Çatal Höyük

Abstract zum OPENBOOK
über die neolithische Stadt Çatal Höyük


Çatal Höyük oder auch Çatal Hüyük, dieser bemerkenswerte Ort, liegt in der Konya-Ebene in Anatolien/Türkei. Bemerkenswert deshalb, weil hier die - nach Auffassung vieler WissenschaftlerInnen -

  • älteste Stadt der Welt,
  • der grösste Siedlungshügel der Jungsteinzeit und gleichzeitig
  • die älteste Stadtkultur der Welt

zu finden ist. Während meines Architekturstudiums begann ich mich intensiv mit dieser faszinierenden, unvorstellbaren Stadt zu beschäftigen. In den Jahren 1998 und 1999 hatte ich eine große Studienarbeit verfasst, die den Titel "Çatal Höyük - Interpretation am Scheideweg" trug und die ich an dieser Stelle als OPENBOOK veröffentlicht habe.
Seitdem ist viel passiert. Çatal Höyük wurde weiter ausgegraben und die Öffentlichkeitsarbeit wurde vorangetrieben. Daher hatte ich mich entschlossen, erneut zu recherchieren und meinen Text vollkommen zu überarbeiten. Ich beförderte damit Ungeheuerliches zutage ... Höhepunkt war die Landesaustellung 2007 in Karlsruhe, die sich mit der Jungsteinzeit Anatoliens beschäftigte.

Um nicht den gleichen Fehler zu begehen und die Funde durch eine ideologisch gefärbte Brille zu sehen, müssen wir interdisziplinär die sicht- und lesbaren Indizien dieses Krimis analysieren. Ich kann an einfachen Beispielen zeigen, wie traditionelle Einstellungen den Blick auf diesen äußerst ungewöhnlichen Ort verstellen. Verblüffend wird es, wenn nur eine einzige Denkgewohnheit in Frage gestellt wird und sich eine völlig neue Welt eröffnet, in der sich plötzlich alle Widersprüche in Luft auflösen - eine Welt, vor der sogar die türkische Regierung Angst bekam, und deshalb für lange Zeit die Grabung verbot. Das ist eine Welt, in der nicht ein Gottvater mit einem von ihm geborenen Mann die Frau zeugt oder eine Jungfrau zum Kinde kommt, sondern eine ganz natürliche, selbstverständliche. Wahrscheinlich ist auch Angst der Grund, warum Schulkinder nichts über diesen Ort erfahren und lernen müssen, dass Zivilisation mit der Erfindung der Schrift beginne, die zur Zeit Çatal Höyüks noch nicht erfunden war.

Noch relativ harmlos war der Streit darüber, ob nicht Jericho die älteste Stadt gewesen sei. Dabei ist die Definition des Begriffes STADT äusserst schwierig. Aber Çatal Höyük als Stadt zu bezeichnen, wo sie nicht einmal Stadtmauern, Befestigungsanlagen oder gar ein Zentrum, geschweige denn Strassen oder nur Türen hat, ist immer noch sehr gewagt, denn es gibt eine tonangebende Gruppe, die genau diese Eigenschaften als alleinige Merkmale gelten lässt. Dennoch ist Çatal Höyük so herausragend in ihrer Zeit und in ihrer größeren Umgebung, dass selbst diese WissenschaftlerInnen nicht anders können, als diese frühe Zivilisation als "Jahrhundertfund" zu bezeichnen.

Für die Kulturgeschichte der Menschheit hat Çatal Höyük eine weitaus größere Bedeutung als beispielsweise die Sieben Weltwunder. Die ältesten Schichten des Hügels sind unglaubliche 9250 Jahre alt! Die Bauweise der Häuser hat sich über einen Zeitraum von ca. 1000 Jahren nicht verändert, d.h. hier war von Anfang an eine Stadtkultur. Wohl als der Hügel zu hoch wurde sind die BewohnerInnen umgezogen, zu einem Platz gleich daneben, wo sie wieder 700 Jahre friedlich lebten, bis...tja, niemand weiß, was dann geschah. Der zweite Hügel liegt ebenfalls verlassen da, ohne dass irgendwelche Spuren einer Katastrophe oder eines Krieges zu finden sind.

Wenn Sie sich also die Bilder (rechte Spalte unten) anschauen, bedenken Sie immer, es ist eine Stadt aus der Steinzeit! Aber nirgends sind keulenschwingende, ihre Frauen an den Haaren hinter sich her ziehende Männer zu finden. Die Gemeinschaft Çatal Höyüks lebte noch in der Tradition der Altsteinzeit, war aber bereits neolithisiert, d.h. die Stadt war jungsteinzeitlich. Der Ackerbau bzw. Hackbau war erfunden, und es wurden auch Kleintiere gehalten. Es wurde jedoch noch viel gejagt, obwohl die RinderDOMESTIKATION schon begonnen hatte. Diese war aber noch nicht in RinderZUCHT übergegangen, was einen wichtigen Unterschied darstellt. Die BewohnerInnen Çatal Höyüks lebten zu 80% von den Erzeugnissen des Hackbaus, einer Erfindung der SammlerInnen der ausgehenden Altsteinzeit. Nirgends finden sich Spuren barbarischer Menschenopfer. Und sie hausten auch nicht in Höhlen. Stattdessen finden sich planvoll angelegte Häuser mit kunstvollen Wandgemälden, wunderschöne Plastiken und eine Kultur der Mitmenschlichkeit, wie sie später nur noch in den abgelegensten Gebieten der Erde zu finden sind, jedenfalls nicht in Europa. Ein höheres Maß an sozialer Kultur hat die Menschheit nie mehr erreicht.

Die Bilder sind Rekonstruktionsversuche der Innenräume, die genau so hundertfach vorkommen und Wohnraum und Heiligtum zugleich sind. Fast jedes Haus ist eine Kultstätte, in der die Grosse Göttin verehrt wurde. Unter den Schlaf-Plattformen wurden auch die Toten bestattet: Die Menschen lebten mit und auf ihren Ahnen. Das ist in dieser Kurzfassung auch der von allen Seiten unbestrittene Stand der Forschung.

Über alles weitere gehen die Meinungen extrem auseinander.

Vielleicht schaudert es Sie beim Betrachten der Bilder. Vielleicht empfinden Sie die Räume als Gruselkabinette und können sich nicht vorstellen, dass hier glückliche, friedliche Menschen gelebt haben. Auch die Vorstellung auf einem Friedhof zu wohnen, wird Ihnen vielleicht sehr unangenehm sein. Aber diese Menschen brauchten diese Symbolik und ihre Ahnen, um ihr Leben als Teil eines Zyklus zu verstehen. Das gab ihnen Sicherheit und wahrscheinlich kannten sie auch keine Angst vor dem Tod, wie wir es gewohnt sind.

Die Gemeinschaft Çatal Höyüks "funktionierte" matrilinear und matrilokal. Sie war so nicht "geplant", sondern diese Lebensweise entsprach der menschlichen Natur, wie sie seit 200.000 Jahren gelebt wurde. Und nicht nur sie war es in dieser Zeit, sondern auch alle Siedlungen Mesopotamiens und des Alten Europa. Ihnen allen ist gemeinsam, dass die Bilder eine andere Sprache sprechen, als sie uns vertraut ist. Der Grund dafür ist, dass seit Ende der Jungsteinzeit eine neue Gesellschaftsform endgültig durchgesetzt wurde, die uns bis heute den Blick für unsere wahre Natur versperrt: Das Patriarchat (= Herrschaft der Väter).

Der Symbolkanon Çatal Höyüks ist in mindestens sieben figürliche Kategorien einteilbar, die auch schon auf den Bildern zu erkennen sind: Die Grosse Göttin, die Bärengöttin, Doppelgöttinnen, gehörnte Tiere, Leoparden, Geier und Jagddarstellungen. Über ihre Bedeutungen ist in der Fachwelt ein Streit entbrannt, der aufgrund der besseren Argumente der neuen Sicht, geprägt durch die Archäologin Marija Gimbutas, auch bei manchen WissenschaftlerInnen zum Umdenken geführt hat. Aus der offiziellen Wissenschaft wird sie jedoch aufs Heftigste bekämpft, auf eine Weise, die erahnen lässt, dass weit mehr als die Suche nach Erkenntnis dahintersteckt.

Dass die Kultur Çatal Höyüks bis heute weiterlebt, hört sich unglaubwürdig an, doch wir leben täglich mit einer uralten Bildersprache. Sie hat sich bis heute im Alltag unbemerkt tradiert. James Mellaart, der Entdecker und erste Ausgräber Çatal Höyüks, behauptete sogar, dass die Muster türkischer Webteppiche, Kelims, mit den Wandmalereien in Çatal Höyük übereinstimmen. Zwar wird ihm nachgesagt, dass er seine Beispiele gefälscht hätte, dennoch hat er vielen damit die Augen geöffnet für die Bilder auf den Kelims, die tatsächlich weit mehr zeigen als abstrakte Muster. Vielleicht steigen auch in Ihnen Erinnerungen an die Kindheit auf, als Sie schon Figuren sahen, wo Erwachsene Ihnen einreden wollten, dass es 'nur' ein Muster sei.

Mellaart selbst erkannte und deutete die Bilder, die auch ihm so fremdartig erschienen, in besonderer Weise und gab damit der Matriarchatsforschung das gesuchte Material in die Hände, und er setzte unfreiwillig eines der Fundamente zu einer feministischen Archäologie. Ein Matriarchat - also "Mütterherrschaft" - gab es aber weder hier noch anderswo, doch Mellaart war trotzdem schon recht nah an der Wahrheit. Für Çatal Höyük können wir die Matrifokalität (= Matrilinearität und Matrilokalität) feststellen, die in der Altsteinzeit das Leben aller Menschen bestimmte. Das Patriarchat, das wir heute fast weltweit vorfinden, war noch nicht durchgesetzt. Diese Zeit war herrschaftsfrei, d.h. die Menschen lebten in Konsens-Gemeinschaften statt in einer Gesellschaft.

Heute ist Çatal Höyük zu etwas wie einer PilgerInnenstätte geworden, und der derzeitige Ausgrabungsleiter Ian Hodder schien dem zeitweilig Rechnung zu tragen, indem er zahlreiche Archäologinnen mit der Untersuchung gerade der bildlichen Darstellungen betraut hatte und auf der offiziellen Homepage Çatal Höyük sein Diskussionsforum anbot. Doch seit einiger Zeit hat sich etwas verändert. Mit ziemlicher Heftigkeit werden nun alle diejenigen bekämpft, die über die Große Göttin von Çatal Höyük forschen, ob sie nun AnhängerInnen der Matriarchatsforschung sind oder nicht.
Mittlerweile entspricht die offizielle Interpretation wieder dem Willen der türkischen Regierung. Matrifokalität wird für Çatal Höyük geleugnet und als ideologische Spinnerei hingestellt. Dabei sprechen die Befunde der Jungsteinzeit weltweit für etwas anderes.

Nun mehr im OPENBOOK, das weiterhin den passenden Titel "Çatal Höyük - Interpretation am Scheideweg" trägt. Es ist aufgrund der Datei-Größe nun auf drei HTML-Seiten verteilt.


© Gabriele Uhlmann


Die Fotos dieser Seite stammen aus dem Buch

'Die Entdeckung von Çatal Höyük - 
Der archäologische Jahrhundertfund' 
von Heinrich Klotz, München 1997 


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