2. Etana-Forschung
Der Text wurde wahrscheinlich schon vor der schriftlichen Niederlegung
lange Zeit mündlich tradiert. Er ist dabei immer wieder verändert
worden. Details wurden weggelassen, andere hinzugefügt. Auch nach
der ersten bekannten Niederschrift wurde der Text weiter verbreitet
und dabei weiter verändert. So sind nun drei keilschriftliche Tafeln
bekannt. Eine altbabylonische, eine mittelassyrische und eine neuassyrische
Tafel wurden Ende des Neunzehnten Jahrhunderts entdeckt. Semiten
könnten genuine Träger des Etana-Erzählung sein. 1 Die altbabylonische
Fassung (ca. 1800 v.u.Z.) ist in Akkadisch (eine ostsemitische Sprache)
verfasst. Dass sumerische Versionen gefunden werden könnten, soll
daher fraglich
sein, obwohl Etana an erster Stelle der sumerischen Königsliste genannt
ist. Diese Liste führt überraschend semitische und sumerische Namen
gemischt auf: So folgte der sumerischen Königin Kubaba, ihr
Sohn mit semitischem Namen, ihm wiederum ein Sohn mit sumerischem
Namen. 2
Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts lagen der Mythenforschung alle
drei
Versionen
übersetzt
vor.
Die Interpretation der Etana-Geschichte ist eine besondere Herausforderung
nicht nur wegen der Zweiteilung in eine reine Tiergeschichte und
eine Mensch-Tier-Gottheit-Geschichte. Schon seit hundert Jahren wird
über den genauen Wortlaut debattiert. Die Tafeln sind ja teilweise
beschädigt, es fehlen ganze Passagen oder manche Sätze oder Worte
sind nur fragmentarisch erhalten 3.
Auch ist nicht vollständig geklärt, welche Seiten der Tafeln als
Vorder- oder Rückseite anzusprechen
sind. Daraus ergeben sich Varianten der Reihenfolge im Erzählgang.
Auch sind einige Worte nicht zweifelsfrei übersetzt. Um die
eigentliche Deutung des Textes jedoch, um seinen Gehalt, wird meist
herumgeschlichen, wie die Katze um den heißen Brei. Was aber hindert
die Forschung?
Um dies zu beantworten und uns selbst "einen
Reim zu machen" brauchen wir noch weitere Hintergrundinformationen.
1 Aus Quelle 1.
2 Aus Quelle 4. Zu Kubaba siehe auch Kapitel
6 unten sowie Die
Spuren der Großen Göttin von Çatal auf dieser Homepage.
3
Die Abbildung oben bietet eine Vorstellung vom Grad der Zerstörung.
Neuassyrische Tafel. 700 v.u.Z., Ninive. Original im Britischen
Museum, London.
|