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| Kennst Du Çatal Höyük? Abstract zum Openbook von Gabriele Uhlmann |
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| Dieser bemerkenswerte Ort liegt in der Konya-Ebene in Anatolien/Türkei. Bemerkenswert deshalb, weil hier die - nach Auffassung vieler WissenschaftlerInnen - | |||
| älteste Stadt der Welt, | |||
| der grösste Siedlungshügel
der Jungsteinzeit und gleichzeitig |
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| die älteste Stadtkultur der
Welt zu finden ist. |
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| Übersetzt heißt der Name 'Der Hügel an der Weggabelung'. | |||
| [Rekonstruktionsversuch] | |||
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Während meines Architekturstudiums begann ich mich intensiv mit dieser faszinierenden,
unvorstellbaren Stadt zu beschäftigen. In den Jahren 1998 und 1999 hatte ich
eine große Studienarbeit
verfasst, die den Titel "Çatal Höyük - Interpretation am Scheideweg" trug,
und
die ich an dieser Stelle als OPENBOOK veröffentlicht hatte. Es gibt nämlich höchst unterschiedliche Meinungen
darüber, wie Çatal Höyük zu interpretieren sei. Noch relativ harmlos ist der
Streit darüber, ob nicht Jericho die älteste Stadt gewesen ist. Die
Definition des Begriffes STADT ist allein äusserst schwierig. Aber Çatal Höyük
als Stadt
zu bezeichnen, wo sie nicht einmal
Stadtmauern, Befestigungsanlagen oder gar ein Zentrum, geschweige denn Strassen
oder nur Türen hat, ist immer noch sehr gewagt, denn es gibt eine Lobby, die
leider tonangebend ist und genau diese Eigenschaften als alleinige Merkmale gelten
lässt. Dennoch ist Çatal Höyük so herausragend in ihrer Zeit und in ihrer größeren
Umgebung, dass selbst diese WissenschaftlerInnen nicht anders können, als sie
als "Jahrhundertfund" zu
bezeichnen. Für die Kulturgeschichte
der Menschheit hat Çatal Höyük
eine weitaus größere Bedeutung als beispielsweise die Sieben Weltwunder. Die
ältesten Schichten des Hügels sind unglaubliche 9250 Jahre alt! Die Bauweise der Häuser
hat sich über einen Zeitraum von ca. 1000 Jahren nicht verändert, d.h. hier
war von Anfang an eine Stadtkultur. Wohl als der Hügel zu hoch wurde sind die
BewohnerInnen umgezogen, zu einem Platz gleich daneben, wo sie wieder 700 Jahre
friedlich lebten, bis... Wenn Du also die Bilder
anschaust, bedenke immer, es ist eine Stadt aus der Steinzeit bzw. Jungsteinzeit!
Aber nirgends sind keulenschwingende,
ihre Frauen an den Haaren hinter sich her ziehende Männer zu finden. Nirgends
finden sich
Spuren barbarischer Menschenopfer. Und sie hausten auch nicht in Höhlen.
Stattdessen finden sich planvoll angelegte Häuser mit kunstvollen Wandgemälden,
wunderschöne Plastiken und eine Kultur der Mitmenschlichkeit, wie sie
später nur noch in den abgelegensten Gebieten der Erde zu finden sind, jedenfalls
nicht in Europa. Ein höheres Maß an sozialer Kultur hat die Menschheit nie mehr
erreicht. |
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Aber schau Dir erst einmal die Bilder an. Es sind Rekonstruktionsversuche der Innenräume, die genau so hundertfach vorkommen und Wohnraum und Heiligtum zugleich sind. Fast jedes Haus ist eine Kultstätte, in der die Grosse Göttin verehrt wurde. Unter den Schlaf-Plattformen wurden auch die Toten bestattet: Die Menschen lebten mit und auf ihren Ahnen. Das ist in dieser Kurzfassung auch der von allen Seiten unbestrittene Stand der Forschung. Über alles weitere gehen die Meinungen extrem auseinander. Vielleicht hat es Dich beim Betrachten der Bilder auch geschaudert. Vielleicht empfindest Du die Räume als Gruselkabinette und kannst Dir nicht vorstellen, dass hier glückliche, friedliche Menschen gelebt haben. Auch die Vorstellung auf einem Friedhof zu wohnen, wird Dir sehr unangenehm sein. Mir geht's nicht anders, aber diese Menschen brauchten diese Symbolik und ihre Ahnen, um ihr Leben als Teil eines Zyklus zu verstehen. Das gab ihnen Sicherheit und wahrscheinlich kannten sie auch keine Angst vor dem Tod, wie wir es gewohnt sind. Die Gemeinschaft Çatal Höyüks "funktionierte" matrilinear und matrilokal. Sie war so nicht "geplant", sondern diese Lebensweise entsprach der menschlichen Natur, wie sie seit 200.000 Jahren gelebt wurde. Und nicht nur sie war es in dieser Zeit, sondern auch alle Siedlungen Mesopotamiens und des Alten Europa. Ihnen allen ist gemeinsam, dass die Bilder eine andere Sprache sprechen, als sie uns vertraut ist. Der Grund dafür ist, dass seit Ende der Jungsteinzeit eine neue Gesellschaftsform endgültig durchgesetzt wurde, die uns bis heute den Blick für unsere wahre Natur versperrt: Das Patriarchat. Der Symbolkanon Çatal Höyüks ist in mindestens sieben figürliche Kategorien einteilbar, die auch schon auf den Bildern oben zu erkennen sind: Die Grosse Göttin, die Bärengöttin, Doppelgöttinnen, gehörnte Tiere, Leoparden, Geier und Jagddarstellungen. Über ihre Bedeutungen ist in der Fachwelt ein Streit entbrannt, der aufgrund der besseren Argumente der neuen Sicht, geprägt durch die Archäologin Marija Gimbutas, auch bei manchen WissenschaftlerInnen zum Umdenken geführt hat. Aus der offiziellen Wissenschaft wird sie jedoch aufs Heftigste bekämpft, auf eine Weise, die erahnen lässt, dass weit mehr als die Suche nach Erkenntnis dahintersteckt. Dass die Kultur Çatal Höyüks bis heute weiterlebt, hört sich unglaubwürdig an, doch wir leben täglich mit einer uralten Bildersprache. Sie hat sich bis heute im Alltag unbemerkt tradiert. James Mellaart, der Entdecker und erste Ausgräber Çatal Höyüks, behauptete sogar, dass die Muster türkischer Webteppiche, Kelims, mit den Wandmalereien in Çatal Höyük übereinstimmen. Zwar ist mittlerweile klar, dass er seine Beispiele gefälscht hat, dennoch hat er vielen damit die Augen geöffnet für die Bilder auf den Kelims, die tatsächlich weit mehr zeigen als abstrakte Muster. Vielleicht steigen auch in Dir Erinnerungen an die Kindheit auf, als Du schon Figuren sahst, wo Dir Erwachsene einreden wollten, dass es 'nur' ein Muster sei. Mellaart selbst erkannte und deutete die Bilder, die auch ihm so fremdartig erschienen, in besonderer Weise und gab damit der Matriarchatsforschung das gesuchte Material in die Hände, und er setzte unfreiwillig eines der Fundamente zu einer feministischen Archäologie. Ein Matriarchat - also "Mütterherrschaft" - gab es aber weder hier noch anderswo, doch Mellaart war trotzdem schon recht nah an der Wahrheit. Für Çatal Höyük können wir die Matrifokalität (= Matrilinearität und Matrilokalität) feststellen, die in der Altsteinzeit das Leben aller Menschen bestimmte. Das Patriarchat, das wir heute fast weltweit vorfinden, war noch nicht durchgesetzt. Diese Zeit war herrschaftsfrei, d.h. die Menschen lebten in Konsens-Gemeinschaften statt in einer Gesellschaft. Heute ist Çatal Höyük zu etwas wie einer PilgerInnenstätte geworden,
und der derzeitige Ausgrabungsleiter Ian Hodder schien dem zeitweilig
Rechnung zu tragen, indem er zahlreiche Archäologinnen mit der Untersuchung
gerade der bildlichen Darstellungen betraut hatte und auf der offiziellen
Homepage Çatal Höyük sein Diskussionsforum anbot. Doch seit einiger
Zeit hat sich etwas verändert. Mit ziemlicher Heftigkeit werden nun
alle diejenigen bekämpft, die über die Große Göttin von Çatal Höyük
forschen, ob sie nun AnhängerInnen der Matriarchatsforschung sind oder
nicht. |
Die Fotos dieser Seite stammen
aus dem Buch Klicke die Bilder an, und Du kannst sie groß sehen. |
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