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Die Symbole:
Rapunzel:
Das Mädchen Rapunzel wurde nach den "Rapunzeln" im Garten der Frau
Gothel benannt. Weil der Name für drei Pflanzen
aus zwei verschiedenen Pflanzenfamilien verwendet
wird, ist unklar, welche Rapunzeln gemeint sind. Ein kurzer Ausflug in die
Botanik ist daher hilfreich, sich einer Antwort zu nähern.
Als Rapunzelsalat
bekannt ist vor allem der kultivierte Feldsalat (bot. Valerianella locusta)
aus der
Familie der Baldriangewächse, der aus dem Mittelmeerraum stammt und erst im
17. Jahrhundert in Gärten angebaut wurde.
Die Rapunzel-Glockenblume (bot. Campanula rapunculus) aus
der
Familie
der Glockenblumen wird schon im 16. Jahrhundert als
Gartennutzpflanze nachgewiesen. Ihrer schönen, lila Blüten wegen fällt sie
besonders ins Auge, nicht jedoch wegen besonders saftiger Blätter.
Aber auch Teufelskrallen (bot. Phyteuma)
aus der Familie der Glockenblumen werden
einfach Rapunzeln genannt wegen ihrer rübenförmigen
Wurzeln (lat. rapunculus = Rübchen). Der griechische Name leitet sich von
griech. phyteuein = zeugen ab oder bedeutet ganz einfach "Pflanze" (phyteuo).
Dieses Wildkraut ist keine Heilpflanze,
der
Name kann aber auf die Verwendung als Aphrodisiacum hindeuten. Teufelskrallen
sind sehr wohlschmeckend und waren früher als Wildgemüse
gebräuchlich. Ihr dämonisierter Name ist ein Hinweis darauf, dass die Pflanze
etwas mit der vorchristlichen Religion zu tun hat. Die kulturgeschichtlichen
Indizien sprechen also dafür, dass im Märchen die Teufelskralle
gemeint
ist.
Die
schwangere Mutter Rapunzels verfällt den Rapunzeln :
" Da erblickte
sie ein Beet, das mit den schönsten Rapunzeln bepflanzt war, und sie sahen
so frisch
und grün aus, daß sie lüstern ward und das größte Verlangen empfand, von den
Rapunzeln zu essen. Das Verlangen nahm jeden Tag zu, und da sie wußte, daß
sie keine davon bekommen konnte, so fiel sie ganz ab, sah blaß und elend aus.
Da erschrak der Mann und fragte: "Was fehlt dir, liebe Frau?" "Ach",
antwortete sie, "wenn ich keine Rapunzeln aus dem Garten hinter unserm
Hause zu essen kriege so sterbe ich."
Ist Rapunzels Mutter also symbolisch in den Krallen des Teufels? Ist
gar der Teufel der wahre Vater des Mädchens Rapunzel? Der Teufel ist zwar eine
Erfindung des 7. Jahrhunderts v.u.Z., die Zeit der Entstehung des Alten Testamentes,
aber als Märchenfigur überdauerte er bis heute. Als Sexualpartner der Hexen
spukt er durch die Mythologie vieler Regionen Europas und in den Büchern der
Inquisition.
In den anderen Versionen ist Rapunzel "Petersilchen". Die Petersilie
steht seit dem Altertum als einzige Pflanze für Tod, Unglück und gleichzeitig
auch für die Liebe . Die "Petersilientunke der Liebe" nach Basile
meint den schon im Mittelalter aus diesem "Hexenkraut" hergestellten
und aphrodisisch wirkenden Extrakt der Pflanze. Zum angeblich wirkungsvollen
Aphrodisiakum wird sie durch den anregenden Wirkstoff Apiol. Dieser ist
allerdings auch "uteruserregend", was eine Schwangerschaft zum Abbruch
bringt. Der Rapunzel-Salat des Märchen jedoch hat eine angenehme Wirkung
auf
die
werdende
Mutter. Sie braucht ihn, um schwanger zu bleiben. Damit ist er das magische Gebärkraut
der
babylonischen
Göttin I¹tar, das König
Etana der Göttin entreißen muss.
(Die Graphik zeigt Blauen Waldrapunzel, eine Art der Teufelskralle.)
Wer ist Frau Gothel?
"Gerade, dass sie niemals als Hexe, sondern immer nur die Zauberin
oder "Die
Alte" und von Rapunzel "Frau Gothel" benannt wird, was mundartlich
Patin bedeutet, lässt uns an jene im Dämmer der Geschichte liegenden
Zeiten denken, wo die Muttergottheit für die Menschen einen überragenden
Einfluss hatte."
(nach R.Geiger)
Die Namensähnlichkeit von Gothel und Gott erklärt Barbara Walker mit einem Wort
aus dem Englischen:
Gossip ist ein uraltes, englisches Wort für Frauen, besonders für solche, die
das mittlere Alter überschritten haben. Deutsche Übersetzungen wie Patin, Klatschweib,
Gevatterin oder Waschweib treffen nur einzelne Aspekte des englischen Begriffs.
Das ursprüngliche Wort lautete godsib, "Verwandte Gottes", womit eine
godmother, engl. "Patin" (wörtlich Gott-Mutter) gemeint war. In vorchristlicher
Zeit galten ältere Frauen als göttlich, weil sie nach ihrer Menopause ihr "weises
Blut" bei sich behielten. In christlicher Zeit war gossip die allgemeine
Bezeichnung für "Patin".
Frau Gothel wird ihres Rapunzel-Salates beraubt. Ihre Wut zeigt, wie wichtig
er für sie ist. Hier liegt ihre Macht. Um sich diese Macht zurückzuholen,
muss sie das Kind rauben.
Mutter und Tochter:
Diese Dualität findet sich in vielen antiken Mythen wie dem von Demeter und Kore.
Beide sind jedoch nur Aspekte der noch viel älteren Grossen Göttin, die erst
'halbiert' und schließlich
'gedrittelt' als Trinität (Jungfrau, Mutter und Alte) Vorläuferin der christlichen
Dreieinigkeit und Dreifaltigkeit zu sehen ist. Demeter und Kore
sind
die Große Doppelgöttin des Neolithikums, die die matrilineare Erbfolge
verkörpert.
Zwillinge:
Zahllose Plastiken zeigen die Doppelgöttin des
Neolithikums. Aus ihr ging neben der göttlichen
Zweieinigkeit das mythische Zwillingsprinzip hervor. Dieses ist also mit dem
Mutter-Tochter-Prinzip
verwandt.
Im Märchen gebiert Rapunzel jedoch eine Tochter und einen Sohn. Hierin
drückt sich die beginnende Patriarchalisierung aus. Im weiteren Verlauf
dieses Prozesses einer Mythenanpassung an bestehende politische Verhältnisse
stehen zwei Brüder (z.B. Kain und Abel) und schließlich Vater und
Sohn.
Soweit kommt es im Märchen von Rapunzel nicht. Dies unterscheidet das
Märchen vom Mythos. Im Vordergrund steht die menschliche Paarbildung.
Haare:
Das Haar galt gewöhnlich als Träger
oder Sitz zumindest eines Teils der Seele. Im Altertum besaßen Frauen
ohne langes Haar keine Zauberkraft, weswegen Frauen mit abgeschnittenem Haar
als
ungefährlich galten. Das mittelalterliche Europa kannte eine Unzahl
magischer Vorstellungen, die auf der heidnischen Bedeutung des Haares basierten.
Kinderhaar blieb viele Jahre lang mit der Begründung ungeschnitten, dass sonst
die Kraft des Kindes geschwächt würde. (Barbara Walker)
Die Botschaft des Symbols ist bitter:
Rapunzel verliert
mit
ihren
Haaren
ihre
Kraft. Es ist die Kraft
der
alten
matrifokalen Lebensweise. Mit diesem Regieeinfall, dem brutalen Abschneiden des
göttlichen Zopfes, sind
die
Mythografen
sehr
zufrieden:
Rapunzel
wird
damit
für
die
patriarchale
Welt
annehmbar.
Rapunzels Haare waren eine Himmelsleiter zur Großen Göttin. Dem Prinzen
ist
der
Zugang
zum
Turm jetzt für immer verwehrt.
Turm:
Der Turm war immer schon der Versuch des Menschen, dem Himmel nahe zu kommen,
soweit
es
technische
Mittel zulassen (Turmbau zu Babel). Er
steht auch für Schutz (Wohntürme des Mittelalters,
Bergfriede).
Ein Turm verbindet das Unten mit dem Oben und damit
ist
er
verwandt
mit
dem
Heiligen
Baum.
Im
Tarot
jedoch steht
der
Turm
für
Zerstörung
und umwälzende Veränderung - eine erdbebengleiche Erleuchtung und das Ende
falschen Bewusstseins. Strukturen brechen zusammen, doch am Ende steht nicht
der
Tod, sondern höchste Glückseligkeit der Unsterblichkeit der Seele und der göttlichen
Natur des Körpers. (nach Vicky Noble)
Der Turm hat damit keine phallische Bedeutung, die ihm gerne zugeschrieben
wird. Er bedeutet das Oben, und besonders den Ort und die Zeit der
Göttin, die matrifokale Zeit. Rapunzel im Turm war für ihn das Paradies, aus
dem er nun vertrieben wurde. Doch diese Strafe allein reicht noch nicht.
Blindheit:
Nachdem die Liebenden entdeckt sind, wird der Prinz nicht nur vertrieben, sondern
mit Blindheit geschlagen. Das Vergehen scheint schwerer zu
wiegen als ein Biss in den Apfel der Erkenntnis. Seine Blindheit steht aber
nicht für das körperliche Leiden, sondern für die Unfähigkeit
die Wahrheit zu erkennen. Die Wahrheit ist schwer zu erkennen, denn es stehen
die alte Wahrheit gegen die neue: War es ein Fehler, Rapunzel zu lieben? Oder
war
es richtig, und nur der Moment und die Art und Weise waren falsch?
Ist Frau Gothel eine böse Hexe, die im Wege steht, oder durfte
er das Gesetz
der Göttin nicht
überschreiten?
Rapunzel behält ihr Augenlicht, offenbar wiegte ihre Schuld nicht ganz so schwer.
Hatte sie also in den Augen der Mythografen etwas richtig gemacht?
Wüste:
Rapunzel bricht aus der Welt der Göttin aus, aber sie hat für sich die
biologisch angelegte female choice angemeldet, die im Patriarchat
unterdrückt wird, in matrifokaler Zeit aber noch selbstverständlich war:
Sie hat für sich im Anspruch genommen, ihren Partner frei zu wählen
und
wird ohne
Heirat schwanger. Nur dafür wird sie in die Wüste vertrieben. Dieser Wendepunkt
im Erzählstrang und der Ort muten für ein europäisches Märchen
seltsam
fremd
an.
Und tatsächlich
befinden wir uns nun im Kontext des biblischen Nahen Ostens: die Mythografen
haben sich verraten.
Die Wüste
ist anarchisch wie die Urmutter allen Lebens. Hier gibt es keinen Herrscher,
aber es
herrschen
die Naturgesetze.
Es
geht
ums
nackte Überleben und das ist nur durch eine extreme Anpassung möglich.
Für die Menschen bedeutet das Gesetz der Wüste Patriarchat, weil sie sich
in einem für sie widernatürlichen Lebensraum aufhalten, und sie zu Hirtennomaden
werden müssen. Diese Lebensweise hat das Patriachat erst hervorgebracht.
Die
totbringende Wüste trägt dennoch das Potential allen Lebens in sich. Sobald
es regnet,
beginnt
die
Wüste
zu
blühen...
In der Offenbarung
des Neuen Testaments lesen wir, dass die
Wüste, die in 1.Mose1.2. für den Anfang steht ("Die Erde war wüst und leer"),
in der vorbiblischen Zeit der
Sitz
der Großen
Göttin
war: "Und er brachte mich im Geist in die Wüste. Und ich sah ein Weib sitzen
auf einem scharlachfarbenen Tier, das war voll Namen der Lästerung und
hatte sieben Häupter und zehn Hörner." Offenbarung 17.3
Die Große Göttin ist die babylonsiche
I¹tar, die mit ihrem Sohngeliebten, dem Stier, die Heilige
Hochzeit vollzieht.
Ihre Symboltiere sind Adler und Schlange.
Das Mischwesen aus beiden, der Drache, ist die dämonisierte Göttin, die
in der patriarchalen Theologie der Offenbarung vor sich selber flieht:
"Und da der Drache sah, daß er verworfen war auf die Erde, verfolgte
er das Weib, die das Knäblein geboren hatte. Und es wurden dem Weibe
zwei
Flügel gegeben wie eines Adlers, daß sie in die Wüste flöge an
ihren Ort, da sie ernährt würde eine Zeit und zwei Zeiten und eine
halbe
Zeit vor dem Angesicht der Schlange." Offenbarung 12.13-14
Die Wüste im Märchen offenbart uns, dass Rapunzel
und Frau Gothel ein und dieselbe sind.
Dieses uralte Motiv wird von den
politischen
Theologen, den Kirchenvätern, in Vater und "Wüstensohn" verdreht,
die eins sind.
Am Ende des Märchens siegt die Wahrheit der Kirche.
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