossige Keramikwerkstätten, wie sie auch noch in der Theiß-Bükk-Kultur (Ungarn, 5400-5000 v.u.Z.) bekannt sind, gefunden, und ihre Siedlungsplätze haben wie alle anderen Kulturen des Alten Europa ja der ganzen Welt die große Menge gefundener Statuetten der Großen Göttin gemeinsam. (M. Gimbutas, 1996)

 

[1] Der Begriff Dorf, hier als Zitat, ist ja umstritten. Hier zeigt M. Gimbutas Inkonsequenz zu ihrem eigenen Zivilisationsbegriff. s.a. 1.2.4. und 1.2.5.

 

1.1.3. Naher Osten

Im Nahen Osten waren die Entwicklungsstufen von halbseßhaften Menschen des Natufien bis zum vorkeramischen Neolithikum schon gut belegt z.B. in Jericho "Natufien shrine"(ab 9250 v.u.Z. unkalibriert 2, Jericho PPNA 3 (ab 8350 v.u.Z. uk) und Jericho PPNB (ab 7632 v.u.Z. uk), welche ab 1907 ausgegraben wurden. Am hier befindlichen Quellheiligtum entwickelte sich eine kleine präkeramische Ansiedlung mit runden aus Ziegeln gemauerten Häusern. Nach einer kurzen Besiedlungslücke bauten Träger einer anderen Kultur rechteckige Häuser aus größeren Ziegeln, in denen kreisrunde Matten und Figuren der Großen Göttin gefunden wurden. "Ein gewaltiger Steinturm mit innerem Treppengang, drei Steinmauern übereinander und ein tief in den Felsen geschnittener Graben bedeuten den Anfang monumentaler Architektur im Nahen Osten." So weit bekannt, gibt es keine weitere Siedlung des Protoneolithikums B, welche von Mauern umgeben wäre (aus: James Mellaart, 1967). Die die Grabung 1952-56 leitende Archäologin Dr. Kathleen M. Kenyon erklärte, "Jericho kann den Anspruch erheben, die weitaus älteste Stadt der Welt zu sein."(aus: Ernst Egli, 1959) Obwohl die Fundstätte Ausdruck beginnender Sesshaftigkeit sowie der sie bewirkenden Landwirtschaft ist, wird sie noch der mittelsteinzeitlichen sammelnden und jagenden Kultur zugerechnet. Für diese kleine Ansiedlung (Jericho PPNA, ca. 2000 EinwohnerInnen) wird der Obsidian-Handel mit Anatolien schon ab ca. 8300 v.Chr. vermutet. (aus: J. Mellaart, 1967)

[2] Kalibrierung: Korrektur von C14-Daten mit der Methode der Dendrochronologie (Baumringzählung)

[3] PPNA = Pre-Pottery Neolithic A = vorkeramisches Neolithikum A, analog PPNB

 

1.1.4. Kleinasien

Die erste in Anatolien ab 1937 ausgegrabene Fundstätte war Mersin, ein Siedlungshügel, der auf ca. 6240 v.u.Z. (uk) datiert wurde. Die hier gefundene Impresso-Keramik (Muscheleindrücke) zeigt Verbindungen zu den neolithischen bzw. chalkolithischen Kulturen Nordsyriens (Ras Shamra, Byblos usw.).

1957 grub das Team von James Mellaart bei Hacilar einen kleinen neolithischen und frühchalkolithischen Hügel aus. Hier wurden 2 Siedlungsperioden festgestellt, eine akeramische aus der Zeit um 6750 ± 180 v.u.Z. und nach einer Besiedlungslücke ab ca. 5820 ± 180 bis 5399 ± 79 v.u.Z. eine keramische spätneolithische Phase. (Mellaart, 1975)

1958 entdeckte J. Mellart in der Konya-Ebene den neolithischen und chalkolithischen Doppelhügel von Çatal Höyük. Bis zu dieser Entdeckung nahmen die ForscherInnen an, dass die Konya-Ebene im Neolithikum nicht bewohnt war. Der Hauptausgrabungsgrund war, dass es die Besiedlungslücke zu füllen schien, die in Hacilar vor dem Eintreffen der spätneolithischen Bevölkerung festgestellt wurde. Ferner sollte die geographische Lücke zwischen Mersin und Hacilar geschlossen werden. Das hier vorgefundene hohe kulturelle Niveau, mit "entschieden städtischem Gepräge" (Mellaart, 1967) überraschte die Fachwelt über alle Maßen. Mellaart datierte die von ihm zuletzt ausgegrabene Schicht X zunächst auf ca. 6500 v.u.Z. Spätere tiefergehende C14 - Untersuchungen korrigierten dieses Alter auf 6240 ± 99 v.u.Z.. Die neuere Methode der Dendrochronologie ermöglichte schließlich die Datierung auf 7250-6150 v.u.Z.. Auch die Landwirtschaft Çatal Höyüks befand sich schon in den unteren Schichten auf so hohem Niveau, dass Mellaart eine lange Vorgeschichte frühen Ackerbaus, die bis zum Anfang des Protoneolithikums (10.-9. Jahrtausend) zurückreicht, annimmt. (s.a. 4.5.1.)

Çatal Höyük schien bis 1989 die älteste Großsiedlung Anatoliens zu sein. Der dann ausgegrabene mittelgroße Siedlungshügel Asikli Höyük 4 wurde auf 7008 ± 130 v.u.Z.(unkalibriert) datiert. Die hier gefundenen aneinander gebauten Häuser sind denen von Çatal Höyük vergleichbar. Jedes Haus hatte seine eigenen Wände und trug vermutlich ein Flachdach, durch dessen Öffnung das Haus über eine Leiter betreten wurde. Die kulturelle Entwicklung befand sich allerdings noch nicht auf so hohem Niveau, Keramik wurde nicht gefunden, und Ackerbau wurde noch mit Wildgetreide betrieben.

4 s. Mellaart, 1975 und Ufuk Esin in: Housing and Settlement in Anatolia 1996

 

1.1.5. Resümee

Es ist anzunehmen, dass weitere vergleichbare Siedlungsplätze, natürlich nicht nur in Anatolien, gefunden werden. Damit stehen Jericho und Çatal Höyük sicher nicht am Anfang der Stadtbaugeschichte. Dennoch ist es wichtig, den Begriff STADT selbst näher unter die Lupe zu nehmen, viel zu groß sind die Zweifel, ob Orte wie Çatal Höyük oder auch Jericho diese Bezeichnung auch "verdienen".

 

1.2. War Çatal Höyük eine Stadt?

1.2.1. Was ist STADT? - Eine literaturkritische Annäherung

1.2.1.1 Die patriarchale Sicht

Um diese Frage zu beantworten, scheint es naheliegend zu sein, ein Lexikon zur Hand zu nehmen und eine Abgrenzung von der Bezeichnung Dorf zu suchen. Im Brockhaus wird die STADT über ihre nichtlandwirtschaftlichen Funktionen definiert, als Ausnahme gelte die Ackerbürgerstadt. Versuche, STADT über die Einwohnerzahl, Fläche und Bebauungsdichte zu definieren, müssten sich an der jeweiligen Region oder Zeit orientieren. Differenzierungen des Begriffes über spezielle Funktionen wie politische Aufgaben (z.B. Burg-Stadt, Hauptstadt) oder Wirtschaft und Verkehr (z.B. Hanse-Stadt, Hafen-Stadt) werden ebenso vorgenommen wie eine Beschreibung der geschichtlichen Entwicklung. Die wesentliche Voraussetzung für die Entstehung einer Stadt sei immer die Entwicklung und Verbreitung einer Hochkultur. Jericho wird als älteste (bekannte) Stadt bezeichnet, dieser Rang als Stadt wird ihr jedoch sofort abgesprochen, es handele sich lediglich um eine "protourbane Großsiedlung", genau wie auch Çatal Höyük und andere Siedlungen Vorderasiens aus der Jungsteinzeit. Interessanterweise wird jedoch schon im ersten Absatz eingeräumt, dass der Begriff STADT schwer zu definieren sei, die Übergänge seien vor allem in Industriestaaten fließend.

Diese Art der Herangehensweise zeigt, wie sehr die jetzt-bezogene Sicht den Weg zum Verständnis der Stadtbaugeschichte, im besonderen der urgeschichtlichen, verstellt. Dass auch in dieser Zeit Übergänge fließend waren, oder gar oben genannte Kennzeichen darauf gar nicht anwendbar sind, wird nicht bemerkt.

Bemerkenswert ist hier der Begriff "protourbane Großsiedlung", der hier deutlicher als anderswo für Çatal Höyük verwendet wird. Dahinter verbirgt sich natürlich der Streit, ob Çatal Höyük eine Stadt war oder nicht.

Wesentlich differenzierter als das Lexikon haben sich ForscherInnen in der Fachliteratur, die von einem breiteren Publikum natürlich nicht gelesen wird, mit diesem Problem auseinandergesetzt. In den großen Standardwerken steht weniger die Frage, was STADT ist, im Vordergrund, als vielmehr wie STADT ist und wann und wo sie zu finden ist.

Im dtv-Atlas zur Baukunst (4. Aufl.1982) lesen wir: "Spuren und Fragmente der frühen Städte lassen kein allgemeinverbindl. System erkennen. Die einzelnen Viertel und die Verbindungsstraßen passen sich dem Gelände an. Nur selten kommt es zu einer Anlage mit geschlossener, geometrisch bestimmter Außenform oder einer planmäßigen Anlage von Stadtquartieren. Die Idee der Polis ist polit.-sozialer Natur. Sie verbindet sich nicht mit einer räumlich-architekton. oder formal-symbol. Vorstellung. Erste Schwerpunkte im entstehenden Stadtorganismus bilden sich durch Einbeziehung der alten Akropolen als Festungen und Fluchtburgen, Anlage von Heiligtümern, oft an alten Kultstätten, Aussparung öffentl. Plätze, besonders der Agora, die sich immer mehr zum Zentrum des öffentlichen Lebens entwickelt. Dieser vom freien Wachstum geprägte 'Städtebau' - die sogenannte Ältere Art (archaioteros tropos) - wird in der Folgezeit vom Zwang zur Verteidigung bestimmt. Ursache ist im Mutterland der Konkurrenzkampf der Städte untereinander, in Jonien und den Kolonien die exponierte Lage am Rand der Barbarenländer. Stadtmauern werden bald zur Voraussetzung und zum Symbol städt. Unabhängigkeit. Wie die Straßen folgen sie meist der Bodenform und nutzen alle Geländevorteile zur Erhöhung der Verteidigungskraft aus."

Die folgenden drei Zitate von E. Egli, L. Benevolo und L. Mumford fassen das traditionelle Denken grob zusammen. Ich beleuchte sie kritisch und stelle sie einer Alternative gegenüber. Es wird daraus klar, dass Çatal Höyük eine völlig andere Messlatte braucht und in diese bisher gültigen Schemata gar nicht hineinpasst.

 

1.2.1.1.1. Ernst Egli

Ernst Egli schreibt 1959: "Die Geschichte des Städtebaus ist der Spiegel einer mehr als fünftausendjährigen Epoche, ja sie ist der Rahmen der Geschichte selbst. (...) Sklaven und Herren, Priester und Krämer bauen an der Stadt."

Mit dieser Feststellung wird für die LeserInnen klar sein, dass alle Siedlungen, die älter als ca. fünftausend Jahre sind, nicht als STADT zu gelten haben. Damit legt Egli auch fest, wann die Geschichte beginnt 5. Alles, was vorher war, erscheint den LeserInnen damit nicht erfahrenswert. Offenbar für Egli ein Naturgesetz, Sklavinnen und Frauen, Priesterinnen und Krämerinnen ist keine nennenswerte Leistung im Bauen zuzutrauen.

 

Schema nach Egli   Bild vergrößern

 

Ebenso bemerkenswert ist das von ihm erdachte Stammbaum-Schema (s. Egli S.16), in dem er die Höhle als erste Wohnstätte steinzeitlicher Berufsgruppen (Zauberer, Himmelsbeobachter, Sammler, Jäger etc.) deklariert, was nicht nur längst widerlegt ist 6, sondern eindeutig eine Projektion "neuzeitlicher" Verhältnisse auf die Steinzeit ist. Von ihnen sollen die Tempelstadt, das Kloster und die Pfalzstadt entwickelt oder gar selbst gebaut sein. Völlig unklar ist ihm, wie auch den LeserInnen, wo der "handwerklich begabte Steinbearbeiter und Höhlenmaler" Unterschlupf fand, welcher erst viel später aus der Hütte die bürgerliche Stadt, ja den Prototyp der Stadt schlechthin entwickelt haben soll, also scheinbar zunächst aus dem Nichts. Hirten und Tierzüchter weist er die Grube zu, von ihnen soll der halbseßhafte, Zelte bewohnende Bodenbearbeiter abstammen, der später Ackerbauer wird und im Dorf wohnt, von dem wiederum sich die Fluchtstadt ableiten soll.

Dieses Schema, das für sich spricht, fand leider auch in Schulbüchern Einzug, z.B. im 1978 erschienenen Westermann-Colleg-Heft "Raum und Gesellschaft" von Dr. Klaus Temlitz.

[5] Die bei ihm angegebenen Datierungen der ältesten Fundorte sind überwiegend falsch.

[6] Siehe dazu Fußnote 68

 

1.2.1.1.2. Leonardo Benevolo

Leonardo Benevolo schreibt 1975: "Vor etwa 5000 Jahren entwickelten sich einige Dörfer in den durch regelmäßige Überschwemmungen fruchtbar gewordenen Ebenen des vorderen Orients zu Städten. Die Produzenten der Nahrungsmittel erarbeiteten freiwillig oder gezwungenermaßen einen Überschuß, durch den eine Schicht von Spezialisten ernährt werden konnte, die nicht an der unmittelbaren Nahrungsmittelproduktion beteiligt waren: Handwerker, Händler, Krieger, Priester. Diese Berufsgruppen lebten in einer ausgedehnten Siedlung - der Stadt - und kontrollierten von dort aus das Land. Diese Form der sozialen Organisation machte die Entwicklung eines Systems zur Fixierung der gesprochenen Sprache notwendig, was zur Erfindung der Schrift führte. Diese Erfindung markiert den Beginn des Zeitalters der Zivilisation und der geschriebenen Geschichte und damit das Ende der Vorgeschichte. (...) Sie (die Stadt, A.d.V.) entsteht, wenn handwerkliche und andere Arbeiten nicht mehr von den Personen verrichtet werden, die auch den Boden bearbeiten, sondern von Personen, die von der Feldarbeit befreit sind und die durch den Überschuß der landwirtschaftlichen Produktion erhalten werden. Auf diese Weise bildete sich der Gegensatz zwischen zwei sozialen Gruppen heraus: der zwischen Herrschern und Beherrschten. ... Die Gesellschaft wurde fähig ihre Entwicklung vorauszuplanen. Die Stadt als Motor dieser Entwicklung unterscheidet sich vom Dorf nicht nur dadurch, dass sie größer ist als das Dorf, sondern auch dadurch, dass sie sich wesentlich schneller entwickelt." (H.d.d.V.)

Auch er legt den Beginn der Stadtbaugeschichte, ja der Geschichte überhaupt, in die Zeit vor etwa 5000 Jahren.

Es scheint als wäre die Erfindung der Stadt beschlussmäßig vonstatten gegangen, als hätte eine vermeintliche Führungsschicht die Erfindung der Stadt angeordnet, sozusagen zu ihrer eigenen Erhaltung. Dazu knüpft Benevolo den Beginn von STADT an die sogenannte Erfindung der Schrift, die in Sumer (um 3000 v.u.Z.) stattgefunden haben soll 7. Interessanterweise soll die von ihm kreierte Form der sozialen Organisation erst die Schrift hervorgebracht haben, scheinbar aus dem Nichts und vor allem plötzlich, als die Stadt schon entwickelt und fertig organisiert war. Wie eine längere Stabilität in der STADT, die zur Entwicklung der Schrift notwendig war (offenbar auch dazu nötigte), ohne die so notwendige Schrift überhaupt möglich war, bleibt im Dunkeln. Ursache und Wirkung werden subtil vertauscht. Auch er projiziert Berufsgruppen, aber auch ständigen Unfrieden und Stress in die früheste Geschichte bzw. Urgeschichte. Nicht nur die STADT hätte mit der Schrift ihren Anfang gehabt: die Zivilisation überhaupt. Die damit gelieferte Definition von Zivilisation spricht sämtlichen Siedlungsplätzen, die zwar ohne Schrift waren, aber bereits ein hohes Maß an kultureller Entwicklung erreicht hatten, die Zivilisiertheit ab, was damit wohl auch für Çatal Höyük und Jericho zu gelten hat, welche ihm zu diesem Zeitpunkt bereits bekannt waren.

Folgerichtig finden auch Çatal Höyük und Jericho in seinem Werk mit keiner Silbe Erwähnung, für ihn sind es keine Städte, weil die für ihn so entscheidenden Spuren von Schrift seiner Meinung nach fehlen. Allenfalls Hacilar ist mit einer Abbildung vertreten und natürlich nur als Siedlung bezeichnet. Mit seiner Kleinheit und Unbefestigtheit passt dieser Ort gerade noch in das von ihm gezeichnete (Vor-)geschichtsbild.

Dass Planung und Geschwindigkeit nicht unbedingt zusammengehören, beweist der Doppelhügel von Çatal Höyük. Die Planung zielte auf die Erhaltung der Stadt, unter Anpassung an die sich in der Flußebene ständig ändernden Bedingungen. Anzeichen für eine bewußt auf repräsentativen oder expansiven Absichten ruhenden Planung gibt es nicht. (s.a. 3.1.6.) Das Merkmal Geschwindigkeit trifft deshalb ebenso wenig zu. Die Stadt unterlag einem organischen Wachstum, welches seine natürlichen Grenzen bald erreichte, und dann nicht mehr forciert wurde.

[7] Das älteste Zeugnis abstrakter Schriftzeichen fand sich übrigens NW-Bulgarien auf einer Schale, Grade¹nica (Vinca), frühes 5. Jahrtausend (veröffentlicht 1974). Die Entdeckung der Tontafeln von Tartaria, Vinca-Kultur, erregte 1961 einiges Aufsehen. Siehe dazu: Jungsteinzeit in Bulgarien 1981 und Marija Gimbutas, 1996.

Die erste Schrift der Welt

 

1.2.1.1.3. Lewis Mumford

Lewis Mumford schreibt 1961: "Wir verfehlen die ganze Frage nach dem Wesen der Stadt, wenn wir nur Ausschau halten nach dauerhaften Gebäuden, die sich hinter einer Mauer zusammendrängen. Wollen wir zu den Ursprüngen der Stadt vordringen, so müssen wir, wie mir scheint, die Arbeit des Archäologen weiterführen. Er versucht die unterste Schicht zu finden, in der er noch eine Andeutung von Grundrissen erkennen kann, die städtische Ordnung verraten. Wollen wir die Stadt identifizieren, so müssen wir den Weg rückwärts gehen: von den nach Struktur und Aufgabe vollständig bekannten Städten bis zu ihren ursprünglichen Bestandteilen, soweit diese auch von den ersten Erdhügeln, die ausgegraben wurden, in Raum und Zeit und Kultur entfernt sein mögen.

Vor der Stadt gab es den Weiler, das Heiligtum und das Dorf. (...) So beginnt die Stadt, noch ehe sie fester Wohnort wird, als Treffpunkt, zu dem die Menschen von Zeit zu Zeit zurückkehren. (...). Es mag aber schon Siedlungen vor diesen Weilern gegeben haben. (...) Schließlich stellen wir fest, dass das Lager der Jäger in einer festen Niederlassung aufgeht: eine beherrschende, altsteinzeitliche Enklave, die durch eine Mauer von den jungsteinzeitlichen Dörfern zu ihren Füßen getrennt ist. (...) Sie (die Stadt, A.d.V.) zeugt von ihrer angeborenen Dynamik und steht damit im Gegensatz zu der eher abgeschlossenen Gestalt des Dorfes, das dem, der von draußen kommt, feindselig begegnet. (...)

Es war ein Segen für die menschliche Entwicklung, dass die Sexualität der Frau niemals verselbständigt und in der gigantischen Form etwa der Termitenkönigin übersteigert wurde, die das Eierlegen für den ganzen Termitenbau übernimmt.(...) Das Dasein der Frau kam überall im Dorf zur Geltung, nicht zuletzt in seiner äußeren Gliederung mit schützenden Einfriedungen, deren symbolische Bedeutung die Psychoanalyse jetzt erst spät ans Licht gefördert hat.(...) Haus und Dorf und schließlich auch die kleine Stadt sind Ausdruck der Frau. (...) In dieses Leben mit seiner übersprudelnden Erotik hielten neue Ordnung, die Regelmäßigkeit und neue Sicherheit Einzug. Alle diese neuen Gewohnheiten und Funktionen haben schließlich das ihre zur Entstehung der Stadt beigetragen, und ohne dieses dörfliche Element hätte der größeren Stadtgemeinde ein wichtiges Fundament ihrer äußeren Dauer und ihrer sozialen Kontinuität gefehlt.(...) Der primitive Mensch betrachtet ebenso wie kleine Kinder alle Ausscheidungen des Körpers mit Interesse, ja mit Ehrfurcht; nur die unkontrollierbare Entladung der monatlichen Regel erweckt seine Furcht und veranlaßt vorbeugende Maßnahmen.(...) Ordnung und Stetigkeit des Dorfes wurden zusammen mit seiner mütterlichen Geborgenheit, seiner Vertrautheit und seinem Eins-sein mit den Naturgewalten auf die Stadt übertragen; mögen sie dann auch in der Stadt als Ganzem wegen ihrer übermäßigen, unüberschaubaren Ausdehnung verlorengegangen sein, so erhalten sie sich doch innerhalb der Gemeinschaft der Nachbarn. (...) Zweifellos vergingen Jahrtausende, bis die jungsteinzeitliche Wirtschaftsordnung ihre Grenzen erreichte; als sie aber dort einmal angelangt war, zeigte sie wenig inneres Verlangen nach weiterer Entwicklung. Sie gab sich mit dem Wahlspruch zufrieden: Halte das Gute fest und suche nicht weiter! (...)Gleichwohl war die Stadt im Dorf embryonal schon angelegt.(...) Es bedurfte einer ganzen Gruppe von väterlichen Chromosomen, die es ergänzten und damit die weiterführende Differenzierung und vielfältige kulturelle Entwicklung herbeiführten. (...) Wenngleich wir also aufgrund der vorhandenen Beweise die äußere Erscheinungsform der Stadt ganz richtig in die Endphase der Jungsteinzeit verlegen, so ist doch ihr eigentliches Auftauchen nur das letzte Ergebnis einer früheren Verbindung von altsteinzeitlichen und jungsteinzeitlichen Komponenten. (...) Das Endergebnis war die Verschmelzung aller Institutionen und leitenden Funktionen, welche eine Zivilisation ausmachen.(...) Es bleibt jedenfalls, dass zugleich mit der allmählichen Verfestigung der frühesten Stadtgemeinden auch Zwang und Überredung, Angriff und Schutz, Krieg und Recht, Macht und Liebe innerhalb ihrer Stadteinfriedungen immer festere Gestalt annehmen. Sobald das Königtum erscheint, wird der Kriegsherr und Gesetzgeber auch Herr 8 des Landes.(...) Die frühen Burgen und Festungen deuten nicht auf Krieg und Streit zwischen feindlichen Gemeinwesen, sondern auf einseitige Herrschaft einer kleinen Minderheit über eine relativ große Gruppe hin." (H.d.d.V.)

Mumfords Ansatz scheint auf den ersten Blick geradezu so emanzipiert, dass er die zentrale Stellung der Frau in der Jungsteinzeit erkannt hätte. Jedoch relativiert er die Leistung der Frau bei der Entwicklung der Stadt in einem Maße, dass sie als solche nicht mehr akzeptiert werden kann. So ist für ihn der entscheidende Schritt zur Stadtwerdung ein rein männlicher. Das weibliche Dorf verharre ohne den Mann im Stillstand und kann sich nicht weiterentwickeln. Dass es sich unter diesen Umständen überhaupt irgendwie entwickelt hat, erscheint den LeserInnen wie ein Wunder, jedenfalls nicht mehr als weibliche Leistung. Inkonsequenterweise schreibt er dennoch die "kleine Stadt" der Frau zu und bleibt damit eine Erklärung des Begriffes Stadt endgültig schuldig. Das Bild, welches Mumford vom Dorf zeichnet, ist geprägt von männlichen Vorstellungen, wie Weiblichkeit geartet sei. Interessanterweise ordnet er zusätzlich die im patriarchalem Denken eher männlichen Eigenschaften wie Schutz und Feindseligkeit dem Dorfe und damit der Frau zu. Diese Feindseligkeit gegenüber Fremden ist jedoch nur eine Projektion heutiger dörflicher verfilzter Verhältnisse auf die Steinzeit. In unverständlichem Widerspruch steht die vermeintliche Feindseligkeit des Dorfes den hohen Mauern der Stadt (sind diese etwa nicht feindselig?) gegenüber.

Für Mumford ist das Dorf Vorläufer der Stadt, damit sei es in jeder Stadt als Kern enthalten und sorgt für soziale Stabilität, anders als Benevolo, der Stabilität nur durch Ausübung der Gewalten gewährleistet sieht. Doch auch er sieht Zivilisation in bedingendem Zusammenhang mit Institutionen und leitenden Funktionen. Das heißt für die LeserInnen, dass ein "steinzeitliches Dorf" keine Zivilisation sei.

So wäre als erstes zu fragen, ob es ein Segen war, dass die männliche Sexualität derart übersteigert wurde und sich verselbständigt hatte, dass Vergewaltigung zu einem Mittel der Unterdrückung und zum Erhalt der sogenannten Zivilisation werden musste. Mumfords Satz macht deutlich, dass er Angst hatte vor der Umkehrung; er wusste vielleicht, wovon er sprach.

Die von Mumford beschriebene Furcht vor der Menstruation ist ebenfalls eine Projektion nicht nur heutiger Verhältnisse, sondern patriarchaler Verhältnisse überhaupt. Tatsächlich legen sämtliche entsprechenden Funde der Steinzeit nahe, dass die Menstruation geheiligt war, d.h. ihr mit Ehrfurcht begegnet wurde, und sogar die Erfindung des ersten Kalenders, nämlich des Mondkalenders in ihr ihre Ursache hat 9. Gerade auch in Çatal Höyük spielte der Kult um die Große Mutter als Gebärende und Blutende eine große Rolle. Die rote Farbe des Blutes findet sich an den Wänden und Böden der Bereiche der Frauen und damit fast im ganzen Haus. Blut steht nicht nur für Tod, sondern in erster Linie für Leben. Eine solche Deutung wurde bis zum Beginn der feministischen Forschung, selbst von Mellaart, überhaupt nicht in Betracht gezogen. Die neuesten Grabungsergebnisse belegen ferner einen für alle Materie geltenden besonderen Umgang (s. 2.4.2.3.), also nicht nur für "körperliche Ausscheidungen".

Warum schließlich die väterlichen Chromosomen die vielen Jahrtausende bis zur "Erfindung" der Stadt inaktiv gewesen sein sollen, bleibt für die LeserInnen im Dunkeln. Die Vermutung läge nahe, die "DörflerInnen" hätten sich parthenogenetisch vermehrt. Es scheint aber eher, als seien die Männer der Steinzeit nach Mumford doch anders gewesen, als das Klischee es sieht. Damit unterstützt Mumford unbeabsichtigt feministische Denkansätze, die den Mann der Steinzeit, und damit des größten Teils der Menschheitsgeschichte überhaupt, der Frau, dem Naturgesetz folgend, nachgeordnet (nicht unter-) sehen.

[8] siehe auch hier 3.2.4. zur Heiligen Hochzeit

[9] Der Begriff "Regel" besagt ja, dass dieser Vorgang keineswegs "unkontrolliert" vonstatten geht. In der nicht künstlich beleuchteten Nacht der Urgeschichte regelte das Mondlicht den Zyklus, was sicher auch von den Männern als wundersames Phänomen bemerkt wurde. Übrigens, der Schlaf, als Zeit der Schutzlosigkeit, der ebenfalls alle Menschen gleichzeitig, nämlich nachts, befällt, erweckt nur im Ausnahmefall Furcht, wird aber allgemein als wohltuend begrüßt.

 

1.2.1.2. Resümee

Allen drei Autoren suchen nach ältesten Spuren menschlichen Bauens und versuchen daraus eine Chronologie zu entwickeln. Dabei spielt stets der Begriff Zivilisation eine zentrale Rolle. Der Versuch, diesen zu definieren, endet stets darin, einen Teil der Bevölkerung davon auszugrenzen. Dieser Begriff muss daher noch einmal beleuchtet werden.
Die Stadtbaugeschichte, die mit bestimmten, nach Definition als STADT anerkannten, Siedlungsplätzen begonnen wird, wird von ihren Wurzeln bzw. ihrer Vergangenheit abgeschnitten. Damit wird das Weglassen wichtiger Stationen menschlicher Bauentwicklung, bei denen bereits Funde, die Ausdruck von Kulturschaffen sind, gemacht wurden, legitimiert. Sie werden für nicht würdig befunden, erwähnt zu werden.

Patriarchale Geschichtsschreibung war lange die einzig verfügbare, und hat das Denken geprägt. Beispiele liefern diese Werke, die noch heute in den Bibliotheken stehen, und immer noch zitiert werden oder werden müssen. Ist es erstaunlich oder logisch, dass derart verzerrte Geschichtsbilder lange Zeit nicht als solche erkannt wurden und als scheinbar objektive Lehre jahrzehntelang Vorurteile tradieren durften?

 

1.2.2. James Mellaarts These zur STADT und ihre Aufnahme in der Folgezeit

James Mellaart nahm im Jahre 1975 noch einmal zu dem Problem Stellung, das offenbar seit seiner Entdeckung mehr und mehr diskutiert wurde. Er schreibt nun unmittelbar auf Çatal Höyük Bezug nehmend: "War Çatal Hüyük ein Dorf (village), eine Stadt (town) oder eine große Stadt (city)? Diese Frage wird oft gestellt, und sie kann nur befriedigend beantwortet werden mit dem Blick darauf, wie sie sich selbst erhält, welchen ökonomischen Prozeß sie hervorbringt und welche Dienstleistungen sie bereitstellt (...) 'Eine große Stadt (city) ist eine Siedlung, die ihr ökonomisches Wachstum fortlaufend durch ihre eigene lokale Ökonomie regeneriert, im Gegensatz zu Städten (town). Der gelegentliche Export, den eine Stadt (town) für sich selbst erzeugt haben dürfte, hat danach kein durchweg sich selbst erzeugendes Wachstum produziert. Ein Dorf (village) ist lediglich eine kleinere Stadt (town).' (Jane Jacobs, The economy of cities, N.Y. 1970) ... Damit ist völlig klar, dass eine große Zahl von Steinzeitsiedlungen als Städte zu gelten haben. Sie sind kulturelle Zentren, wo Handel und Industrie, Regierung und Religion konzentriert sind. Das gilt für Jericho, Mureybet, Çatal Hüyük, Beidha, Alikosh, Tepe Guran, Tell es-Sawwan, Eridu, Hacilar, Siyalk und Byblos, alle im Nahen Osten, von denen jede als das Zentrum eines Stadtstaates betrachtet werden muss. Damit zeigt die Archäologie, dass Städte ebenso früh entstanden sind wie Dörfer und dass die ersten nachweislichen Zeichen von Pflanzenzüchtung und Tierzähmung nicht von den Dörfern kamen, sondern von den wichtigsten Zentren, nämlich den Städten. Dörfer sind von diesen Dependenzen, die entstanden sind, als die Bevölkerung anwuchs und mehr Land notwendig wurde, um die Stadtbevölkerung zu ernähren."(H.d.d.V.)

Dieser Ansatz seiner bzw. Jane Jacobs' Definition ist scheinbar rein ökonomisch orientiert. Doch auch Mellaart setzt eine hierarchische Struktur sowie Zentralität voraus: Die STADT regiert, wird regiert und ist auch in kulturellen, religiösen Fragen tonangebend. Dörfer seien Dependenzen von Städten, die ihr Überbevölkerungsproblem derart lösten. Dies steht aber im Widerspruch zu seiner Behauptung, Dörfer und Städte wären ebenso früh, d.h. gleichzeitig entstanden.

Mellaart vertritt schon in seinem ersten Grabungsbericht von 1967 die Auffassung, dass der von ihm ergrabene Bereich ein Priesterviertel sei. Hierarchie oder gar Tempelherrschaft hätte es in Çatal Höyük aber nicht gegeben. Die Bereiche von Handwerk und Handel oder gar ein Zentrum müssten sich aber an anderer Stelle auf dem Hügel finden.
Nach Mellaarts/Jacobs' Definition wäre Çatal Höyük somit keine Stadt. Mellaart befindet sich im Widerspruch zu sich selbst.

Gerda Lerner schreibt, dass Herrschaft selbst ohne einen Palast oder eine formal bestimmte Regierungskörperschaft in den Händen von Stammesoberen oder einer Gruppe von Ältesten gelegen haben kann. Sie sieht in Mellaarts Beweismaterial nicht den Beleg für eine Teilung der Macht unter allen Einwohnern. An Mellaarts Deutung der von ihm ausgegrabenen Teile als Priesterviertel äußert sie keinen Zweifel. (Vgl. Lerner 1989, S.54)

Ian Hodder zieht die Annhame von spezialisierten Vierteln jetzt in Zweifel. Die ganze Stadt sei einheitlich strukturiert und bestünde vorallem aus Wohnbebauung.

1.2.2.1. Aufnahme in der Literatur

Die Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth greift Mellaarts Ansatz auf und schreibt dazu: "Damit bestätigt Mellaart meine These von der Ausbreitung durch Wachstum und Teilung von Stämmen wie von Städten, nichts ist hier zu sehen vom Krieg als Ursache größerer Sozialgebilde. Ferner spricht er ganz klar vom großen Alter hochentwickelter Stadtkultur. Nicht erst am Ende der Jungsteinzeit tauchen Städte auf, sondern bereits an ihrem Anfang! Geisteswissenschaftlern fällt diese Sicht so schwer, weil sie auf Schriftkulturen fixiert sind."

Heide Göttner-Abendroth 10 übersieht die Annahme Mellaarts vom Vorhandensein hierarchischer Strukturen. Sie vergißt Überlegungen darüber anzustellen, ob eine hierarchische Struktur nicht durch Krieg oder zumindest Gewalt erzeugt werden muss 11. Dass Çatal Höyük in seiner städtischen Ausprägung am Anfang neolithischer Kultur steht, ist ein Irrtum, dem schon Mellaart erlegen ist. Richtig eingeordnet befindet sich Çatal Höyüks größerer und älterer Osthügel mit den Bereichen, die Mellaart ausgegraben hat, im Modus III des Neolithikums (Gerhard Bott, 2009), dessen Kennzeichen Keramik, Bewässerungsfeldbau und Rinderzucht sind. Die Erstbesiedlung, die schon 3000 Jahre vorher stattfand, ist dem Modus I, in dem Getreideanbau erstmals nachgewiesen werden kann, zuzuordnen. Der Westhügel gehört in den chalkolithischen Modus IV. Die Kultstätte von Göbekli-Tepe liefert übrigens auch ein Beispiel für Modus I.

Heide Göttner-Abendroth sieht die Stadtentwicklung als eine Art Zellteilung, entstanden aus der Notwendigkeit, sich dem inneren Wachstum - der steigenden Bevölkerungszahl - durch Vermehrung der Hülle anzupassen. Ihr gelingt es damit nicht, zu klären, was eine STADT ist, sie erklärt lediglich die Ausbreitung des Phänomens. Sie deutet Mellaarts Auflistung früher Städte als Beleg für das sehr frühe Auftreten von Städten. Sie äußert sich jedoch nicht zur Entwicklung von Dörfern. Dennoch läßt ihre Interpretation nur den Schluss zu, Dörfer seien nach Städten entstanden, anders als bei Mellaart, der eine gleichzeitige Entwicklung annimmt.

[10] Eigenartig ist, dass gerade sie als Feministin beim Zitieren vergißt zu erwähnen, dass "Mellaarts" Definition in Wirklichkeit von einer Frau, Jane Jacobs, entwickelt und von ihm nur abgeschrieben wurde.

[11] Mellaart scheint das zu glauben, s.a. 1.2.3.

 

1.2.2.2. Aufnahme in der Feldforschung

Die traditionellen Definitionen von STADT, die im wesentlichen hier vorgestellt wurden, schließen die Annahme ein, eine STADT sei immer auch ein Oberzentrum mit umliegenden Dörfern, die in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis zu ihr stehen.

Da die Stadt Çatal Höyük durch ihr hohes kulturelles Niveau und durch ihre Größe herausragend war, wurde auch gezielt nach den, wie Mellaart sie nennt, Dependenzen gesucht. Nachdem die Konya-Ebene lange als in der Frühzeit unbewohnt galt, sind jetzt tatsächlich rund um Çatal Höyük weitere Siedlungsplätze entdeckt worden: In der zweiten Grabungsperiode, die von Ian Hodders Team 1993 begonnen wurde, konzentrierten sich die Arbeiten auf ein Gebiet von 12x10 km nordöstlich von Çatal Höyük (Abb. s. Newsletter 2/1996(1)). Fünfzehn der hier entdeckten Siedlungsplätze waren bereits auf topographischen Karten als Tells identifizierbar. Weitere fünf sind von jüngeren Bodenschichten bedeckt und nicht als Hügel sichtbar. Obwohl die oberen Schichten dieser Hügel bronzezeitlichen, eisenzeitlichen oder hellenistischen Ursprungs sind, finden sich fast überall in den tieferen Schichten "prähistorische Spuren" frühester Besiedlung. (Newsletter 2/1996(1))

Ob diese neolithischen Siedlungen mit Çatal Höyük in Beziehung standen, muss allerdings noch in späteren Grabungen anhand von miteinander vergleichbaren Funden geklärt werden. Die beteiligten ForscherInnen sehen diese Ansiedlungen schon jetzt in einem untergeordneten Verhältnis zu Çatal Höyük, wo sich Handel und Handwerk konzentriert haben sollen. Die immense Zahl von Heiligtümern in der Stadt führte zu der Vermutung, Çatal Höyük könnte eine Art Glaubenszentrum für die dörfliche Bevölkerung gewesen sein. Diese Annahmen setzen natürlich zum einen voraus, dass die gesellschaftlichen Zusammenhänge der jüngeren Geschichte 12 auf das Neolithikum übertragbar seien, was wissenschaftlich unredlich ist. Zum Anderen müsste nachgewiesen werden, dass das Dorf in der Jungsteinzeit bereits existiert hat. Dieser Nachweis ist nach den neuesten Erkenntnissen nur für die ausgehende Jungsteinzeit führbar, in der sich das Patriarchat begann durchzusetzen.

 

1.2.3. Städtische Merkmale in Çatal Höyük nach James Mellaart

Die immer wieder auch von Mellaart aus historischen Vorbildern projizierten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen sind in Çatal Höyük bislang weder anhand von Funden nachweisbar, noch reichen sie aus, um Çatal Höyük von anderen kleineren Siedlungen wie beispielsweise Hacilar schlüssig abzugrenzen. Dennoch kommt Mellaart zu der Ansicht, dass Çatal Höyük eindeutig eine Stadt (im Gegensatz zu beispielsweise Hacilar) ist.

Er schreibt 1967: "Die Ausgrabungen zu Çatal Hüyük werfen ein helles Licht auf die Zivilisation einer städtischen Siedlung ebenderselben Periode in Anatolien, und die beachtliche Tiefe der noch unter ihr befindlichen Ablagerungen verspricht Aufschlüsse über die Entstehung dieser bemerkenswerten Zivilisation 13 zu erbringen, sobald die Ausgrabungen wieder aufgenommen werden können. Der Reichtum des in Çatal Hüyük zutage geförderten Materials hat seinesgleichen an keiner anderen neolithischen Fundstätte."(H.d.d.V.) 14

Das wichtigste Merkmal Çatal Höyüks sei also ihre, Mellaarts zur Folge, "bemerkenswert" hohe Kulturstufe, die ihr das Prädikat Zivilisation verleiht. Offensichtlich bricht Mellaart hier mit dem alten Anspruch, Zivilisation sei an die Verwendung der Schrift 15 gebunden.

Dennoch ist sein Zivilisationsbegriff dem patriarchalen Denken verhaftet. So sucht er nicht nur nach Spuren von Hierarchie, die er in dem von ihm vermeintlich entdeckten Priesterviertel zu sehen glaubt, sondern deutet in einem späteren Kapitel (Mellaart, 1967, S. 85 f) die ununterbrochene Reihe von Häusern am Rande des Hügels, einen als Turm gedeuteten Gebäudegrundriss sowie die in diesem Bereich vorhandene unregelmäßige Plan-Struktur als Verteidigungssystem, welches, einem Irrgarten gleich, Feinde abgehalten haben soll. Er löst sich damit nicht von der weit verbreiteten Ansicht, Krieg hätte es schon immer gegeben, womit eine Stadt zwangsläufig befestigt sein müsste. Damit scheint für ihn ein weiteres Merkmal von STADT gegeben zu sein. 16

[13] Für Mellaart ist die Landwirtschaft die Grundlage jeglicher Zivilisation (1967, S. 22)

[14] Im Geleitwort zur deutschen Ausgabe des Grabungsberichts von 1967 schreibt Karl J.Narr: "Hierher gehört nicht zuletzt das unerwartet frühe Auftreten von Siedlungsformen -zuerst in Jericho-, bei denen sich Bezeichnungen wie 'stadtartig' oder gar 'Stadt' aufdrängen. (...) Er (der Leser, A.d.V.) wird dabei an verschiedene wichtige Merkmale vornehmlich struktureller Art denken, die ihm unabdingbar für die Stadt erscheinen, auch wenn sie nicht immer vereinigt und in enger Beziehung stehen müssen: die dichte Zusammensiedlung einer größeren Bevölkerungsmenge, die Lösung eines wesentlichen Teils der Stadtbevölkerung von der Urproduktion an Nahrungsmitteln durch Bodenbau und Viehzucht und statt dessen eine vorwiegende Tätigkeit in Handel und Gewerbe, das Bestehen einer geschichteten Gesellschaft - oft in engem Zusammenhang mit der Lösung von der Urproduktion-, vielfach -ababer nicht notwendig - Ummauerung und sonstige Befestigungswerke, eine Funktion als Mittelpunkt einer Landschaft - Sitz einer Verwaltung, Mittelpunkt des Handels und dergleichen - , auf den die Umgebung hingeordnet ist und der seinerseits von der ländlichen Umgebung für seine Versorgung abhängig bleibt.(...) Mehr als alles Sonstige hebt ihre plastische und malerische Ausstattung sie von weiteren etwa gleichzeitigen Siedlungen Vorder- und Kleinasiens ab. Wie Jericho mit seinen gewaltigen Mauern und anderen Steinbauten teilweise noch rätselhafter Funktion, so steht Çatal Hüyük bislang durch den hohen Aufwand im Dienste des Kultes und durch die künstlerischen Mittel noch isolierter in seiner weiteren Umgebung." (H.d.d.V.)

[15] Dass in Çatal keine "Schrift" zu finden sei, versuchte Marija Gimbutas in ihrem Buch "The language of the goddess" zu widerlegen. Ihr ist es gelungen, eine plausible Erklärung für die Symbolsprache der Urgeschichte, von der die Bilderschrift späterer Zeit ja abgeleitet ist, zu liefern.

[16] Auch Mumford verbindet Zivilisation mit Feindseligkeit, wenn er schreibt: "Wie bei den Vögeln hat wohl die Herrschaft über einen Bezirk zur freundschaftlichen Regelung von Grenzfragen geführt, die erst später, als man "zivilisierter" war und daher Sorgen um Besitz und Vorrecht hatte, zu wilden Auseinandersetzungen geführt haben." dass es vorher wohl anders gewesen sein könnte, und dass der Begriff Zivilisation nicht ausschließlich positiv (s.a. 1.2.5.) zu sehen ist, macht er jedoch unmißverständlich klar. Dass Besitz nicht automatisch Vorherrschaft bedeuten muss, ist für ihn allerdings nicht vorstellbar. Daher knüpft er Unfrieden nicht nur an Besitzneid. Er geht davon aus, dass Besitzende auch immer unterdrücken. Diese im Patriarchat zutreffenden Tatsachen sind allerdings nicht ohne weiteres auf die matristische Zeit übertragbar. Vielmehr scheint zu dieser Zeit Besitz eben nicht an Herrschaft bzw. Unfrieden geknüpft gewesen zu sein. Çatal Höyük selbst liefert dafür den Beweis.

(Dazu siehe auch 2.4.2.4. "Der Tod Çatal Höyüks")

 

1.2.4. Eine neue Sicht der STADT nach Marija Gimbutas

Die Frage, was STADT ist, hängt eng mit der meines Erachtens wichtigeren Frage zusammen, was menschliche Kultur ist, und wann sie anfängt. Warum sich aus einem Siedlungsplatz eine Stadt entwickelt, welche geistig-kulturellen Voraussetzungen (im Gegenstaz zu politisch-wirtschaftlichen) dafür notwendig sind, ist folglich auch von keinem der Autoren (siehe 1.2.1.1.) befriedigend beantwortet und mit der traditionellen Herangehensweise auch nicht beantwortbar.

Marija Gimbutas' These dazu: "Die ersten Landwirtschaften müssen um die Schreine der Muttergöttin entstanden sein, die so zu sozialen und wirtschaftlichen Zentren als auch heiligen Plätzen wurden und den Keim für spätere Städte legten." (aus : Vicki Noble, 1986)

Die Stadt von Çatal Höyük entzieht sich sämtlichen Versuchen, die bisher üblichen Merkmale für STADT auf sie zu beziehen. Meine Behauptung wird gestützt durch die neue Sicht der STADT, entwickelt von Forscherinnen, die teilweise noch auf Mellarts Thesen zur Beurteilung von Kulturschaffen, insbesondere dem Çatal Höyüks, aufbauen, vor allem aber durch die Arbeit Marija Gimbutas". Sie verwenden den Begriff grundsätzlich für alle festgebauten Siedlungen, die ja schon durch ihr Vorhandensein kulturelles Schaffen erkennen lassen.

So bezeichnete beispielsweise Marija Gimbutas die Siedlung Hacilar eindeutig als kleine Stadt, die James Mellaart noch ausdrücklich unter dem Begriff Dorf einordnet und damit in gewisse Konkurrenz zu Çatal Höyük stellt.

Gimbutas' für mich akzeptabler Lösungsansatz vermeidet jegliche unangebrachte Wertung des Begriffes Stadt.

Diese Sicht erzeugt ein vorwärtsgerichtetes (Wie entwickelte es sich weiter?) Geschichtsbild, welches meines Erachtens mehr als das rückwärtsgerichtete (Was gab es schon?) auch den Blick für zukünftige Entwicklungen und Utopien schärft, dass eine (analysierte) Vergangenheit immer auch eine Zukunft hat. Allein die Begriffe Neuzeit und Moderne der rückwärtigen Sicht lassen die Frage aufkommen, ob es ein Danach noch geben kann.

Die Leistungen einer Kultur stets darin zu beurteilen, wie weit vorangeschritten sie sei, gemessen am Maßstab der jeweils folgenden, vermeintlich höher stehenden Kulturen, resultiert aus der irrigen Annahme, die Menschheit müsse sich immer "schneller-höher-weiter" entwickeln, als ob dies allein heilbringend wäre. (Dass das Patriarchat nicht heilbringend war und ist, muss nicht extra ausgeführt werden.) Dieser Kulturbegriff ist ein rein materieller 17. Die berühmtesten Bauwerke sind lange Zeit ausschließlich als Ausdruck von Kultur und Kunstverstand betrachtet worden. (Der Begriff Kultur will als ein positiv besetzter Begriff verstanden werden.) Werden die Umstände erforscht, unter denen sie entstanden sind, ergibt sich ein völlig anderes Bild: Die sogenannte Kultur entwickelte sich auf Kosten einer Kultur des sozialen Umgangs, die sich zu matrifokaler Zeit noch (nicht bereits!) auf allerhöchstem Niveau befand.

[17] Verfall eines ehemals positiv besetzten Wortes. Siehe auch Abschnitt 2.4.2.3."Der Umgang mit Materie"

 

1.2.5. Zum Begriff Zivilisation

Mellaart schreibt 1967: "In diesem Licht gesehen stellt die Kultur von Çatal Hüyük in der langen Geschichte menschlichen Strebens ein einzigartiges Phänomen dar: Sie ist das Bindeglied zwischen längst vergangenen Jägern des Jungpaläolithikums und einer neuen, Nahrungsmittel produzierenden Gesellschaft, die die Grundlage unserer Zivilisation schuf."

Wie im vorangehenden gesehen, wird die STADT immer wieder mit dem Begriff Zivilisation in Verbindung gebracht. Damit sind stets Versuche verbunden, diesen zu definieren oder gar mit STADT gleichzusetzen. Wie stichhaltig diese Versuche sind, wurde aus der Gegenüberstellung mit der neuen Sicht der Stadt klar. Marija Gimbutas schrieb dazu in ihren Buch über die Jungsteinzeit im Alten Europa "Die Zivilisation der Göttin", in dem sie auch das kleinasiatische Çatal Höyük näher beschreibt: "Ich lehne die Ansicht ab, dass der Begriff Zivilisation nur auf androkratische Kriegergesellschaften angewendet werden dürfe. Die generative Basis jeder Zivilisation liegt in ihrem jeweiligen Maß an künstlerischem Schaffen, ästhetischen Errungenschaften, immateriellen Werten und Freiheit, die das Leben sinnvoll und lebenswert machen, sowie in einem ausgeglichenen Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Die Jungsteinzeit in Europa war keine Zeit 'vor der Zivilisation' (Before civilization - so der Titel eines 1973 erschienenen Buches von Colin Renfrew über Europa zur Jungsteinzeit und Kupferzeit); sie war vielmehr wirklich eine Zivilisation im besten Sinne des Wortes. (...)."

Diese Definition ist meines Erachtens weiterführend, weil sie nicht zu einer arroganten oder Konkurrenz-schürenden Bewertung von Lebensweisen führt, und nicht ganze Bevölkerungsteile oder gar Regionen von der Entwicklung von Kultur ausschließt. Der Weg aus der Sackgasse, der Frage, welche nun eine STADT sei, ist damit frei.

 

2...DER GRÖSSTE TELL DER JUNGSTEINZEIT

2.1. Tells als Phänomen

Überall auf dem eurasischen Kontinent sind zahllose Ruinenhügel aus dem Zeitraum zwischen Jungsteinzeit und Antike bekannt. Diese Tells 18 spielen in der Archäologie eine besondere Rolle, dass sie sich oft schon in der Landschaft als herausragende Formation abzeichnen. Auf topographischen Karten sind sie meist als eine unnatürlich wirkende Erhebung erkennbar. Hier sind schon vor dem ersten Spatenstich Oberflächenfunde möglich, so auch in Çatal Höyük.

Manche Tells sind infolge starker Erosion oder Anschwemmungen in der Landschaft nicht mehr sichtbar. Aus der Luft lassen sich dann häufig noch Umrisse durch Verfärbungen erkennen.

Erstaunlich ist vor allem, dass sich so viele Ruinenhügel über die Jahrtausende erhalten haben. Ihr komprimiertes und vergleichsweise vollständiges Fundspektrum ermöglicht unter Zuhilfenahme modernster Methoden eine relativ exakte Rekonstruktion der Lebensweise der Menschen dieser Zeit, und das für einen sehr langen Zeitraum, hatten doch diese Siedlungsplätze häufig Jahrhunderte lang bestand. Trotz diesem, und trotz schlüssiger Erklärungsmodelle, welche durch ergrabene Fakten und interkulturelle Vergleiche entwickelt werden können, gilt bis heute die Entwicklung einer einfachen Ansiedlung zu einem ausgewachsenen Tell, die vor allem nach oben vorangeschritten zu sein scheint, als weitgehend ungeklärt.

Die Höhe der Tells erklärt sich sicherlich nicht zuletzt daraus, dass sie sich über Jahrhunderte hinweg ungestört entwickeln konnten. Çatal Höyük, das als der größte neolithische Siedlungshügel der Welt gilt, wenn auch nicht der älteste, ist nie erobert oder auch nur angegriffen worden; Spuren kriegerischer Aktivitäten sind nicht zu finden. Ungeklärt sind die Umstände, unter denen der Siedlungshügel schließlich verlassen wurde, was ebenfalls zahlreichen Spekulationen Raum lässt.

In den Jahren nach Mellaarts sogenannter Jahrhundert-Entdeckung rückten die Fragen nach den naturräumlichen Gegebenheiten und den Voraussetzungen, die die Bildung einer solchen Großsiedlung förderten bzw. erst ermöglichten sowie nach dem besiedelten Umfeld mehr und mehr in den Vordergrund. Exemplarisch für alle Tells wird Çatal Höyük auf daraufhin erforscht.

Darüber hinaus begann das Team KOPAL 19 mit Untersuchungen im vom Fluß aufgeschütteten Bereich.

[18] Tell = Ruinenhügel. Andere Bezeichnungen: arbabisch tepe, griechisch magula, türkisch höyük

[19] Die zu Beginn der neuen Grabungsperiode gebildete Arbeitsgruppe KOPAL (KONya basin PALaeoenvironment Çatal research programme) versucht die Zusammenhänge zwischen den Veränderungen in der natürlichen Umgebung (Klima, Vegetation, Geomorphologie,etc.) und der Domestikation von Pflanzen und Tieren während der Zeit zwischen 13.000 und 7.000 v.u.Z. zu erhellen. Die Ergebnisse der stratigraphischen Untersuchungen sollen die Entstehungsprozesse Çatal Höyüks und anderer Siedlungsplätze der Region nachvollziehbar und die Landschaft der Zeit rekonstruierbar machen. Die Pollenanalyse wird ein genaues Bild über die damalige Vegetation vermitteln. Geoarchäologische und geomorphologische Untersuchungen ermitteln, wie stark die Orte nach Verlassen verschüttet wurden. (Aus: CD-ROM Çatal Höyük)

 

2.2. Naturräumliche Gegebenheiten

Der Platz an dem Çatal Höyük entstehen sollte, war in mehrfacher Hinsicht ideal, eine Siedlung mit schätzungsweise 7 bis 10.000 EinwohnerInnen wachsen zu lassen. Das Delta des Çarsamba-Flusses ist für die Landschaft um Çatal Höyük bis heute prägend. Der überaus fruchtbare Schwemmlandboden war die Grundlage für die Weiterentwicklung des Ackerbaus, d.h. auch für die Deckung des wachsenden Bedarfs an Nahrungsmitteln durch immer bessere Erträge 20.

Blick vom Gipfel des Osthügels in die Ebene

Blick vom Gipfel des Osthügels in die Ebene

Wie die BewohnerInnen lernten, mit den jährlichen Überschwemmungen umzugehen und ihre aus getrockneten Lehmziegeln und Holz gebauten Häuser vor der Feuchtigkeit zu schützen, ist noch nicht geklärt. Nachweislich wurden die Häuser jedes Jahr aufs neue instandgesetzt, d.h. die Innenräume wurden mit einer neuen Putzschicht überzogen. In Level VII fand Mellaarts Team 120 Lagen Putz und in Level VI B 100 Lagen Putz., was auf ein Alter von 120 bzw. 100 Jahren schließen ließ. Neue Untersuchungen ermittelten allerdings noch mehr Lagen.

Offensichtlich hat der Überfluß an Nahrung bzw. die Leichtigkeit ihrer Beschaffung dazu beigetragen, dass die BewohnerInnen Çatal Höyüks viel Zeit in die Weiterentwicklung ihrer Kultur, d.h. einerseits für die Dekoration der Innenräume und für religiöse Aktivitäten andererseits, verwenden konnten. Beide Aspekte standen miteinander in engem Zusammenhang, was dieses Referat noch erläutern wird. Die Überschwemmungen könnten als Ausdruck der regenerativen und lebenspendenden Kräfte der Natur in den Kult einbezogen und damit willkommen gewesen sein.

Im Schwemmlandgebiet gibt es keine Steine, was nach Ansicht der ForscherInnen zur Entwicklung der für Çatal Höyük typischen Lehmbauweise geführt hat. Zwar finden sich in der Konya-Ebene keine natürlichen Feuerstein-Vorkommen 21, im nahen Taurusgebirge gibt es jedoch reiche Lagerstätten an Obsidian, einem glasartigen Gestein, das seinen Ursprung im zu dieser Zeit noch aktiven Vulkanismus hat. Obsidian fand bei der Geräteherstellung z.B. von Klingen Verwendung und spielte eine große Rolle im kultischen Leben 22. Um 6400 v.u.Z. (unkalibriert) waren in Çatal Höyük Kupfer und Blei bekannt geworden, was die Periode des Chalkolithikums einleitete. Diese Metalle finden sich in Anatolien an zahlreichen Stellen, und sind vielleicht durch Handel nach Çatal Höyük gelangt. Ein von Mellaart gefundener Schlackenklumpen gilt als Beweis, dass Kupfer hier auch ausgeschmolzen wurde.

 

[20] Hier wie in anderen Hochlandtälern hatten die wilden Vorgänger der kultivierten Getreidearten (Emmer, Einkorn etc.) ihre natürliche Heimat. Nachgewiesen sind daneben die verschiedensten Arten von Nutzpflanzen wie Linsen, Wicken und Pistazien. Die heute baumlose Ebene mussvon einem reichen Wildbestand (Auerochse, Rothirsch, Wildschwein, Wildschaf, Bär, Esel, Rehe, Damwild, Gazelle, Leopard etc.), wie ihn z.B. die sogenannten Jagdszenen auf in den Häusern gefundenen Wandmalereien zu bezeugen scheinen und durch Knochenfunde teilweise bestätigt wurden, geprägt gewesen sein, was die Vermutung Mellaarts zuließ, dass ausgedehnte Waldgebiete weite Bereiche der Ebene überzogen haben könnten.

Bei späteren Untersuchungen konnte Waldbestand jedoch nur auf den umliegenden Bergen im Hinterland, die sich bis ins fruchtbare Sumpfland in der Ebene erstreckten, nachgewiesen werden. Die Ebene selbst war nur vereinzelt von Bäumen bestanden. Bis 16.000 v.u.Z. erstreckte sich in der Ebene ein großer See, der nach seiner Austrocknung nur den Fluß, Salzseen, Seen und die Sumpflandschaft hinterließ. In der Zeit von 13.000 bis 7.000 v.u.Z. änderte sich das globale Klima von eiszeitlichen zu nacheiszeitlichen Bedingungen, die den heutigen sehr ähnlich waren. Die Konya-Ebene ist die trockenste Region der Türkei. Durch den Einfluß des Taurusgebirges gibt es jedoch im Frühling und Herbst ausreichend Niederschlag. Die Temperaturen im Sommer liegen zwischen 20 und 25°C, die Winter sind gemäßigt mit Temperaturen um 0°C.

[21] Dennoch war auch Feuerstein, der vermutlich durch Handel nach Çatal Höyük gelangte, in Gebrauch.

[22] Obsidian war ein heiliges Gestein. "Sein vulkanischer (vom Hasan Dağ, A.d.V.) und damit chthonischer Ursprung verband es mit der Unterwelt, dem Ort der Toten." (aus: Mellaart, 1967) S.a. 3.2.7.2. und 4.5.2.

 

2.3. Lage und tatsächliche Größe Çatal Höyüks

Während der neuen Grabungsperiode wurden vom KOPAL-Team für Sondierungen mehrere Untersuchungsgräben nördlich des Randes des Doppelhügels sowie zwischen West- und Osthügel gezogen. Dabei wurde zweifelsfrei nachgewiesen, dass einerseits die Gründung der Stadt (s.a.3.1.6.) auf einer künstlich eingeschnittenen Terrasse des Çarsamba-Ufers erfolgt sein muss, andererseits der Çarsamba später sein Bett geändert hat und ehemals zwischen den beiden Hügeln Çatal Höyük Ost und Çatal Höyük West verlief. Es findet sich dort eine 226-318 cm dicke Schwemmschicht, unter der Siedlungsschichten der älteren Jungsteinzeit begraben liegen, d.h. die tatsächliche Ausdehnung Çatal Höyüks, von heute 450 m in der Länge und 275 m in der Breite, ein Oval bildend, war deutlich größer. Die Höhe von heute 17,5 m muss also um die Höhe der Schwemmschicht erweitert werden, die allerdings an anderen Stellen noch dicker ist. Schon Mellaarts Team, dessen Grabungsgebiet sich im westlichen Abschnitt des Süd-Hügels befindet, hat bei einer Sondierung eine Tiefe von mindestens 4 m unter dem heutigen Niveau festgestellt. Die oberste Schicht ist sehr stark erodiert, so dass nur noch wenige Fundamente erhalten sind. Vielleicht war diese Schicht auch nicht die letzte. Die tatsächliche, ursprüngliche Höhe ist damit nicht mehr rekonstruierbar. Die Tiefe der neolithischen Ablagerungen beträgt nahezu das Doppelte von Mersin und ist immer noch bedeutend größer als in Jericho (13,7m).

 

2.4. Wachstum, Form und Tod des Tells

Wie viele Menschen es waren, die sich am Ufer des Çarsamba-Flusses niederließen, um eine Stadt zu gründen und mit wie vielen Häusern Çatal Höyük begann, lässt sich nicht mit Bestimmtheit angeben, es war aber mindestens eine Sippe, zu der weitere hinzukamen. Die untersten Schichten sind weder vollständig ergraben, noch ist es sinnvoll, den ganzen Doppelhügel abzutragen, um alle offenen Fragen zu beantworten. 23 Tatsache ist jedoch, dass die untersten Schichten flächenmäßig die größten gewesen zu sein scheinen. Die Stadt erscheint deshalb zunächst als nur nach oben wachsende Struktur. Dies ist jedoch eine Täuschung. Die Stadt hat sich zunächst über einen längeren Zeitraum in ovaler Form ausgebreitet, ehe sie begann, in die Höhe zu wachsen. Die jüngeren Schichten überdeckten zwar die älteren wie eine Tischdecke. Mit zunehmender Größe taten sich jedoch Lücken auf, die nachverdichtet wurden. Dies geschah aber buchstäblich nicht "uferlos". Denkbar ist, dass die Nähe zum Überschwemmungsgebiet dazu führte, dass bewusst oder unbewusst die Stadt selbst "ihr eigener Deich" wurde. Vor allem aber die Einsicht, dass eine weitere Ausdehnung auf Kosten der landwirtschaftlichen Fläche ging, die in sinnvoller Entfernung zur Stadt lag, wird eine Rolle gespielt haben.
Mellaarts Schichtenmodell (Abb. unten) ist fehlerhaft. Er lokalisiert die ältesten Schichten direkt am Fluss bzw. am Rand des Tells. Mellaart war mit der modernen Methode der Stratigrafie natürlich noch nicht vertraut. An Tells wurde diese Methode erst entwickelt und perfektioniert. Seine Absicht war nicht die Entwicklung der Methode, sondern in kurzer Zeit möglichst viel zu ergraben. Die aktuellen Untersuchungen versuchen diesen Mangel zu beheben.

Çatal Höyük: Schichten nach Mellaart

(Zum Vergrößern Bild anklicken.)

[23] Grabung ist immer auch Zerstörung.

 

2.4.1. Schichtung

In seinem Grabungsbericht von 1967 behauptet Mellaart, dass die den Tell bildenden zwölf aufeinanderfolgenden Besiedlungsniveaus (Abb. oben) annähernd horizontal verlaufen. Sie seien teilweise noch einmal zu unterteilen und stünden für zwölf verschiedene Städte, nicht für Bauphasen oder Instandsetzungen. Gerda Lerner (1989, S.53) interpretiert Mellaarts Aussage dahingehend, dass die verschiedenen Städte jeweils auf den Resten der Vorgänger-Stadt erbaut worden seien. Aus dieser Warte müssten die Vorgänger-Städte also jeweils für eine Weile vollkommen verlassen gewesen sein.
Dies ist nur schwer vorstellbar. Obwohl eine kulturelle Weiterentwicklung daran erkennbar ist, dass zunächst akeramische Schichten später von keramischen abgelöst wurden, bis hin zum Aufkommen von Metallverarbeitung ab Schicht VI A (Kupfer) und Schicht IX (Blei), blieb der Charakter der Bauten über die Schichten hinweg gleich. Entweder müssten sich die BewohnerInnen zu bestimmen Zeitpunkten zum Abriss ihrer Stadt entschieden haben, oder eine Katastrophe hätte dazu genötigt, neu anzufangen. Die bereits von Mellaart entdeckten Spuren großer Brände, deutete er in diesem Sinne. Nach einem Brand hätten die BewohnerInnen aber sicher nicht ihre Heimat einfach verlassen. Auch für ein geplantes, vollständiges Verlassen der Siedlung spricht angesichts der Größe zu wenig. Dass die Brände schließlich nicht unabsichtlich passiert waren, ist tatsächlich in der neueren Grabungsperiode festgestellt worden.

Bei Marija Gimbutas fand ich die Bemerkung, dass Çatal Höyük nicht aus dem Nichts entstanden sei. Darunter läge noch ein Hügel mit zwölf akeramischen Schichten. Sie erwähnt ein hier gefundenes Tempelmodell zusammmen mit Statuetten, Kalksteinplaketten u.a. . Leider habe ich nirgends eine Abbildung dieses Tempelmodells gefunden, auch erschien mir das Vorhandensein eines "Hügels unter dem Hügel" als zweifelhaft. Möglicherweise ist dies ein Übersetzungsfehler, es könnte sich um die missverständlich ausgedrückte Deutung der von Mellaart entdeckten Schichtung sein, nach der insgesamt dreizehn Schichten übereinanderliegen. Das Çatal Höyük, das Gimbutas meint, wäre demnach die oberste Schicht I.

Die Verjüngung des Tells nach oben hin müsste für die BewohnerInnen eine zunehmende Verknappung von Wohnraum bedeutet haben. Ob diese Verjüngung das Ergebnis einer schwindenden Bevölkerungszahl, einfacher Errosion, oder gar der technischen Notwendigkeit, den Hügel unter einem günstigen Winkel zu böschen, war, ist noch nicht erforscht. Mellaart geht von einer annähernd gleichbleibenden Bevölkerungszahl aus, die lediglich durch den teilweisen Umzug nach Westen mit der Neugründung des zweiten Hügels oder der Bebauung brachliegender Gebiete am Ostrand möglich war. Die Niveausprünge innerhalb gleich alter Schichten, die sich daraus ergeben würden, sollen vom KOPAL-Team gesucht und erforscht werden.

Die obersten Schichten des Nord-Hügels lagen weit eher brach als die des Süd-Hügels, der sich gleichsam bald verjüngte, ohne dass eine Ausweichmöglichkeit geschaffen wurde. Damit stellt sich auch die Frage nach dem Verbleib der BewohnerInnen und dem Ende Çatal Höyüks.

 

2.4.2. Die baulichen und soziologischen Grundlagen der Tell-Bildung

Çatal Höyük (wie andere Tells auch) wurde nicht einfach nur gegründet und weitergebaut, wie andere Städte. Die Stadt wuchs, einem Organismus gleich. Jedes einzelne Haus war nicht nur Wohnstatt, sondern wurde wiederum wie ein Lebewesen gepflegt und erhalten, bis es sterben musste. Das Wachstum hatte seine Ursache vor allem in den matrilinearen Verwandtschaftsbeziehungen. bzw. Arbeitsgemeinschaften der Sippen. Dies führe ich in 3.1.5. und 3.1.6. noch genauer aus. In der Tell-Bildung drückt sich auch das Verhältnis der Menschen zur Natur und in den daraus resultierenden religiösen 25 Vorstellungen aus, worauf ich an dieser Stelle näher eingehe.

[25] Diese spielten vielleicht schon bei der Wahl des Platzes für die Stadtgründung eine Rolle.

 

2.4.2.1. Das Haus als Organismus

Die Wände der Häuser wurden immer wieder neu mit Putz bedeckt, Schicht auf Schicht. Wie Jahresringe eines Baumes lassen die Schichten auf ein Alter der Häuser von 100 bis 150 Jahren oder mehr schließen. Die Putzwände waren mit Malereien in meist roter Farbe und Reliefs sowie mit eingelassenen Bukranien 26, Eberzähnen, und Brüsten versehen, als wären diese die Körperteile des Hauses. Nur selten änderte sich die Art der Ausstattung, ein Motiv wurde über Jahrzehnte beibehalten. Vielleicht waren es familiäre Veränderungen, die ein neues Bild oder ein neues Relief erforderlich machten.

War ein Haus nicht mehr bewohnbar, wurde es planmäßig ausgebrannt. 27 Manche Häuser wurden allerdings nur in einem Raum ausgebrannt, und dort dann nicht wieder bewohnt. Diese Sitte scheint kultischen Charakter gehabt zu haben, möglicherweise musste das Haus/der Raum wie ein Mensch bestattet werden. 28 Zusätzlich wurden Reliefs, Bilder u.a., die die Große Muttergöttin in ihrem generativen und schöpferischen Aspekt repräsentierten, entfernt, vielleicht um das Haus zu schlachten, wie R.J. Matthews es nennt, oder um es rituell sterben zu lassen. (s.a. Archive Report 1996, Internet-Dok., North-Area, Building 1)

Nach dem Brand wurde das Haus mit Schuttmaterial verfüllt, einer Beerdigung gleich, und wohl erst nach einer Weile überbaut. 29 Reste von als zeremoniell gedeuteten "Festessen", vielleicht einem Leichenschmaus vergleichbar, wurden am Anfang bzw. Ende jeder Hauslage gefunden.

Die Häuser dienten zugleich als Begräbnisstätten für die BewohnerInnen. Nach Mellaart wurden hauptsächlich unter den Plattformen, die als Schlafstätten gedient haben, aber auch unter den Fußböden und unter Wänden Gräber gefunden. Es wird vermutet, dass ein Haus, dessen BewohnerInnen sämtlich gestorben waren, dann längere Zeit als Ahnenhaus verehrt wurde, bevor sein Platz wieder bebaut, und die entstandene Narbe auf der Oberfläche des Hügels geschlossen werden konnte.

 

[26] Bukranion als Symbol für die inneren weiblichen Geschlechtsorgane. S. 3.2.6.

[27] Mellaart deutete die Brände als Reste von Katastrophen, die durch die Überfüllung der Häuser ausgelöst worden seien. Dies ist in der aktuellen Grabungsperiode widerlegt worden.

[28] Wie die Menschen des Neolithikums es schafften, derart große Temperaturen zu erzeugen, dass die Lehmwände wie Ziegelbrand verfestigt und rot verfärbt wurden, und auch verhinderten, dass der Brand auf Nachbargebäude übergriff, ist immer noch rätselhaft.

[29] Dabei wurde oft der Grundriß des alten Hauses übernommen aber meist geringfügig durch Einziehen oder Weglassen von einzelnen Wänden verändert. Der Spielraum für Veränderungen des Grundrisses war sehr gering, so dass die Nachbargebäude meist unmittelbar daneben errichtet wurden. Die Menschen waren wohl ständig auf Absprachen untereinander angewiesen, um das Zusammenleben auch bei wachsender Sippengröße zu ermöglichen. Wahrscheinlich halfen sie sich gegenseitig beim Bauen und Abbrennen und tauschten vielleicht ihre Häuser, dem Bedarf entsprechend. Wachstum ging unmittelbar auf Kosten der Nachbarschaft vonstatten, was mir nur denkbar erscheint, wenn der Besitz von Grundstücken an sich keinen Wert darstellte und der gemeinsame Nutzen erkannt wurde. Dabei war die Personenzahl in den einzelnen Sippen erstaunlich konstant, manchmal allerdings starben Sippen regelrecht aus, was anhand von Grabfunden nachgewiesen werden konnte.

 

2.4.2.2. Die Stadt als Organismus

So wie jedes Haus wuchs und wieder verging, um auf seinen Resten ein neues wachsen zu lassen, einer Wiedergeburt aus sich selbst gleichkommend, wuchs auch der Tell langsam Schicht für Schicht in die Höhe. Die oberste Schicht war wie eine Haut, die das Darunterliegende verhüllte und vor Abtrag schützte, und sich dabei ständig selbst erneuerte. So wie die Toten bei den Lebenden in den Häusern verblieben, blieben auch die Reste der älteren Schichten, d. h. die Städte der Ahnen, bei der neuen Stadt. Der Hügel war damit steingewordenes Leben.

Die Häuser lagen dicht beieinander, Organen gleich oder einer Vermehrung durch Zellteilung. Das Leben spielte sich auf den Dächern, d.h. der Oberfläche, der Haut ab. Beim Einstieg in die Häuser über Luken in den Dächern, mussten die Menschen ein Gefühl des Eintauchens in den Bauch ihrer Stadt haben, wo sie Schutz und Unterschlupf fanden. Aus psychologischer Sicht ist das die Erfüllung eines uralten Menschheitstraumes: Zurück in den Bauch der Mutter. Dieses Bild wird unterstützt durch die überall in den Häusern zu findenden Bukranien, deren Ähnlichkeit mit den weiblichen inneren Geschlechtsorganen von der Künstlerin Dorothy Cameron während der Arbeit in Çatal Höyük erkannt wurde (s.a. 3.2.6.) sowie durch die Ei-Symbolik der ovalen Anlage der Hügel. Çatal Höyük, und damit jeder Tell, ist ein damit Bild von der Frau, ist weiblich und damit fast am Anfang der weltweiten Tradition, Städten den weiblichen Artikel zu geben.

 

2.4.2.3. Der Umgang mit Materie

Im Laufe der über tausendjährigen Geschichte Çatal Höyüks häufte sich ein Doppelhügel gigantischen Ausmaßes an.

Das Baumaterial für die Lehmbauten wurde der Umgebung entnommen, die durch den Çarsamba-Fluß mit ständig neuem Schwemmlandboden versorgt wurde. Die Natur lieferte den Menschen auch das Material, das sie zum täglichen Leben brauchten, Gebrauchsgegenstände waren aus Naturmaterialien, wie Holz, Korb oder Ton und zerfielen zu Staub und Humus, wenn sie nicht mehr brauchbar waren. Allenfalls gebrannte Töpferware und die ersten Gegenstände aus Kupfer und Blei (Schmuck) waren dauerhaft. Bei den Ausgrabungen wurden allerdings viele, eigentlich vergängliche Gegenstände sowie Speisereste gefunden, die durch die dichte Packung der Lehmschichten vor dem Verrotten geschützt waren. Auch die absichtlichen Brände trugen zu einer Konservierung bei. Es ist dadurch möglich, sich nicht nur ein Bild darüber zu machen, wie der Alltag ausgesehen haben könnte, sondern auch darüber, wie die BewohnerInnen ihre Abfälle beseitigt haben.

Stellt Müll heutzutage ein Problem dar, lösten es die BewohnerInnen von Çatal Höyük offenbar in zwei unterschiedlichen Ebenen, einer praktischen und einer psychologisch-spirituellen. Sie hätten sich ihres Mülls entledigen können, indem sie ihn aus der Stadt trugen oder von ihm wegzogen, oder hätten Müllhalden anlegen können. Doch obwohl sie schon schmutzig von sauber unterschieden 30, entschlossen sie sich, mit ihrem Müll zu leben. In zahlreichen Zwischenräumen zwischen den einzelnen Häusern fanden sich Knochen, pflanzliche Reste sowie kleine zerbrochene Statuetten der Großen Göttin, jedoch selten Scherben. Die Stellen, an denen Müll gesammelt wurde, wurden vermutlich gezielt verfestigt, um darauf bauen zu können. Vielleicht, so, wurde der Müll für die Fundamente gebraucht, um höher als die Nachbarschaft bauen zu können (s.a. 3.1.4.2.). Ferner wird vermutet, dass es ein Recycling gab.

Die Statuetten fanden sich auch in situ in den absichtlich niedergebrannten Gebäuden und waren vielleicht eher zufällig als aus kultischen Gründen zurückgelassen worden. Es scheint ihnen kein besonderer Wert an sich beigemessen worden zu sein. Hatten sie ihren Zweck erfüllt, verloren sie möglicherweise nur ihre Bedeutung für die einzelne Kulthandlung, und wurden wieder ein Teil des Ganzen, ohne dabei ihre Heiligkeit wirklich einbüßen zu müssen: Dies entspricht der religiösen Vorstellung vom chthonischen 31 Charakter allen Lebens wie aller toten Masse, wonach die heilige Erde als Große Göttin gibt, und auch wieder in sich aufnimmt. Die Menschen auf dem Hügel lebten also nicht auf ihren Abfällen, sondern lediglich auf Materie, in des Wortes ursprünglicher Bedeutung, aus der Mutter seiend, und konnten so den Ekel überwinden.

[30] aus: "Trashing rubbish", Abstract von Nerissa Russell und Louise Martin bei Liverpool TAG 96

[31] chthonisch [gr. chto...] der Erde angehörend

 

2.4.2.4. Der Tod Çatal Höyüks - Eine städtische Mumie

Çatal Höyük liegt heute, schon von weitem deutlich sichtbar, in der Landschaft der Konya-Ebene. Der Hügel ist aufgrund seiner Höhe bis heute nicht vollständig mit Schwemmaterial bedeckt. Bei der ersten Begehung durch James Mellaart waren bereits Mauerreste sichtbar. So ist es nicht verwunderlich, dass auch in früheren Zeiten der Hügel von den BewohnerInnen des Umlandes bemerkt wurde. In hellenistischer und römisch-byzantinischer Zeit war Çatal Höyük offenbar schon ein heiliger Ort: Bei den Ausgrabungen fanden sich immer wieder Gräber aus dieser Zeit, eingelassen in die Oberfläche des Tells, bei deren Aushub schon damals Funde gemacht worden sein müssen, die möglicherweise die Entstehung von Mythen förderten.

Çatal Höyük als Ganzes scheint, wie ein einzelnes Haus auf dem Tell, regelrecht gestorben zu sein. Die Stadt starb langsam, anscheinend ohne, dass es zu einem von Menschen herbeigeführten gewaltsamen Ende kam. Diese Ansicht hat sich in der Fachwelt offenbar durchgesetzt, obwohl die obersten Schichten stark erodiert sind und eine genaue Untersuchung auf diese Frage hin gar nicht mehr möglich ist. Tatsächlich finden sich auf der Oberfläche keinerlei Kriegswaffen, die, wenn sie aus Metall oder Stein gewesen wären, noch möglicherweise erhalten sein könnten. Die gefundenen Toten sind allesamt ordentlich bestattet, auch wurden bisher keine verstreuten menschlichen Knochen mit Spuren von Gewalteinwirkung entdeckt. Die Ursache für die Aufgabe des Siedlungsplatzes wird deshalb woanders gesucht.

Ob die naturräumlichen Bedingungen infolge der langsamen Versalzung der Ebene bereits innerhalb des guten Jahrtausends der Besiedlung Çatal Höyüks sich so zum Schlechten veränderten, dass eine Hungersnot ausbrach, konnte bisher noch nicht nachgewiesen werden.

Möglicherweise war es auch eine Seuche, die einen Großteil der Bevölkerung hinweg raffte, und die Überlebenden zum Wegziehen bewegte. Auch ein Erdbeben könnte nicht nur zahllose Tote gefordert haben, sondern auch einen Schock ausgelöst haben, der zum Wegziehen bewogen haben könnte. Vielleicht war der Weggang der Leute auch religiös begründet, entweder infolge eines Erdbebens oder einer anderen Naturerscheinung.

Ebenso denkbar sind psycho-soziale Aspekte, die am Ende zu einer Destabilisierung der Großgemeinschaft geführt haben. Bevor jedoch ein denkbarer Wunsch nach Privatheit 32 übergroß wurde, muss das Verantwortungsgefühl für die Gemeinschaft zerstört worden sein.

Gerda Lerner schreibt, dass "entweder eine militärische Niederlage oder die Unfähigkeit der Bewohner zur Anpassung an veränderte ökologische Bedingungen hinzudeuten scheint. In beiden Fällen würde das die Beobachtung bestätigen, dass Gemeinschaften mit relativ egalitären Beziehungen zwischen den Geschlechtern nicht überlebten." (Lerner, 1989, S.57)

Nachdem Çatal Höyük verlassen wurde, ließen sich möglicherweise die BewohnerInnen auf der anderen Seite des Flusses nieder und gründeten hier Çatal Höyük West, welches nur 700 Jahre bestand hatte, und erneut ohne Spuren von Gewalt aufgegeben wurde.(Mellaart, 1967, S.66) Ob es wirklich die gleichen Menschen waren, die sich eine neue Stadt bauten, ist noch nicht geklärt, ebenso, ob Çatal Höyük (Ost) wirklich schon zu diesem Zeitpunkt völlig verlassen war.

[32] privare, lat. rauben.